Vier Beine unter Bäumen -- und ein Vogel, der zuschaut. 
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Berlin Mit ihrem Buch „Sie hat Bock“ sorgt Katja Lewina für Aufsehen. Sie hat drei Kinder, lebt mit ihrem Mann in einer offenen Beziehung und schreibt Kolumnen über sexuelle Freizügigkeit und gesellschaftliche Tabus. Die Kolumnistin sitzt am Tisch in einem Neuköllner Café, nicht weit vom Maybachufer. Vor ihr ein Cappuccino und ein aufgeklappter Laptop. Die Tische neben ihr sind besetzt. Gleich soll es im Interview um Sex gehen. Dass jemand mithören könnte, stört sie nicht. 

Frau Lewina, wie bekommt man das unter einen Hut: Ehemann lieben, drei Kinder erziehen, einen Freund haben, Dates verabreden und Kolumnen schreiben?

Manchmal nur schwer. Ich stoße regelmäßig an meine Grenzen. Da geht es mir aber bestimmt nicht anders als den meisten anderen Eltern, die versuchen, Beruf, Liebe und Hobbys miteinander in Einklang zu bringen. Es ist ganz oft eine Frage von Priorisierung und den Arsch hochkriegen. Abende, die ich auf dem Sofa verbringe und Netflix schaue, sind einfach kaum vorhanden. Manchmal brauche ich das natürlich trotzdem. Wir leben oft in Strukturen, die unumstößlich scheinen. Aber die Spielräume sind viel größer, als wir denken.

Wie haben Sie sich daraus befreit?

In der Zeit vor unseren offenen Beziehung hatten mein Mann und ich sehr definierte Räume. Meine Sphäre war allein schon durch drei kleine Kinder die häusliche, während die meines Mannes außerhalb des Hauses lag. Damals war unser Familienalltag sehr starr. Die große Lebenskrise kam, als die Affäre meines Mannes aufflog und wir uns erneut fragten, wie wir eigentlich leben wollen. Welche Sehnsüchte wir haben. Uns wurde klar, in welche Enge wir uns mit unserem traditionellen Familienmodell manövriert hatten. Plötzlich war viel mehr möglich.

Beim Lesen Ihres Buches entsteht der Eindruck, Sie hätten sehr viel Sex. Stimmt das?

Der Eindruck entsteht, weil ich sehr viel und offen darüber rede. Ich habe garantiert nicht wahnsinnig viel Sex. Denn trotz offener Beziehung habe ich gar nicht so viele wechselnde Sexpartner. In meinem Buch sind Geschichten aus 20 Jahren sexueller Aktivität versammelt, es ist sozusagen eine kleine Ausstellung all meiner Erfahrungen.

Wie verändert sich das Sexleben, wenn Kinder kommen?

Für mich hat sich der Sex sehr verändert. Neulich hat mir eine Bekannte erzählt, dass sie sich in ihrer Schwangerschaft unglaublich heiß fühlte und dachte, alle Männer wollten mit ihr ins Bett. Also mit mir wollte ganz sicher keiner ins Bett! (lacht) Und bei mir ging die Lust auch krass in den Keller.

Weswegen?

Am Anfang war das noch toll: Die großen Brüste, das neue Körpergefühl. Aber irgendwann ist man dann dieses Muttertier, überall läuft etwas raus, du stinkst nach Milch, dann schreit das Baby. Es war kompliziert, sich da sexy zu fühlen – und sich als Paar noch jenseits der Elternrolle zu begegnen.

Müssen sich Paare nach der Geburt eines Kindes neu erfinden?

Auf jeden Fall. Und am besten verabschiedet man sich von der Idee, dass man zu jedem Zeitpunkt aufregenden Sex haben muss. Diese Idee ist total belastend, weil der Sex in einer langjährigen Beziehung automatisch weniger wird. Irgendwann kommt eine Phase, in der man rausfindet, dass der Sex nicht das ist, was eine Beziehung ausschließlich definiert. Einer will vielleicht mehr, der andere weniger. Dann hat man eben nicht zweimal in der Woche Sex. Egal! Das muss man sehr viel entspannter angehen.

Foto: Luca Hasselmann
Die Autorin

Katja Lewina wurde 1984 in Moskau geboren. Nach ihrem Studium arbeitete sie als  Lektorin und im Künstlermanagement. Als freie Autorin schrieb sie für alles -  vom Herren- bis zum Familienmagazin, u. a. Brigitte, Eltern family, Playboy, ZEIT ONLINE. Im Februar 2020 erschien ihr Buch „Sie hat Bock“ (DuMont), in dem sie mit Klischees über die weibliche Sexualität aufräumt. Mit Mann und drei Kindern lebt sie in der Nähe von Berlin.

Zum Sex verabreden. Ist das typischer Elternsex?

Davon halte ich persönlich gar nichts. Kann sein, dass manche gute Erfahrungen damit machen, weil sie sich dadurch einen Raum schaffen, Sex zu haben. Für mich hat aber Begehren ganz viel mit Spontanität zu tun. Der Sex mit meinem Mann passiert häufig dann, wenn wir es am wenigsten planen. Wenn die Kinder vor der Glotze sitzen an einem Samstagvormittag, kann das schneller passieren, dass wir ins Schlafzimmer abrauschen, als an einem Freitagabend, an dem wir ganz offiziell unsere Datenight haben.

Ist Samstagvormittag wirklich der beste Zeitpunkt für Eltern, um Sex zu haben? Einer ist bestimmt müde.

Dann lässt man es halt. Ist es wirklich geil, sich zum Sex zu überwinden? Es gibt bestimmt Situationen, da hat mein Mann mehr Lust auf Sex als ich, und ich lass mich dann von ihm betören. Aber es gibt definitiv keinen Sex, wenn ich absolut nicht in Stimmung bin, nur ihm zuliebe. Es geht hier doch um Vergnügen! Für mich ist es voll okay, auch mal ein paar Monate keinen Sex zu haben, weil es gerade keine Priorität hat. Und wenn das Ungleichgewicht zwischen den Bedürfnissen sehr stark ist, kann man immer noch kreativ werden: Selbstbefriedigung ist eine super Sache! Und warum nicht mal über eine offene Beziehung nachdenken?

Wieso fällt es Eltern so schwer, offen über ihr Sexleben zu sprechen?

Tendenziell reden ja die meisten Menschen nicht viel über ihr Sexleben. Und bei Eltern verschärft sich das sogar noch, weil das Thema Muttersein so sakralisiert wird. Die heilige Familie, das höchste Gut unserer Gesellschaft.

Kinder vor Lust …

Ja, viele scheuen sich davor,  Mutterschaft mit so etwas „Schmutzigem“ wie Sexualität in Verbindung zu bringen.

Ich nehme an, Bienchen und Blümchen gibt es bei Ihnen zu Hause nicht. Wie gehen Sie vor Ihren Kindern mit dem Thema Sex um?

Was meine Kinder vor allem lernen, ist ein gutes Gefühl für ihre Körper zu haben. Und dass Sexualität per se nichts Schlimmes ist. Es gibt viele Eltern, die überhaupt nicht mit ihren Kindern darüber reden, weil kindliche Sexualität bei ganz vielen Ängste auslöst. Wenn ihre Kinder zwischen den Beinen rumspielen, kommt das für sie einer erwachsenen Handlung gleich. Dabei haben Kinder einfach ein unbefangenes Verhältnis zu ihrem Körper und wollen ihn kennenlernen.

Wissen Ihre Kinder, was eine offene Beziehung ist?

Wir wollten es ihnen eigentlich nicht erzählen. Durch einen Zufall hat meine damals 8-jährige Tochter das aber mitbekommen und natürlich ganz viele Fragen dazu gestellt. Das war ein Schreck-Moment, weil ich eigentlich vermeiden wollte, dieses Gespräch zu führen. Viele Trennungen in unserem Umfeld  haben sich ereignet, weil plötzlich ein neuer Partner oder eine neue Partnerin aufgetaucht ist. Diese Verunsicherung wollte ich meiner Tochter dann schnell nehmen. Und auf keinen Fall wollte ich sie anlügen.

Kinder wünschen sich Sicherheit und Geborgenheit. Steht das nicht im Widerspruch zur Freiheit und Autonomie einer offenen Beziehung?

Nein, da würde ich Ihnen widersprechen. Unsere offene Beziehung bedeutet nicht, dass wir ständig neue Partner haben und die zu Hause involvieren. Für uns heißt offene Beziehung, dass wir als Personen nicht aufgehen in dieser einen Paarbeziehung. Deshalb fahren wir auch manchmal alleine in den Urlaub und gestehen uns generell mehr Freizeit zu als Mütter und Väter in anderen Familien. Und natürlich bedeutet es, dass wir uns sexuell ausleben dürfen. Ich hoffe, dass auch unsere Kinder letztlich davon profitieren – weil sie mit zwei sehr ausgeglichenen, glücklichen Elternteilen aufwachsen.

Wie oft treffen Sie sich mit Ihrem Freund?

Etwa alle zwei Wochen gehen wir beide schön was essen und dann übernachte ich bei ihm. Das fällt gar nicht so groß auf, wenn man bedenkt, was ich sonst noch alles an Terminen habe. Ab und zu ist mein Freund auch zu Besuch. Meine Kinder kennen und mögen ihn. Er bereichert unsere Familie, so wie jeder Freund, jeder Onkel, jede Tante, die über mehrere Jahre Teil unseres Lebens sind.

Überfordert es Kinder nicht, wenn man sie mit dem Sexleben der Eltern konfrontiert?

Damit müssen sie sich sowieso auseinandersetzen.

Wirklich?

Klar, irgendwann interessieren sich Kinder für Sex und auch für die Sexualität ihrer Eltern. Unsere Kinder haben uns schon früh gefragt, ob wir es etwa auch machen. Meine Tochter fragte mich dank eines auf dem Schulhof kursierenden Songs, ob ich schon mal „Doggy“ ausprobiert hätte. Entweder man verheimlicht Sex vor den Kindern und tut so, als gäbe es das nicht, oder man sagt, wie es ist. Von mir aus würde ich - so lange die Kinder selbst noch nicht sexuell aktiv sind - keine Gespräche darüber anzetteln. Aber offen darüber sprechen, wenn man gefragt wird, halte ich für wahnsinnig wichtig.