„Inside arabische Clans“: Warum es ein Wunder ist, dass so wenige kriminell werden

Mohamed Chahrour wurde in einen Clan hineingeboren. Das Reden über Clan-Kriminalität nervte ihn so sehr, dass er gemeinsam mit Marcus Staiger ein Buch schrieb.

Die Autoren Mohamed Chahrour und Marcus Staiger haben entgegengesetzte Ansichten.
Die Autoren Mohamed Chahrour und Marcus Staiger haben entgegengesetzte Ansichten.Benjamin Pritzkuleit

Ein Rahmen mit einer Gold- und Platinplatte hängt an einer dunkelgrauen Wand, auf das Glas sind weiß die Umrisse eines Raben gezeichnet, der seine Flügel spreizt. Neben diesen Auszeichnungen für besonders erfolgreich verkaufte Musikstücke führen zwei Türrahmen in kleine Räume mit Reglern und Mikrofonen. Im linken Raum findet das Interview mit den Autoren Mohamed Chahrour und Marcus Staiger statt, im rechten wird Musik gemacht.

Es ist das Tonstudio von Rapper Raf Camora. Und in Camoras Independent Verlag Ghost wird am 21. Oktober ein Buch mit dem Titel „Dakhil – Inside arabische Clans“ erscheinen. Verschiedene große Verlage lehnten eine Veröffentlichung ab. Über die Gründe können Staiger und Chahrour nur spekulieren. Vielleicht, so vermuten sie, weil der Inhalt ihres Buches der gängigen öffentlichen Meinung über Clans widerspricht. Denn eigentlich sei das Thema ja ein „Dauerbrenner“.

Das erste Kapitel spielt szenisch mit der Angst vor dem sogenannten großen Bevölkerungsaustausch und dem Untergang des Abendlandes. Um dann darauf zu verweisen, dass viele bekannte Bücher zur Integrationspolitik diese Angst aufgreifen. Die Verschwörungstheorie stammt aus dem rechtspopulistischen Umfeld, doch spätestens der Erfolg von Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ hat gezeigt, dass die Erzählung es auch in den Mainstream geschafft hat. Gängigen Vorstellungen, dass die Clans als Plünderer kamen und sich ein schwaches Land, ein „Beuteland“, ausgesucht haben, wollen Mohamed Chahrour und Marcus Staiger etwas entgegensetzen.

Mohamed Chahrour ist in einen Clan hineingeboren worden. Medien setzen den Begriff Clan mit Kriminalität gleich, sagt er, das nervte ihn, so sehr, dass er beschloss, selbst ein Buch zu schreiben. In der Einleitung berichtet er, wie er auf einen Bekannten zuging, von dem er wusste, dass er schreiben kann: der Musikjournalist Marcus Staiger. Während der Recherche entstand zunächst der erfolgreiche Podcast „Clanland“, außerdem haben die Autoren ein Hörbuch eingesprochen. Chahrour und  Staiger wollen aufklären. Darüber, was innerhalb der Clans wirklich „abgeht“.

Wie kamen die Clans nach Deutschland? Was haben Kettenduldungen für ihr Leben bedeutet? Warum sind manche Medienberichte über Clans problematisch?

Das Buch heißt „Dakhil“, weil die beiden Autoren von „innen“ (arab.: dakhil) heraus aufschreiben wollen, wie sich Vertreibung, Integrationspolitik und Rassismus auf das Leben arabischer Großfamilien in Deutschland auswirkte. Sie betten Interviews mit Clan-Mitgliedern, Sozialwissenschaftlern, Politikern, Journalisten und der Polizei in einen historischen und sachlichen Kontext ein. Im Gegensatz zum Podcast, bei dem der Schwerpunkt auf den Gesprächen liegt, beziehen sie noch klarer Position.

Mohamed Chahrour wirkt während des Gesprächs erschöpft, er hängt im Bürostuhl, beantwortet die Fragen aber trotzdem über eineinhalb Stunden lang ausführlich und geduldig. Er presst die Lippen zusammen, als nach Dank und Stopp der Aufnahme doch noch eine Frage kommt. Als er hört, dass es um seine Musik und seine Schauspielkarriere geht, lächelt Chahrour, sein Tonfall ändert sich. Darüber spricht er offensichtlich lieber. Staiger wirkt dagegen von Anfang an vergnügt, füllt Wartezeit mit Smalltalk und bietet zum Schluss an, zusammen essen zu gehen.

Chahrour sagt, dass für ihn das Thema jetzt auch erst einmal durch sei. „Und wenn sie uns mit Fackeln und Heugabeln durch die Stadt jagen“, sagt er, „ich hab keinen Bock mehr, darüber zu reden.“ Staiger fügt hinzu, dass er als Weißer leichter abschließen könne. Chahrour trägt dagegen immer noch den Namen, hat immer noch schwarze Haare. Laut Staiger haben sie dreieinhalb Jahre lang zu Kriminalität, Rassismus, Krieg und Politik recherchiert. „Das war keine leichte Arbeit“, sagt er. Dabei waren sich auch die Autoren nicht immer einig, sie bezeichnen sich selbst als „ein linksradikaler Atheist und ein konservativer Muslim“.

Trotzdem ist beim Lesen des Buches irgendwann nicht mehr klar, wer welchen Teil geschrieben hat. Wie lief die Zusammenarbeit? „Anstrengend“, sagt Chahrour und Staiger nickt. „Es ist aber schön“, fügt Chahrour an, „dass ich in diesem Buch neue Gedanken geformt habe.“ Das gemeinsame Schreiben habe ihm dabei geholfen, nicht durch die Welt zu laufen und zu denken, dass die eigene Ansicht die einzig richtige sei.

Chahrour und Staiger kennen einander vom Kampfsport. Dieser und die Musik, das seien ihre gemeinsamen Ankerpunkte, sagen sie. Bevor Chahrour sich der klassischen Musik zuwandte, hat er HipHop gemacht. Im Buch beschreiben die Autoren die Verknüpfung von deutschen Gangsterrap und Clans. Das Thema ist wegen des Prozesses gegen Arafat Abou-Chaker seit zwei Jahren in den Medien präsent. In den Interviews, die Staiger und Chahrour mit Abou-Chaker führten, geht es aber nicht nur um die Verbindung zum Rapper Bushido, sondern vor allem auch seine Jugend und Mitgliedschaft bei der Gang „Spinne44“.

Das Buch könnte als Rechtfertigung von Kriminalität missverstanden werden – an einer Stelle ist zu lesen, es grenze an ein Wunder, dass nicht mehr Clan-Mitglieder kriminell geworden sind. Chahrour und Staiger leugnen allerdings weder, dass Kriminalität in arabischen Großfamilien existiert, noch dass sich Kriminelle selbst für diesen Weg entscheiden. Es geht um etwas anderes. Die Interviews mit Clan-Mitgliedern und Wissenschaftlern und die historische und gesellschaftliche Einordnung deuten immer wieder auf den einen Punkt hin: dass es sich nicht um ein importiertes Problem handelt, sondern ein hausgemachtes. Wenn Menschen in Deutschland kriminell werden, vielleicht sogar in Deutschland aufgewachsen sind, dann sei es auch ein deutsches Problem.

Kulturelle Identität bildet sich durch Abgrenzung: wir und die anderen. Arabische Clans, das sind in unserer Gesellschaft die anderen. „Wir sind immer noch auf der Flucht und nicht angekommen“, sagt Mohamed Chahrour. Seine Mutter riet ihm, Geld zur Seite zu legen, um Land zu kaufen für den Fall, dass die Familie ausgewiesen wird. Zur Antwort erinnerte er sie an seinen deutschen Pass. Sie war nicht überzeugt. „Du weißt nicht, was in der Zukunft passiert“, sagte sie.

Die Generation, die vor dem Bürgerkrieg geflohen ist, ist Deutschland sehr dankbar, das haben Chahrour und Staiger bei der Recherche zum Buch erfahren, sagen sie. Chahrour hat für das Buch viele Interviewanfragen verschickt, auch ohne mit einer Zusage zu rechnen. Chahrours Mutter war schockiert, als sie die ungeöffnete Interviewabsage von Angela Merkel in den Händen hielt. „Was hast du über die Kanzlerin gesagt?“, fragte sie am Telefon. „Diese Leute haben uns aufgenommen! Hör auf, über die Deutschen zu lästern.“

Doch die nächste Generation will mehr von Deutschland als einen sicheren Unterschlupf: Sie will dazugehören. Bis sie schließlich aufgeben und sich mit der Herkunftskultur identifizieren oder dem, was sie dafür halten: „Früher wollte ich zuerst Deutscher sein und mich dann abgrenzen“, sagt Chahrour. Mittlerweile sehe er das entspannt. „Was ist denn das für eine Leistung, Deutscher oder Libanese zu sein? Ich habe keinen Finger dafür krumm gemacht.“ Im Buch schreibt er: „Aber Berlin nimmt mir niemand. In Berlin bin ich zu Hause. (…) Ich bin ein arabischer Berliner.“

Mohamed Chahrour machte die gleichen Erfahrungen, wie viele der Interviewpartner. Ich gehöre nicht hier hin? Also will ich kein Deutscher sein. Ihr seht mich nicht als Komponisten? Also werde ich Rapper. Eigentlich bin ich Unternehmer, aber ihr haltet mich doch sowieso für einen Drogendealer … Es sei einfacher, der Erwartungshaltung zu entsprechen, als anders zu sein. Und doch ist es möglich. Mohamed Chahrour komponiert zurzeit klassische Musikstücke, die das Hörbuch zu „Dakhil“ begleiten sollen – „wenn ich es rechtzeitig schaffe“, sagt er.

Während der Recherche für das Buch hat Mohamed Chahrour das erste Mal wirklich mit seinen Eltern über den Bürgerkrieg im Libanon gesprochen. Sie blockten gewöhnlich ab, er musste „Vorarbeit leisten“. Bis seine Mutter irgendwann zitternd und weinend zu erzählen begann, wie Nachbarn vergewaltigt und Bekannte ermordet wurden. Dann berichtete der Vater weiter. Nach diesem Familiengespräch konnte Chahrour seine Recherchen immer wieder durch Rückfragen mit der Erzählung seines Vaters abgleichen.

Am Kapitel über den Bürgerkrieg im Libanon hat Mohamed Chahrour gern gearbeitet. „Es ist mir beim Schreiben leicht von der Hand gegangen, aber hat schwer auf mein Gemüt geschlagen“, sagt er. Beim Vorlesen für das Hörbuch brach seine Stimme immer wieder, sagt er, auch im Produktionsteam weinten manche. Fast ein Viertel des Buchs beschäftigt sich mit der Herkunft der Clans, ihrer Flucht und dem Bürgerkrieg. Dabei geht es nicht nur darum, der Mehrheitsgesellschaft etwas aufzuzeigen. „Die Geschichte muss aufgeschrieben werden, um nicht verloren zu gehen“, sagt Chahrour.

Im Hier und Jetzt angekommen, fokussieren sich die Autoren auf die politische Agenda und die Medien. Acht Prozent der Organisierten Kriminalität in Deutschland wird arabischen Clans zugeordnet. Es wird also überproportional viel darüber berichtet. Der Fünf-Punkte-Plan zur Bekämpfung von Clan-Kriminalität des ehemaligen Innensenators Andreas Geisel beinhaltet eine polizeiliche Erfassung und Einordnung von Straftaten und Ordnungswidrigkeiten, die von mutmaßlichen Clan-Mitgliedern begangen werden, sowie die Verbundkontrollen als „Strategie der Nadelstiche“.

Andreas Geisel, jetzt Bausenator, zum Zeitpunkt des Interviews Innensenator von Berlin, sagt im Buch: „Ich verhandle nicht mit Kriminellen.“ Das ist seine Antwort auf die Frage, ob es nicht sinnvoll sei, über das Zweite-Reihe-Parken mit der arabischen Community ins Gespräch zu kommen. Geisels Satz klingt den Autoren immer noch im Ohr. Gerade im Hinblick auf die Polizeiarbeit räumen Chahrour und Staiger allerdings ein, dass beide Seiten Ängste haben, die teilweise auf Erfahrungen beruhen und berechtigt sind. Es sei ein „Pingpongspiel“, das ewig gehen werde.

Doch was die Identitätsfrage angeht, die grundlegend für den im Buch beschriebenen Konflikt sei, müsse der Impuls von der Mehrheitsgesellschaft ausgehen, sagt Staiger. Er war erstaunt, als er hörte, dass Mohamed Chahrour ständig bewusst ist, dass er ein Araber in Berlin ist. Schließlich ist er Deutscher. „Wenn dich die Umwelt immer so sieht und einsortiert, wie kannst du dann du selbst sein?“, fragt er. „Die Mehrheitsgesellschaft muss aufhören, diesen Blick zu haben.“

Die Autoren sagen, sie wollen einen Dialog anstoßen, zwischen Mehrheitsgesellschaft und arabischer Community. Doch im Buch ordnen sie alle Gespräche einer linkspolitischen Perspektive unter. Das wirkt authentisch. Jemand, der diese Perspektive nicht sowieso schon vertritt, wird den Text aber kaum als Gesprächsangebot betrachten. „Dakhil“ wird trotzdem unerlässlicher Teil der Debatte sein, weil sich bei all dem Reden über Clans endlich auch jemand aus einer der Großfamilien zu Wort meldet.