BerlinEines hat der erste Abend der Diskussionsreihe „Postpandemischen Theater. Die Krise der Versammlung“, die die Heinrich-Böll-Stiftung und das Theaterportal Nachtkritik veranstalten, am Mittwoch schon bestens gezeigt: Fällt der analoge Kontakt infektionsbedingt weg, lässt sich im Internet prächtig versammeln. Auch prächtig performen, mitfühlen und kritisieren. Nur mit dem gemeinsamen Nachdenken und Reden über dasselbe ist es noch etwas hin.

Aber auch das hat die Onlinerunde ja mit jedem Real-Podium gemein. Digitales und analoges Wirken in Kunst und Gesellschaft stehen einander also keineswegs als Feinde gegenüber, und doch schien es an diesem Abend so, als müssten die alten theatralischen Analogrevoluzzer unter Wortführung der Gorki-Intendantin Shermin Langhoff ihre Errungenschaften vor den pandemisch beschleunigten Digitalfuturisten unter dem Zukunftsphilosophen Armen Avanessian eilig in Deckung bringen.

In einem hatte Shermin Langhoff sicher recht. Noch nie, sagte sie, sei das Theater so sehr Spiegel der Gesellschaft gewesen wie jetzt, ohne dass es spiele. Sie meinte zweifellos die Zerrissenheit, erneut in einem Lockdown zu stecken, aus dem das Theater in seiner strukturellen Vielfalt nicht so wieder herauskommen werde, wie es hineingegangen ist. Wie im Land insgesamt werden die großen subventionierten Tanker die Pandemie überleben, viele kleine Schiffchen aber, die oft gerade die Speerspitze theaterästhetischer Zukunft bilden, untergehen. Keine ermutigende Perspektive also, und sicher auch ein Grund dafür, dass die Diskutanten nie so richtig in die „postpandemische“ Zeit vorausblickten.

Enttäuschend war das schon, denn warum ließen sie sich die Gelegenheit entgehen, mal neugierig und geländerlos über ein Zukunftstheater zu sinnieren, das allen Ungemach der pandemischen Gegenwart in eine neue Art postkapitalistischer Digitalität überführt? Ein Theater, das die Gesellschaft selbst und jedes „politische Subjekt“ darin von Grund auf neu, gerechter, auch menschlicher, weil unsentimentaler vorkommen lässt. Ein Theater, das dafür aber statt der viel beschworenen Nähe der geteilten Gegenwart den fernen, technisch vermittelten Blick stärkt, wie Avanessian in seinem radikal-futuristischen Impulsvortrag skizzierte?

Doch als gälte es, Bestehendes gegen nur Vorgestelltes zu verteidigen, hielten die Diskutanten – neben Langhoff die Ressortleiterin Theater in der NRW-Staatskanzlei Bettina Milz sowie die „Fridays for Future“-Aktivistin Leonie Bremer – unbeirrt an ihrem liebsten Sorgenkind, der realen Gegenwart, fest. Die Pandemie als Weiche, als Ideengeber ließen sie nicht gelten. Hybrides Theater, so Bettina Milz, gebe es seit zwanzig Jahren. Man hätte dem wortkargen Avanessian einen Sekundanten gewünscht, einen wie Arne Vogelgesang, der im virtuellen Raum tatsächlich gerade anderes Präsenztheater probiert. Aber der zeigte nur einen Schnipsel. Von den kommenden Diskussionen am Donnerstag unter anderem mit der Bühnenbildnerin Janina Audick und am Freitag mit dem Theaterleiter Matthias Lilienthal darf man mehr Sinn für Zukunft erwarten.

Diskussionen zum postpandemischen Theater: 12., 13.11., 20.30 Uhr lfbrecht.de oder nachtkritik.de