Zwischen Zwergzitronenbäumen und Japanischer Wollmispel gedeiht im Orangerie-Garten der fränkischen Stadt Ansbach – dort, wo Kaspar Hauser abgestochen wurde – unter freiem Himmel ein Gewächs, das Harry-Potter-Kenner nur in innerhäuslichen Feuchtgebieten vermuten: die maulende Myrte. In Ansbach handelt es sich um eine zweijährige Sorte, die jeweils zur Bach-Woche Ende Juli/Anfang August ins Kraut schießt. Das Publikum dieser Biennale setzt sich zu etwa gleichen Teilen aus altem deutschem Adel und den Vorständen führender DAX-Unternehmen zusammen, ergänzt um Splittergruppen aus Einheimischen, Bach-Pilgern und vergnügten Unschuldshörern.

Die Stammgäste sind treu, meinungsfreudig, in ihren Ansichten durch Kenntnis und Erfahrung gefestigt, so dass ihre Vorurteile meistens Hand und Fuß haben. Entsprechend fix fallen die Urteile. Die maulenden Myrten gehören ja zu den sprechenden Geschöpfen Gottes und bringen, was sie denken, umstandslos auf den Punkt nach der alten Regel „Bei Hofe muss man knapp sein“. Über die Cellistin Sol Gabetta und ihr Orchester hörte man im Sommer 2013 nur spitz und kurz: „War zwar nicht alles sauber, dafür aber schnell“.

Maulende Myrten

Doch dann! Es kam der Morgen des 10. August. Auf die Bühne der Orangerie trat, in den Glockenkelch eines plissierten Seidenkleids gehüllt, die lachende, leuchtende, mohnblumenköpfige Bratschistin Tabea Zimmermann. Sie spielte Bach, spielte Reger, spielte Hindemith, die erste Solosonate mit dem Satz „Rasendes Zeitmaß. Wild. Tonschönheit ist Nebensache“, spielte so heiß, so leicht, so verwegen, so sorglos wie der Sommerwind, der Halmen und Zweigen den Kopf verdreht – und alle im Saal gerieten in Taumel. Das Feuchtgebiet für maulende Myrten war trockengelegt. Nach dem Konzert trat der gesamte Vereinsvorstand geschlossen an, um der Künstlerin zu gratulieren. Auch Tabea Zimmermann hatte so etwas noch nicht erlebt: ein Solokonzert, knapp zwei Stunden lang, vor gut achthundert Leuten, die hingerissen waren. Nur von einer Bratsche. Es geht also.

Der Landesmusikrat Berlin hat gemeinsam mit dem Landesmusikrat Schleswig-Holstein für 2014 die Bratsche – oder auch Viola – zum „Instrument des Jahres“ erklärt. Das macht er seit 2010, um Instrumenten aufzuhelfen, „die mehr Beachtung verdienen beziehungsweise die zu einseitig betrachtet werden oder bei denen es Schwierigkeiten gibt, den musikalischen Nachwuchs für sie zu interessieren“. Kontrabass, Posaune, Fagott und die türkische Langhalslaute Baglama waren die Sorgenkinder der letzten Jahre. Nun soll also endlich auch die Bratsche einen Platz an der Sonne bekommen und wird für 2014 unter den Instrumenten, was unter den Vögeln der Grünspecht und unter den Bäumen die Traubeneiche ist.

Mit der holzigen, erdverbundenen und gerbsäurehaltigen Traubeneiche hat sie charakterlich einiges gemein, wenn man dem ungarischen Komponisten György Ligeti glaubt, der 1994 eine Solosonate für Tabea Zimmermann schrieb und ihr ein Vorwort zugesellte: „Scheinbar ist die Viola nur eine größere Violine, einfach eine Quint tiefer gestimmt. Tatsächlich liegen aber Welten zwischen den beiden Instrumenten. Drei Saiten haben sie gemeinsam, die A-, D-, und G-Saite. Durch die hohe E-Saite erhält der Klang der Violine eine Leuchtkraft und metallische Durchdringlichkeit, die der Viola fehlen. Die Violine führt, die Viola bleibt im Schatten. Dafür besitzt die Viola durch die tiefe C-Saite eine eigenartige Herbheit, kompakt, etwas heiser, mit dem Nachgeschmack von Holz, Erde und Gerbsäure“.

Kein leichtes Leben für die Bratsche

Die Bratsche – deren deutscher Name schon eine Verballhornung des italienischen Wortes „braccio“ („Arm“) darstellt, weil sie auf dem Arm gehalten wird (viola da braccio) – hatte es lange schwer. Obwohl Ludwig van Beethoven als Bratscher Dienst in der bischöflichen Kapelle zu Bonn tat, obwohl Wolfgang Amadeus Mozart im Streichquartett am liebsten Bratsche spielte, haben beide das Instrument kaum mit solistischen Aufgaben bedacht, wenn man einmal von Mozarts schönem Trio für Klarinette, Viola und Klavier KV 498 absieht.

Die Bratscher sind immer die Ostfriesen unter den Orchestermusikern gewesen und haben für ganze Kompendien von Witzen herhalten müssen. Als Instrument eigenen Ranges erfuhr die Viola erst durch Max Reger und Paul Hindemith eine echte Würdigung, dazu bei Ralph Vaughan Williams, William Walton und Benjamin Britten. Noch für Johannes Brahms war die Bratsche nur zweite Wahl bei der Besetzung seiner Klarinettensonaten op. 120.

Doch eine Ausnahme gibt es in Europa: Russland, das Kaiserreich der Bratsche. Hier schrieb Michail Glinka die erste – Fragment gebliebene – romantische Sonate für Bratsche und Klavier, Anton Rubinstein die nächste, Alexander Glasunow fügte eine Elegie für die gleiche Besetzung hinzu.

Die sowjetische Bratschenliteratur brachte besonders nach Stalins Tod ernste, starke Stücke hervor von Grigorij Frid, Julian Krein, Walerian Bogdanow-Beresowskij und Mieczysław Weinberg. In der Sonate von Dmitrij Schostakowitsch, dem Abgesang seines Lebenswerks, erreichte sie ihren Höhepunkt. Mit den großen Werken kamen die großen Solisten: Wadim Borissowskij und Fjodor Drushinin; später dann Rudolf Barschai und Jurij Baschmet.

Bratschern können also durchaus Virtuosenkarrieren glücken. Und so hat das Instrument auch in Westeuropa Persönlichkeiten gefunden, die ihm ein Gesicht geben: Tabea Zimmermann, die an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin unterrichtet, Hartmut Rohde an der Berliner Universität der Künste sowie Antoine Tamestit und Nils Mönkemeyer. Selbst der Jazz hat dieses Instrument inzwischen für sich entdeckt. Der Norweger Ketil Bjørnstad schrieb 2006 für sich selbst als Pianisten, für die Sängerin Randi Stene und den Bratscher Lars Anders Tomter „Fünf Nordische Lieder“ und den Zyklus „Licht“. Musikalisch verströmt die Bratsche selbst dieses Licht und zwar mit der ihr eigenen Art: Sie blendet nicht, sondern erleuchtet und wärmt.

Termine unter:www.landesmusikrat-berlin.de