Das ist jetzt also das Land, in dem wir leben. Überraschend ist das nicht. Überrascht hatte dieser Sommer, dieses Licht, das die Zivilgesellschaft kurz in die Bahnhöfe trug, das Menschen weltweit berührt und verwirrt hat: Ist so das neue Deutschland? Aber da standen schon die anderen in den Startlöchern, die nicht an Gegenwart oder Zukunft glauben, sondern an dunkle Vergangenheit. Ach, auch an die nicht. Sie glauben an Kontrolle und Macht, daran, dass in dieser Welt geschieht, was ihnen beliebt. Selbst rückblickend. Wie die neue Rechte derzeit europaweit Geschichte und Grundrechte auslegt, ist mit dem Gehirn jedenfalls nicht mehr nachzuvollziehen.

Diese Leute ignorieren, wie das Land wirklich ist. Der schon von Tucholsky so leidenschaftlich verachtete Typus des piefigen, statussüchtigen, selbstgerechten Hierarchieverinnerlichers der Weimarer Republik dominiert noch immer das Bild des Deutschen, das zeigt sich auch, wenn man in eine deutsche Talkshow zappt. Viele Studiogäste wirken wie Beruhigungspillen für ein aufgebrachtes Volk, das Wandel für lebensgefährlich hält.

Im Westen jeder Dritte

Doch der Wandel steht und fällt nicht mit den Geflüchteten. Den Streit darum, wie Deutschland aussehen soll, jetzt am Thema Flüchtlinge entlangzukämpfen, ist schäbig. Selbst wenn diese Krise gemeistert wäre, bliebe diese Stimmung bestehen, ausgelebt am Thema Einwanderung und dem gewöhnlichen Migranten. Der Wandel, der von vielen gefürchtet wird, hat vor langer Zeit eingesetzt. Er hat dem Land nicht geschadet, im Gegenteil. Deutschland ist wirtschaftlich stabil, auf dieses Land wird bewundernd geschaut. Nicht die Flüchtlinge werden das aufs Spiel setzen, sondern jene, die sich und andere in Hysterie versetzen, statt das zu tun, was unsere humanitären Grundsätze von uns verlangen.

Deutschland ist es nicht gewohnt, von Einwanderern gefordert zu werden. Seit Jahrzehnten verlangen Immigranten und ihre Kinder hier nichts. Teilhabe war für die erste Einwanderergeneration ein Fremdwort unter vielen. Die westdeutschen Städte sehen längst so aus, wie Pegida es für den Osten nicht will. Die Städte im Westen rühmen sich unterdessen ihrer Weltoffenheit und den oft weit über 30 Prozent Menschen mit Migrationsgeschichte.

Jeder Dritte also. Weniger Ruhm brächte es ihnen, aus der Statistik Schlüsse über Chancengerechtigkeit und politische Teilhabe ziehen. In keinem OECD-Land arbeiten weniger Menschen mit Migrationsgeschichte im öffentlichen Dienst als in Deutschland. Im Bundestag sind es 5 Prozent. Verwaltung und Politik sind, bei aller Internationalität der Großstädte, weitgehend migrantenfreie Zonen. Die Menschen, die jetzt kommen, zeigen die Herausforderung eines Einwanderungslandes wie durch ein Brennglas: Identität? Gemeinschaft? Werte? Diskurs? Teilhabe? Chancengerechtigkeit? All das.

Die Folgen des Schweigens

Doch die Leitkultur in diesem Land ist keine Debattenkultur. Was Identität und Integration sind, wurde festgelegt. Bundeskanzler Kohl konnte sagen: Ich will nicht, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Und kaum einer verlangte, dass er Rede und Antwort steht, wie umzugehen ist mit den Millionen Menschen, die er zeitgleich ins Land kommen ließ. Eine Debatte darüber, welche Folgen all das, wozu er keine Stellung nahm, für die eingewanderten Familien hatte, gab es nicht.

Dieses Schweigen hatte weitreichende Folgen. Ungerechtigkeiten, für die Generationen bezahlt haben und bezahlen werden. Menschen mit Migrationsgeschichte haben trotz Abitur eine fast drei Mal so hohe Wahrscheinlichkeit, im Alter arm zu sein. Mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit erwartet junge Deutsche unter 18 Jahren die Altersarmut, wenn sie einen Migrationshintergrund haben. All dem musste sich ein Kanzler nicht stellen, wenn er Sätze sagte wie: „Deutschland ist kein Einwanderungsland.“ Und die CDU arbeitet dieses Versagen nicht auf.

Seit Jahren reisen Menschen wie ich von Ämtern zu Ministerien zu Podiumsdiskussionen. Wir reden unermüdlich davon, was aus diesem Land geworden ist; indem wir so dastehen mit unserer Migrationsgeschichte, ist im Wesentlichen alles erzählt. Aber wir machen uns trotzdem die Mühe und analysieren, debattieren, machen Vorschläge, wie sich das strukturell gerechter, stabiler gestalten könnte, wie man die Menschen mitnehmen kann ins Jetzt. Das Interesse ist jedes Mal groß, das Nicken und der Applaus heftig.

Meine Rolle als Alibi

Und doch dachte ich oft, wenn ich dem Gastgeber zum Abschied die Hand gab, jetzt sagt er sich: „Das wäre hiermit auch erledigt.“ Wir haben eine migrantische Stimme sprechen lassen. Den migrantischen Blick gewürdigt. Jetzt wieder: Business as usual. Es renkt sich sowieso alles von selbst ein. Und ja, in den meisten Fällen war der Gastgeber männlich.

Nun stehen diese Menschen, die nur die assimilierten Einwandererkinder kennen, vor diesen fremden Menschen, die unseren Schutz suchen, und haben keine Antworten auf Fragen, die der gesellschaftliche Wandel mit sich bringt. Es sitzen dieselben alten Köpfe über der Lösung des Problems und fragen sich, wie man Basta-Politik machen kann, wie man Grenzen militarisieren könnte, damit sich in diesem Land nur nichts ändert, was dem deutschen Wähler Angst macht. Man holt sogar einen Stoiber wieder aus der Versenkung, als hätte er damals etwas erreicht. Hätte er etwas erreicht, säße heute im bayerischen Kabinett mindestens ein Deutscher mit Migrationsgeschichte.

Dieses Land hat sich längst verändert. Die Einwanderer waren nur lange zu höflich, und zu wenig emanzipiert, um es die Mehrheitsgesellschaft wissen zu lassen. Es ist an der Zeit, diesen Wandel zu gestalten: In der Bildung, im Dialog, in der politischen Teilhabe. In den Köpfen sind wir noch nicht das neue Deutschland. Aber wir können es werden: Ein Land, das in der Gegenwart angekommen ist.