JerusalemBis zu seinem Tod im Jahr 2016 besuchte der jüdische Autor, Maler und Holocaust-Überlebende Max Mannheimer noch regelmäßig Schulklassen, um dort von seiner persönlichen Erfahrung zu berichten. „Ich vergleiche da auch die Hetze gegen die Juden mit der Hetze von Pegida dieser Tage gegen Muslime“, sagte Mannheimer in einem seiner letzten Interviews 2015 dem ‚aviv Magazin‘, „die Methode ist ja dieselbe“. Dass mit der Erinnerung an den Holocaust auch eine gesteigerte Sensibilität gegen den Rassismus von heute einhergehen kann, ist eine Idee, die von der deutschen – wie von der israelischen – Rechten vehement bestritten wird. 

Dies zeigt nicht zuletzt die vom israelischen Premier Benjamin Netanyahu verkündete Ernennung des rechtsextremen Hardliners Effi Eitam als neuen Vorsitzen der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Als ehemaliger Vorsitzender der inzwischen aufgelösten nationalreligiösen Partei „Mafdal“ war Eitam mehrfach durch rassistische Äußerung aufgefallen. So forderte er etwa die Ausweisung von Palästinensern aus dem Westjordanland oder die Amtsenthebung israelischer Araber aus der Knesset.

Auch Eitams militärische Laufbahn wirft Fragen auf: Ende der 80er-Jahre, während der ersten palästinensischen Intifada, wurden vier ihm unterstehende Soldaten von einem Militärgericht verurteilt, weil sie einen palästinensischen Gefangenen zu Tode geprügelt hatten. Die Soldaten hatten ausgesagt, sie seien Eitams Befehlen gefolgt.

Gegen den Vorstoß Netanyahus regt sich internationaler Protest

Sollte so jemand Yad Vashem leiten? Also jene weltweit bedeutendste Erinnerungsstätte der Shoah, die den Holocaust als Archiv auch dokumentiert und wissenschaftlich aufarbeitet? Der Vorschlag markiert eine weitere Eskalationsstufe in Verwegenheit der Netanyahu-Regierung, die selbst vor einer vermeintlich ideologiekritischen Institution wie Yad Vashem scheinbar nicht Halt macht. Entsprechend regt sich seit der Verlautbarung massiver Protest gegen den Vorstoß.

In einer gemeinsamen Erklärung protestieren knapp 750 jüdische und nichtjüdische Kulturschaffende, Wissenschaftler und andere scharf gegen Netanyahus Vorstoß, der Yad Vashem für einseitige politische Interessen zu instrumentalisieren versuche. Der Auftrag des Museums, „die Zivilgesellschaft zu ermutigen, aktiv darüber zu wachen, sich zu engagieren und überall dort einzugreifen, wo Rassismus und Hass religiöse, ethnische oder andere Gruppen und Gemeinschaften bedrohe“, würde einem unverhohlen-rechtsextremistischen Politiker in die Hand gegeben. „Wir sind schockiert über diesen ungeheuerlichen Vorschlag. Eitams hasserfüllte Rhetorik gegenüber israelischen Arabern und Palästinensern steht im Widerspruch zu der erklärten Mission von Yad Vashem.“

Zu den Mitunterzeichnern des Aufrufs zählen Wissenschaftlerinnen wie die US-Historikerin Deborah Lipstadt und die Germanistin Vivian Liska, Schriftsteller wie Lizzie Doron, Max Czollek und Amos Gitai, und Leiter Jüdischer Museeen, Gedenkstätten und Ausstellungen wie Hanno Loewy, Cilly Kugelmann, Volkhard Knigge und Sybille Steinbacher. Auch die Leiter zweier Organisationen, die außerhalb Israels Gelder für Yad Vashem sammeln, unterzeichneten die Erklärung: Joel Herzog, Präsident der Schweizer Freunde von Yad Vashem und Florian Marxer, Präsident der Gesellschaft der Freunde von Yad Vashem in Liechtenstein.

Der für Yad Vashem verantwortliche israelische Minister für höhere Bildung, Zeev Elkin, warnte indes vor einer Lähmung der Gedenkstätte, sollte Eitams Ernennung verhindert werden. Der israelische Verteidigungsminister und Kopf der ehemaligen Oppositionspartei „Kachol Lavan“ wiederum will sich nach Angaben der israelischen Tageszeitung Ha'aretz gegen die Ernennung Effi Eitams stellen.

„Ich halte es mittlerweile für unwahrscheinlich, dass Eitam wirklich als neuer Vorsitz bestätigt wird“, kommentierte der Leiter des Jüdischen Museums Hohenems und Mitinitiator des Aufrufs gegenüber der Berliner Zeitung. Möglicherweise spekuliere Netanyahu auch darauf, im Gegenzug dafür, den Vorschlag fallen zu lassen, in der israelischen Justiz neue Posten zu ernennen. Die internationale Resonanz auf den Aufruf sei überwältigend gewesen.