Der Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, leitet zwei Häuser, das Festspielhaus und den Gropius-Bau. Internationale Gastspiele gehen über seine Bühnen, Genregrenzen zwischen darstellenden, bildenden und immersiven Künsten werden überschritten − das klingt alles ein wenig nach dem, was Chris Dercon mit der Volksbühne vorhat und was der Belegschaft der Volksbühne als Angstversion vorschwebt, weil man für einen Festival- und Gastspielbetrieb weniger Leute braucht. Wir erreichen Thomas Oberender in einem Hotel in Peking, wo er zu einem Theatertreffen eingeladen ist.

Herr Oberender, teilen Sie die Sorge, dass Chris Dercon aus der Volksbühne ein Tanz- und Festspielhaus machen will?

Außer der Pressekonferenz, auf der Chris Dercon erste Namen genannt hat, ist offiziell nichts verlautbart. Wir wissen also nicht, worüber wir wirklich reden. Aber die Sorge der Volksbühnenmitarbeiter kann ich gedanklich natürlich teilen. Sie sind die einzigen, die im Gespräch mit Chris Dercon waren, und die sich nach diesem Gespräch an die Öffentlichkeit wenden. Und wenn es so ist, wie sie das schreiben, dann ist das kein Intendantenwechsel, sondern ein Systemwechsel, der sich da andeutet.

Aber Herr Dercon und der Kulturstaatssekretär Tim Renner sagten, dass ein Strukturwechsel des Theaters programmatisch nicht gewollt und juristisch gar nicht möglich ist.

Die Bedenken, die sich in dem Brief äußern, gehen dahin, dass das Haus vor einem Umbau steht, der das Repertoire-System betrifft und damit auch die eigenen Werkstätten. Die Gewerke der Volksbühne sind besonders stark und haben einen berechtigten Betriebsstolz. Wenn sie denken, dass sie in Zukunft nicht mehr gebraucht werden, dann werden sie sich ja inzwischen auf Aussagen beziehen, die dafür sprechen.

Muss man überhaupt etwas ändern an der Volksbühne?

Ich denke, man muss behutsam mit diesem Theater umgehen, es ist ein lebender Organismus und das bedeutendste Sprechtheater der Welt. Hier wurde in den letzten Jahrzehnten mehr als irgendwo sonst auf der Welt Theatergeschichte geschrieben. Das Haus ist auch nicht runtergewirtschaftet und am Ende, es steht in voller Blüte und verändert sich permanent. Wir sprechen nicht von einem abgewrackten Modell, sondern von einer sehr modernen Konzeption. Die Volksbühne ist bereits längst „polyglott“, international und interdisziplinär, und sie hat vor langer Zeit schon Choreografen, Companies, bildende Künstler und Musiker geholt. Die Volksbühne ist ein Flaggschiff mit einem ganz besonderen Charakter, und das betrifft nicht nur die Jahre mit Frank Castorf, sondern das gilt für die ganzen 100 Jahre dieser Bewegung, die von Anfang an versucht, eine antibürgerliche Hochkultur zu kreieren. Das ist ernst zu nehmen, auch als ein Bewusstsein der Belegschaft, die sehr genau Bescheid weiß über die Tradition dieses Hauses.

Der Brief operiert mit Begriffen wie Schleifung der Identität durch die globale Konsenskultur. Das erinnert ein bisschen an die Alternative für Deutschland.

Im Gegenteil. Es ist eben kein Stadtteiltheater, das Angst hat, dass etwas von außen kommt. Das sind Piraten, die lange schon auf allen Weltmeeren segeln und alles, was woanders mit einer bestimmten Art von Radikalität für Aufregung gesorgt hat, gekapert haben und an ihr Haus lotsen. Ob Paul McCarthy aus Amerika, Vegard Vinge aus Norwegen oder Ragnar Kjartansson aus Island. Dieser Brief ist nicht aus einer bornierten Provinzialität heraus geschrieben. Es ist ein Versuch, einen Unterschied zwischen der Globalisierung des Kunstmarktes und der Arbeitswelt des Theatersystems hierzulande auszudrücken.

Ob Dercon diesen Unterschied erkennen und pflegen wird?

Ich werde nicht auf Dercon herumhacken. Er hat ein anderes System im Rücken und erprobt und da viele Grenzen geöffnet. Die Volksbühne ist eine andere Sache. Die ist schon sehr offen und zudem ein politisch-ästhetisches Projekt.

Wird die Volksbühne den Festspielen Konkurrenz machen?

Mal sehen. Die Entscheidung der Berliner Kulturpolitik für Dercon zeigt jedenfalls, dass ihr die Festspiele und die anderen Strukturen in Berlin, die auf Einladungen von Projekten beruhen, nicht ausreichen. Berlin ist groß, es gibt fünf große Sprechtheater, drei große Opern und unzählige kleine. Das alles gehört zum Reichtum dieser Stadt. Und Dercon ist eine spannende Person. Ich bin mir nicht sicher, ob der Typus der Institution das Richtige für ihn ist, aber er ist einer der großen Strategen.

Das Gespräch führte Ulrich Seidler.