Es ist voll im Foyer des Staatsballetts in der Deutschen Oper. Die Stühle reichen nicht. Die Besucher stehen an Tischen und sitzen auf Treppen. Aber es herrscht Grabesstimmung. Nacho Duato, der neue Intendant des Staatsballetts, stellt sich vor. Ab kommender Spielzeit wird er Vladimir Malakhov in dieser Position ablösen – und das ist keine dankbare Aufgabe. Malakhov, der russische Weltstar-Tänzer, war Everybodys Darling in der Stadt, einer, der es mit Charme und Glamour geschafft hatte, sich in den Medien zu halten. Und der auch aus seiner Kränkung, als ihn die Kulturpolitik nicht sehr stilvoll abservierte, keinen Hehl gemacht hat.

Nacho Duato, der die letzten drei Jahre das Ballett des St. Petersburger Mikhailovsky Theaters leitete, ist nicht von dieser Art. Ausgesprochen spröde fallen seine Auskünfte aus. Er möchte nicht mit Charme, sondern mit guter Arbeit überzeugen – möge es gelingen. Dass kein gutes Licht auf seinen Beginn fällt, ist nicht seine Schuld, sondern die der Personen, die neben ihm sitzen: die stellvertretende Staatsballett-Intendantin Christiane Theobald und der Geschäftsführer Georg Vierthaler. Die beiden, das ist längst ein offenes Geheimnis, haben die Berufung des Spaniers Nacho Duato, der 1989 beinahe schon einmal nach Berlin gekommen wäre, betrieben. Damals, so erzählt er auf der Pressekonferenz, sei der Vertrag mit Berlin schon unterschrieben gewesen. Aber dann rief die Heimatstadt Madrid, und man kam überein, den Vertrag, auf dem die Tinte noch feucht war, wieder zu lösen.

Vor 25 Jahren war Duato ein ungeheuer talentierter Choreograf mit Weltkarrierepotenzial. Wer weiß, welche künstlerische Entwicklung er genommen hätte, wäre er damals dem Ruf nach Berlin gefolgt. In Spanien, dem das klassische Ballett eher fremd ist, nutzte Duato seine Fähigkeiten für Stücke, die leicht, verspielt, unterhaltsam sind. Stücke, die auf Nummer sicher gehen, mit denen er in Spanien ein Tanzpublikum aufbauen konnte und die in den über 20 Jahren, die Duato die Compania Nacional de Danza leitete, weltweit zu Publikumsrennern wurden. Der Preis dafür aber war eine entschiedene Seichtheit.

Jetzt, 2014, hätte es entschieden vielversprechendere Kandidaten für die Staatsballett-Intendanz gegeben als Duato. Aber die Politik suchte nicht ernsthaft. So konnten Theobald und Vierthaler ihren Kandidaten installieren und ihre eigenen Posten sichern.

Die sind im Berliner Tanzbetrieb rar. Denn die Stadt hat viele Schauspielhäuser und drei Opernhäuser, aber es hat nur dieses eine Ballett. Als Klaus Wowereit als Kultursenator und sein damaliger Kulturstaatsekretär André Schmitz Anfang Februar Duato als neuen Staatsballett-Intendanten vorstellten, kochte der Zorn der versammelten Tanzjournalisten über. Inzwischen ist man höflicher, aber sehr freundlich waren die Fragen und Kommentare, die sich Duato anhören musste, nicht.

Dabei kann er wie gesagt für die Misere gar nichts. Bleibt zu hoffen, dass Duato gute Arbeit macht. Langsam und besonnen wolle er es angehen lassen, erklärte e. Mit zwei alten Stücken will er zunächst die Gunst des Berliner Publikums gewinnen, mit einem 2011 für das St. Petersburger Ballett entstandenem „Dornröschen“ und seinem wohl größten Erfolg überhaupt, seinem Bach-Renner „Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“ aus dem Jahr 1999. Das ist durchaus legitim und nicht ungeschickt. Entweder man startet mit einem großen Knall oder eben so, wie Duato es tut. Erst im Mai 2015 wird es im Rahmen eines dreiteiligen Ballettabends eine erste Uraufführung von ihm geben.

Nacho Duato, so war auf Nachfrage zu erfahren, hat sich geweigert, in seinem Vertrag eine Regelung über die Anzahl der Stücke aufnehmen zu lassen, die er selbst dort kreieren oder aus seinem Repertoire mit der Compagnie aufnehmen wird. Und hier fängt das Unbehagen schon wieder an. Ursprünglich war einmal von einem Stück pro Spielzeit die Rede gewesen. Jetzt, in der ersten Spielzeit, gibt es außer einem kleinen Kylian-Intermezzo im Rahmen jenes Dreiteilers nichts außer Duato zu sehen. Von den wichtigen zeitgenössischen Choreografen ist bei Nacho Duato auch nicht die Rede.

Er will dann ab der übernächsten Spielzeit Stücke von den altbekannten Großen zeigen, von William Forsythe, Mats Ek, Jiri Kylian. Es ist etwas abgestanden, was Duato da in Aussicht stellt. Er will das zeigen, was es sowieso schon überall zu sehen gibt − soll das seine Vision für die Zukunft des Staatsballetts sein?

Aber immerhin das: Duato will nicht die meist billig zusammen gestellten, drei- bis vierteiligen Gemischtwaren-Angebote präsentieren, die das Staatsballett bislang recht feige als ihr „modernes“ Programm verkaufte. Er will von Forsythe und Ek große, abendfüllende Werke zeigen – und zumindest das lässt hoffen. Aber das erzählt der neue Intendant erst beiläufig gegen Ende. Offenbar hat er, neben allem anderen Unglück, auch keine guten Berater.