Der peruanische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa.
Foto: dpa/Annette Riedl

BerlinEs gab viel zu besprechen am Donnerstagabend bei der Diskussionsrunde „A Plea for Democracy and Culture“ in der Philharmonie. Ging es doch um die Rolle der Literatur in einer Zeit, in der Flüchtlingslager brennen, Wahlen gefälscht, Schwarze auf offener Straße ermordet werden und eine Pandemie die Welt so sehr verändert hat, dass es ein Wunder ist, dass überhaupt ein Internationales Literaturfestival (ilb) stattfinden kann.

Im Kammermusiksaal trafen sich fünf Gäste von drei Kontinenten und Moderator Volker Wieprecht, der sich erfreut zeigte, endlich wieder mit Menschen aus Fleisch und Blut auf einer Bühne zu stehen. Olga Tokarczuk war leider verhindert, dennoch war ein Literaturnobelpreisträger zugegen: Mario Vargas Llosa definierte wie schon bei seiner ilb-Eröffnungsrede die Rolle der Kultur mit einigem Optimismus. Literatur sei „kein Luxus“, sondern eine „Waffe“ und ein Überlebensmittel. Als Peruaner, dessen Heimatland mehrere Diktaturen erlebte, weiß er genau, was es heißt, sich Veränderungen herbeizusehnen und herbeizuschreiben.

Sharon Dodua Otoo begann ihr Statement mit dem Lockdown: Viele Menschen erlebten, sagte sie, mit ihm das erste Mal, was für andere (etwa Flüchtlinge oder Menschen in Krisenregionen) Alltag sei: Einschränkung der Freiheit oder Freizügigkeit, Verlust der Arbeit, Verunsicherung, Existenzangst. Das alles sei nichts Neues, wie auch die rassistische Gewalt in den USA, in Deutschland oder an den europäischen Grenzen. Sie forderte dazu auf, Kultur und Menschlichkeit neu zu denken und zwar so, dass niemand mehr entwertet, marginalisiert, unterschlagen werde. Dafür bekam sie den lautesten Applaus des Abends.

Nora Bossong erinnert an Nachkriegsdiktaturen

Ähnlich argumentierte der indische Schriftsteller und Journalist Pankaj Mishra, der die Haltung infrage stellte, die europäische Kultur für die weltweit moralischste und progressivste zu halten. Dazu passend erinnerte die Journalistin, Dichterin und Schriftstellerin Nora Bossong nicht nur an Holocaust und koloniale Gewalt, sondern an europäische Nachkriegsdiktaturen in Spanien, Griechenland und Portugal und an den Bosnienkrieg. „Hat Kultur je irgendetwas verhindert?“ Ihre Frage mündete in die Forderung, nicht ideologisch oder sonst wie zu belehren, sondern mit Kunst und Literatur Raum für Ambivalenzen und Begegnung zu schaffen.

Daniel Kehlmann schließlich beklagte die pandemiebedingte Revitalisierung des Nationalismus, die nicht nur bedenkliche, sondern auch bizarre Blüten treibe. Etwa das tägliche Ranking der nationalen Corona-Zahlen und der eifrig in allen Medien ausgetragene Wettstreit, welches Land die Krise denn am besten bewältige. Er malte diese an Sportberichterstattung erinnernde Rhetorik mit so viel kritischem Schwung aus, dass es an diesem ernsten Abend dann doch ein paar Lacher gab.

Es war schade, dass wie so oft bei so prall besetzten Podien, zu wenig Zeit zur Diskussion der verschiedenen Positionen blieb. Sie waren geprägt vom Leben in Diktaturen, in ehemaligen Kolonien, in fragilen oder stabilen Demokratien, beeinflusst von Verfolgungs- und Rassismuserfahrung, vom Horizont unterschiedlicher Generationen. Dass ihre Unterschiede so deutlich wurden, anstatt die Kraft irgendeiner vermeintlich rettenden, homogenen oder abstrakten Kultur zu postulieren, ist das Verdienst dieser Veranstaltung, die damit bestens zu dem passt, was das ilb-Programm auch in diesem Jahr erwarten lässt.