Internet: Surfen nach Herzenslust

Ein Urteil weckt die Hoffnung, dass Cafés und Hotels ihren Gästen Internet ohne Einschränkung anbieten können.

Die Jugend der Welt, sie ist derzeit wieder auf Besuch in Berlin, und wenn sie morgens in Mitte oder Neukölln aus ihren Hostelbetten stolpert, will sie den Daheimgebliebenen natürlich berichten von den Abenteuern der Tage und Nächte an der Spree. Der junge Mensch braucht dazu heutzutage ein Internet. Und so geht er, wenn er die Orientierung halbwegs wiedererlangt hat, los und sucht ein offenes und kostenloses und unkompliziertes WLAN. Und stellt fest, dass es so etwas gar nicht so häufig gibt in Berlin.

Selbst im Café Sankt Oberholz am Rosenthaler Platz, dem inoffiziellen Wohnzimmer der hiesigen Start-up-Szene, ist das Einwählen mit dem eigenen Laptop oder Smartphone ins Netz zwar kostenlos möglich, aber seit einiger Zeit nur über die Startseite eines Dienstleisters mit umständlichem Nutzernamen und Passwort, wie auch in vielen Hotels. Früher reichte dafür die unkomplizierte Phrase „overwood“.

Dass es in Zukunft wieder so schön einfach und attraktiv wird für Eingeborene und Touristen – Stichwort: Wirtschaftsförderung! – , diese Hoffnung hat zum Wochenanfang ein Urteil aus München genährt. Veröffentlicht hat es der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung, der jubiliert: Dem mittlerweile rechtskräftigen Urteil zufolge sind anonyme Hotspots erlaubt. Kann nun wieder jeder Cafébetreiber sein WLAN öffnen, auf dass ein heiteres und ungezwungenes Internettreiben losbreche und Reisende daheim erzählen, wie freundlich sie aufgenommen wurden, analog und digital?

Eher nicht. Denn das Urteil sagt zunächst nur, dass kein Hotspot-Anbieter die Kontakt- und Nutzungsdaten seiner Nutzer registrieren muss. Viele werden es aber trotzdem weiter tun, immerhin hat der Bundesgerichtshof 2010 entschieden: Wer andere Nutzer in sein WLAN lässt, haftet mit, wenn diese Illegales herunterladen. Das Sankt Oberholz wurde so oft für das Treiben seiner Gäste abgemahnt, dass es die aktuelle Regelung einführte. Und dabei wird es erstmal bleiben. „Sein WLAN zu öffnen, kann man noch niemandem guten Gewissens empfehlen“, sagt Werner Hülsmann von AK Vorratsdatenspeicherung.

Aber es gibt eine Lösung, und sie kommt nicht zufällig aus Berlin: Der Verein Digitale Gesellschaft hat vor wenigen Wochen einen Gesetzesentwurf zur Abschaffung der sogenannten Störerhaftung vorgestellt. Der Bundestag könnte ihn einfach beschließen, so etwas dauert ja nur 57 Sekunden. Jeder Berliner könnte dann sein Netzwerk öffnen und „Datenreisenden“ ein digitales Glas Wasser reichen, heißt es im Entwurf. Und Durst ist bekanntlich eine der größten Sorgen von Berlin-Besuchern.