Zehn Jahre gibt Michael Rotert der Kommunikationsform E-Mail noch. Und dann? Dann fassen sich die Menschen hoffentlich wieder kürzer und setzen nicht mehr jeden ins CC.

Herr Rotert, Sie haben am 3. August 1984 die erste E-Mail empfangen, die in Deutschland über das Internet übermittelt wurde. Wie viele bekommen Sie heute pro Tag?

Es gibt Tage, da kommen die schneller rein, als ich sie beantworten kann. Da muss ich die Ansicht auf hundert pro Seite stellen, um den Überblick zu behalten.

Ist die E-Mail zu einer Art Hintergrundrauschen verkommen?

Sie ist vor allem ein Auslaufmodell. Wir haben mit E-Mails nie einen richtigen Umgang gefunden, die Mail war immer so ein Mittelding zwischen Sprache und Schriftverkehr. Eine eigene E-Mail-Kultur hat sich nie entwickelt.

Aber das Medium wird viel genutzt.

Aber wie? Es gibt statt einer Kultur eigentlich nur Unkulturen: Erstens die, jede mögliche und unmögliche Person in Kopie und Blindkopie zu setzen, damit auch ja alle Bescheid wissen. Um dann eine Viertelstunde später anzurufen und zu fragen: „Ey, hast du meine E-Mail bekommen?“ Das hat dazu geführt, dass bei einigen Firmen in Frankreich interne E-Mails verboten sind und die Leute angehalten werden, wieder persönlich miteinander zu reden. Die andere Unkultur sind natürlich die Spams und die damit verbundenen Gefahren für Rechner.

Wann ist die Zeit der E-Mails abgelaufen und was löst sie ab?

Ich denke, wir reden hier über einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren und dass Short-Message-Systeme wie WhatsApp früher oder dominieren werden. Die lösen nicht nur die E-Mail, sondern auch herkömmliche SMS ab, zumal sie wie die E-Mail kostenlos sind. Im Gegensatz zur Mail bedürfen sie keiner langen Anrede – die Zeichenzahl ist in der Regel begrenzt. Deshalb hat sich bei der SMS ja eine eigene Kultur der Abkürzungen herausgebildet, geprägt vor allem von der Jugend, die ohnehin eine Sprache der Symbole und Abkürzungen pflegt und gerne Sprachfragmente verwendet. Auch ist es unüblich, Leute bei Kurznachrichten in Kopie zu setzen, da verläuft die Kommunikation eher Eins-zu-Eins. Zudem verführen Kurznachrichten – im Gegensatz zu Chats – nicht so sehr dazu, allen möglichen Kram zu versenden.

Verschlüsseln Sie eigentlich Ihre E-Mails?

Nein, ich verschlüssele nicht. Wenn wir bei Eco intern mailen, arbeiten wir mit einem Zertifikat. So lässt sich erkennen, wenn an einer Mail manipuliert wurde. Wir verschlüsseln Dokumente, die über das Netz verschickt werden, aber nicht die Mails an sich. Ich selbst maile jetzt schon seit 1984. Früher haben wir uns einen Spaß draus gemacht und mit einer einzeiligen Mail zwei Seiten Buzz-Words mitgeschickt – weil man wusste, dass das abgehört wird.

Das klingt pragmatisch. Doch der Normalbürger geht vermutlich nicht davon aus, dass Geheimdienste wie der BND einfach so Internetkommunikation anzapfen können.

Ich gehe eher davon aus, dass der BND bei allen deutschen Providern dabei ist, die über Auslandsleitungen verfügen. Wer sich dafür interessiert und in der Materie ist, kennt die G10-Gesetze (zur Beschränkung des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses, 2001 neu gefasst, die Red.) und die Telekommunikationsüberwachungsverordnung TKÜ, das alles wurde auch in der Presse diskutiert. Auf richterliche Anordnung dürfen Auslandsleitungen überwacht werden. Wenn ein Provider so einen Bescheid kriegt, muss er dem nachkommen. Wenn jetzt allerdings berichtet wird, dass die NSA in Deutschland direkt an einen Knoten wie den Frankfurter DE-CIX rangehen könnte, muss ich sagen: Das ist mit Sicherheit nicht so.

Ist die Aufregung also übertrieben?

Das Problem ist, dass all das, was in Orwells „1984“ steht, fast schon überholt ist. Unter Partnern und befreundeten Nationen dürfte es so etwas gar nicht gehen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass auch Wirtschaftsspionage betrieben wird – das ist für mich ein absolutes Unding!

Glauben Sie, dass angesichts der aktuellen Enthüllungen die E-Mail-Verschlüsselung zunehmen wird?

Ich hoffe es. Hoffentlich wacht auch die Software-Industrie auf und vereinfacht das Verfahren, damit es standardmäßig genutzt werden kann, und zwar eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung (Daten werden auf Senderseite verschlüsselt und tatsächlich erst beim Empfänger wieder entschlüsselt; die Red.). Alles andere hat keinen Wert.

Ein Hindernis ist: Der Absender braucht den Schlüssel des Empfängers, um ihm eine Mail zu schicken.

Ja, aber stellen Sie sich vor: Wenn alle verschlüsseln, hätte das den positiven Effekt, dass das Mailaufkommen drastisch sinkt, weil plötzlich die Sache mit Spam nicht mehr so gut funktioniert.

Was bringt eine Verschlüsselung, wenn ein Geheimdienst über Budget und Technik verfügt, mit der er selbst Unterseekabel anzapfen kann?

Wenn Sie eine Milliarde Mails haben und für jede 14 Tage brauchen, weil der Schlüssel aufwendig ist, dann überlegt man sich das.

Viele Blogger und Netzaktivisten zeigen sich enttäuscht und desillusioniert von den aktuellen Entwicklungen. Schwindet neben dem Vertrauen in die Regierungen jetzt auch das Vertrauen in das Netz?

Ich glaube nicht, dass generell das Vertrauen in das Netz verschwindet, dafür sehe ich bisher zu wenig Aufregung. Beim Acta, dem Anti-Produktpiraterie-Abkommen, war der Protest beispielsweise viel größer. Das Vertrauen in die Regierung dagegen schwindet. Ich erinnere mich, wie damals die rot-grüne Regierung zur Vorratsdatenspeicherung sagte: „Das kommt für uns nicht infrage.“ Dann war Wahl, es gab die große Koalition, und es hieß plötzlich: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.“ Schon da ging viel Vertrauen verloren. Und wenn man heute sieht, wie einige Politiker immer noch glauben, das Netz bevormunden zu können, dann denke ich, dass das Vertrauen in das Know-How der Parlamentarier noch weiter leiden wird.

Auch das in die Wirtschaft ist gestört. Großen Protest löste zum Beispiel die Telekom aus, als sie ankündigte, denjenigen Nutzern, die große Mengen an Daten empfangen, den Anschluss zu drosseln. Was halten Sie von diesem Plan?

Rein wirtschaftlich ist nichts dagegen einzuwenden. In Großbritannien ist es schon immer üblich gewesen, eine Obergrenze beim Datenverkehr für die Nutzer zu setzen. Nur gehen die dortigen Provider mit dem Mehrverbrauch in der Regel anders um. Sie drosseln in so einem Fall nicht, sondern sagen: „Wir teilen dir erst einmal mit, dass du mehr verbrauchst. Wenn das anhält, sagen wir dir das im zweiten Monat noch mal. Und ab dem dritten Monat bieten wir dir einen Tarif an, der etwas mehr Volumen umfasst. Oder du musst das, was du mehr verbraucht hast, nachzahlen.“ Das ist ein Modell, das ich mir auch für Deutschland gut vorstellen könnte.

Ist das auch die Position, die Ihr Verband Eco vertritt?

Wir im Verband sind der Meinung: Wirtschaftlich gesehen mag es richtig sein, wenn die Telekom nur zögerlich, wenn überhaupt, in Infrastruktur investieren will. Wenn der Bereich der Internetanschlüsse nicht mehr genügend abwirft, wäre es außerdem zulässig, dass man am Preis dreht. Das machen alle anderen auch so – siehe Autoindustrie oder Energiebranche. Wir halten jedoch die Ausgestaltung mittels Drosselung für extrem ungünstig, weil es einen Unterschied macht, ob man Preise anhebt oder Vielnutzer bestraft. Zudem können wir einer Ungleichbehandlung von Datenverkehr nicht zustimmen. Sollte es dazu kommen, werden wir auch in der Öffentlichkeit dagegen vorgehen. Solange es aber nur um höhere Preise geht, eher weniger.

Das Kartellamt ist aufgrund der Drosselung hellhörig geworden.

Die Telekom hat noch einen Marktanteil von etwa 40 Prozent. Das heißt, die Kunden können problemlos zu einem anderen Provider gehen, wenn sie sich dieses Vorgehen nicht gefallen lassen wollen. Etwas anderes empfinde ich als ein viel größeres Problem: Nämlich dass die Telekom sagt, Google beziehungsweise Youtube solle sich aus der Drosselung freikaufen. Das finde ich sehr, sehr bedenklich.

Warum?

Es kehrt das Prinzip des Netzes um. Bisher war es im Wesentlichen so: Der Empfänger bezahlt. Sprich: Sie bezahlen für Ihren Internetanschluss, und dann können Sie das, was das Internet bietet, auch frei nutzen. Ansonsten darf sich das Ganze nicht mehr Internet nennen. Geht es nach der Telekom, bezahlt der Sender künftig zusätzlich. Das ist das, was sie und andere ehemaligen Monopolisten der Branche bei der Tagung der ITU (International Telecommunications Union, Anm. d. Red.) im vergangenen Jahr gefordert haben.

Im Juni wurde nun sogar bekannt, dass es in den USA offenbar bereits Usus ist, dass Anbieter wie Google, Facebook oder Microsoft Internetprovider bezahlen, um schnellen Zugang zu ihren Internetdiensten zu gewährleisten.Ein Grund zur Sorge?

Allerdings, denn genau dadurch wird ein Aufbau ein Mehrklassensystems im Internet beschleunigt.

Das Gespräch führte Sebastian Grundke.