Berlin - Es gibt sie immer noch, heute sogar in doppelter Ausführung: die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot. Sie spielte mit sozialistischem Liedgut und Anarchopunk in der Spät-DDR zum fröhlichen Untergang auf. Wir trafen den Mitbegründer, einstigen Manager und Ansager des Blasorchesters Jürgen Kuttner zum Gespräch.

Herr Kuttner, ein Vierteljahrhundert Bolschewistische Kurkapelle − das ist beständig für eine Schnapsidee. Das war keine Schnapsidee, sondern von Anfang an ernst gemeint. Meine Faszination für die Blasmusik war echt und tief und begründet.

Sie waren mit Ihrer Faszination offenbar nicht allein.

Nein, die Kapelle war ja nicht einmal meine Idee. Das ging zurück auf Rolf Fischer, genannt Cello, und Stefan Körbel, die von der Liedtheatergruppe „Karls Enkel“ kamen. Wir wollten auf politische Weise politische Musik machen. Mit Hanns Eisler im Mittelpunkt.

Wurde der nicht auch ohne Sie hoch- und runtergedudelt in der DDR?

Das war doch eklig. Wie diese großartige Musik bei den offiziellen Veranstaltungen in der DDR funktionalisiert und gar nicht mehr zur Kenntnis genommen wurde. Wenn bei einer Mai-Demonstration Eisler gespielt wurde, dann immer vom Ensemble der Nationalen Volksarmee „Erich Weinert“. Immer schön uff-ta-uff-ta-uff-tata an der Honecker-Tribüne vorbei. Das endete ja dann immer bei Big Helga.

Sie meinen die Unterhaltungskünstlerin Helga Hahnemann? Das war doch eine politische Demonstration.

Eben. Am Schluss wurde immer Lebensfreude ausgeteilt. Erst die rote Fahne, dann Volksfest, Bockwurst und dufte Musik.

Spielen Sie ein Instrument?

Nein, deshalb sollte ich den Manager und Ansager machen. Der schöne Ansatz war, unterschiedliche Leute zusammenzubringen vom Juristen bis zum Friedhofsgärtner. Das war dann auch von den musikalischen Fähigkeiten her sehr heterogen. Wenn einer nur zwei Töne konnte, hat er eben „döp dop döp dop“ gespielt, kann auf einer Tuba schon was hermachen.

Wie reagierten die Behörden auf Ihre Initiative?

Wir waren nicht „anti“, aber auch nicht gerade staatlich gefeiert. Die FDJ-Bezirksleitung, der damalige Kultursekretär Rainer Börner, hat einen guten Teil dazu beigetragen, dass wir uns gründen konnten. Die haben uns 1000 Mark gegeben oder so was, dass wir Noten vervielfältigen konnten. Dafür hatten wir unseren ersten Auftritt bei irgend so einem FDJ-Bezirksleitungstagungskulturkonferenzdingsdabums in der Kongresshalle am Alex.