Interview: Archäologen wie Margarete van Ess können immer noch nicht in Syrien arbeiten

Der Kampf gegen die Terrormiliz  Islamischer Staat hat zuletzt wieder an Intensität zugenommen. Derweil  beraten Experten schon über den Wiederaufbau der zerstörten Kulturstätten in Syrien. Auf Einladung der Unesco tagen von diesem Donnerstag bis Sonnabend Archäologen, Landschaftsplaner und Denkmalschützer aus 25 Ländern  im Auswärtigen Amt in Berlin. Ziel ist es, ein Experten-Netzwerk zu schaffen. Margarete van Ess vom Deutschen Archäologischen  Institut (DAI) ist Teil dieses Netzwerks.

Frau van Ess, wie steht es derzeit um das archäologische Erbe in  Syrien und im Irak?

Unverändert dramatisch. Bis auf Ausnahmen  wie in Palmyra hat sich in den umkämpften Gebieten gar nichts verändert. Die Parteien nehmen nach wie vor keine Rücksicht auf  Kulturdenkmäler.  Archäologen können dort nicht arbeiten.

Das Auswärtige Amt und das Deutsche Archäologische Institut (DAI) haben  zuletzt die Initiative „Archaeological Heritage Network“ ins Leben gerufen. Das Netzwerk von 18 Institutionen aus Deutschland soll sich mit dem Wiederbau nach der  sogenannten Stunde null  im Land entwickeln. Was kann es leisten?

Die Idee ist, die Kompetenzen  zu bündeln und nach außen zu vertreten. Es gibt sehr viele Experten hierzulande,  im DAI, im Denkmalschutz, in Kulturinstitutionen,  an Hochschulen und Universitäten. Durch den Föderalismus in Deutschland verlieren wir manchmal den Überblick. Im Auswärtigen Amt wird das Netzwerk  nun koordiniert. Es geht um die Frage, wer kann was wo wie machen, oder macht es schon.  Wir wollen schneller und konzentrierter arbeiten.

Sie waren vor zwei Monaten zum ersten Mal nach dem letzten Golf-Krieg 2003 wieder im Irak. Wie sind Ihre Eindrücke?

Seit 2002 war es für uns nicht mehr möglich, im Irak zu arbeiten. Nun waren wir einen Monat lang in Uruk im Süden des Landes unterwegs. Uruk ist die Metropole des legendären Königs Gilgamesch. Dort forschen deutsche Archäologen seit über 100 Jahren. Die Rückkehr in den Irak gestaltete sich angesichts der noch immer schwierigen Sicherheitslage vor Ort sehr langwierig. Doch das Arbeiten vor Ort war dank dieser Vorbereitung problemlos möglich.

Im Süden vom Irak scheint möglich zu sein, was in den IS-Gebieten des Landes sowie in den umkämpften Gebieten in Syrien für unabsehbare Zeit unmöglich scheint.  Wie war Ihre Reaktion auf die Befreiung von Palmyra in  Syrien?

Das war eine gute Nachricht. Jetzt haben wieder Personen in Palmyra das Sagen, die ein positives Verständnis von den Kulturgütern dort haben. Die syrische Antikenverwaltung ist wieder präsent, eine staatliche Einrichtung, die gut aufgestellt ist.  Das heißt aber noch nicht, dass der Krieg schon vorbei wäre. Die Gründe, warum es zu einem IS gekommen ist, sind jedoch nicht aus der Welt.

Was für eine Sicht haben die Menschen in der Region auf die  historischen Hinterlassenschaften?

Generell wird das kulturelle Erbe dort gut angenommen – es brachte Einkommen. Wie tief das Verständnis für dessen Geschichte ist, hängt davon ab, wie man die archäologischen Unternehmungen bekannt macht. Wir haben Projekte mit Kindern in Jordanien durchgeführt, die toll angenommen wurden. Die Anwohner kamen auf die  Kollegin zu und fragten nach den Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschungen. Auch in Baalbeck im Libanon haben wir ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Einbeziehung der Bevölkerung ist ein wichtiger Faktor im Kulturgutschutz.

Was waren das für Projekte im Libanon und in Jordanien?

Im Libanon arbeiten wir in Baalbek, einer römischen Ruine mitten in der modernen Stadt. Auch wenn alle wissen, dass wegen dieser Ruine viele Touristen Baalbek besuchen, haben viele Bewohner sie nicht besucht. Nun arbeiten wir im römischen Steinbruch, in dem die größten Bausteine der Welt liegen. Die lokale Öffentlichkeitsarbeit bewirkte, dass die halbe Stadt sich diese neuen Befunde ansieht. In Jordanien sind es Veranstaltungen wie Theater, Suchspiele oder einfach Kinderfeste, mit denen im langjährigen Ausgrabungsort des DAI in Umm Qais die Neugier auf die eigene Geschichte geweckt wird.

Noch mal zu Syrien: Inwiefern kann das DAI bei der Gestaltung der archäologischen Stätten in Palmyra oder auch in Aleppo helfen?

Wir stehen sofort zur Verfügung, sowie der Einsatz von Archäologen sinnvoll wieder möglich ist. Es laufen bereits viele Gespräche mit den Kollegen aus Syrien.  Wir müssen jedoch abwarten, dass es wieder einigermaßen friedlich ist. Archäologen in Kriegseinsätze zu schicken, ist nicht unsere Politik.

Wie stehen Sie zu der Frage, die zerstörten Stätten wieder aufzubauen?

Ich würde sie zurückstellen und zunächst alle Möglichkeiten anhand der noch vorhandenen Fragmente ausloten. Also zuerst schauen, ob genügend Original-Substanz erhalten ist, um wieder aufbauen zu können. Wenn nicht, ist zu überlegen, ob man den Ort als Mahnmal so lässt wie er jetzt ist oder ob man die vorhandenen Fundamentreste ausgräbt und ihre Geschichte mit modernen Mitteln der Präsentation erzählt. Ist ausreichend Original-Material vorhanden, wäre an Restaurierung zu denken, denn nur das Original-Material vermittelt, welche Techniken angewandt wurden, warum man welche Baustoffe verwendet hat und welche Ausstrahlung ein Gebäude hatte. In jedem Fall sollten es die Syrer und insbesondere die Bewohner Palmyras selbst sein, die entscheiden, in welcher Form Erinnerung stattfindet.

Das Gespräch führte Günter Marks.