Emil Kollmann kam vor seinem Theaterprojekt nie auf die Idee, seine Mutter nach ihrer Geschichte in der BRD zu befragen.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinGerade erst stand Emil Kollmann in der Box des Deutschen Theaters für vier Aufführungen von „30 nach 89. Talking About Your Generation“ auf der Bühne, am 1. November wurde er bereits im russischen Krasnojarsk erwartet. Er gehört zu einer Gruppe von 18 Jugendlichen, die sich mit der Zeitenwende und ihren Auswirkungen beschäftigt haben. Wir wollten wissen, wie ein 18-Jähriger heute auf Deutschland schaut.

Wie stellen Sie sich vor, wenn Sie irgendwohin kommen?

Hallo, ich bin der Emil aus Berlin. Meistens sage ich sogar, dass ich aus Bayern komme.

Warum, sind Sie dort geboren?

Nein, in Berlin, im Virchow-Klinikum. Aber durch meine Familie fühle ich mich seelisch eher Bayern zugehörig. Als ich klein war, habe ich dort viel Zeit bei meiner Oma verbracht. Auch in Russland war ich viel. Mein Vater ist Russe. Also, meistens war ich nur etwa neun Monate eines Jahres in Berlin.

Ich bilde mir ein, gerade für junge Menschen sei es cool, aus Berlin zu sein.

In Berlin hat man keine guten Karten, wenn man sagt, dass man aus Bayern kommt. Ich wurde auch schon beschimpft. Das reizt mich allerdings gerade, das Bayerische zu verteidigen.

Foto: Paulus Ponizak
Emil Kollmann

...wird im August 2001 in Berlin-Wedding geboren. Seine Eltern, 47 und 43 Jahre alt, kommen aus Bayern bzw. aus Russland, sie arbeiten als freie Autoren und Journalisten.

...besucht die Netzwerk-Schule in Friedrichshain bis zur 10.Klasse.

... gehört einer Gruppe von Jugendlichen an, die das Deutsche Theater Berlin zu dem Projekt „30 nach 89 – Talking About Your Generation“ zusammengebracht hat. Sie beschäftigten sich mit der friedlichen Revolution und entwickelten in der Regie von Uta Plate gemeinsam ein Stück.

Sie sind 18 und haben an einem Theaterprojekt teilgenommen, bei dem Sie Erwachsene nach ihrer Jugend fragten. Mit 18 habe ich Westlern gegenüber Dinge aus der DDR schöngeredet, die ich gar nicht so besonders fand.

Ja, wenn jemand mit mir konstruktiv über Bayern redet, sehe ich einiges ein. Aber wenn jemand mit so einer Angriffshaltung kommt – da habe ich mich schon erlebt, wie ich die CSU verteidige.

Wie sind Sie zu dem Team von „30 nach 89 –Talking about your Generation“ am Deutschen Theater gestoßen?

Ich spiele schon seit fast sieben Jahren am Jungen DT, da war der Weg zu dem Auswahl-Workshop zum Glück nicht so weit.

Das ist ja ein politisches Projekt. Haben Sie sich vorher schon für Politik interessiert?

Ja, mindestens seit ich 15 war. Und seit bald einem Jahr bin ich Mitglied der SPD.

Oh, in diesen Zeiten! Ist Kevin Kühnert, der Juso-Chef, ein Vorbild für Sie?

Auch. Eigentlich bin ich ein großer Anhänger von Gesine Schwan und Ralf Stegner.

Das waren doch die Ältesten in der Kandidatenrunde für den Vorsitz!

Ich finde sie aber sehr sympathisch, sehr frisch. Trotzdem habe ich sie nicht gewählt, weil ich fürchtete, in der Bevölkerung wäre ein Neustart mit einer 76-Jährigen und einem 60-Jährigen schwer zu verkaufen.

Das Gerede von der angeblich unpolitischen Jugend hat mit Fridays for Future sein Ende gefunden. Sich für eine Partei zu engagieren, ist starkes Zeichen. Kennen Sie Gleichaltrige, die das tun?

Im Kreisverband bin ich der einzige in meinem Alter. In Berlin-Mitte ist die SPD zwar sehr stark und die Juso-Gruppe hat etwa tausend Mitglieder. Da ist wohl nur noch einer, der 19 ist, die meisten sind eher Ende 20. Ein guter Kumpel von mir ist Anhänger von Sonneborns Die Partei, mit dem streite ich mich oft über Politik. Andere Freunde sympathisieren mit den Grünen, einfach, weil sie das Klima retten wollen, und da stehen eben die Grünen am meisten dafür. Was ich ja auch gut finde.

Schauspieler Emil Kollmann spricht über sein Projekt „30 nach 89. Talking About Your Generation“ und aktuelle deutsche Politik.
Foto: Paulus Ponizak

Hat Sie die Zeitenwende 1989 vor der Arbeit an dem Theaterstück schon interessiert?

Sie hat keine große Rolle gespielt für mich. Meine Mutter war zur Wende 17. Unsere Familie wohnt in der Oberpfalz, 20 Kilometer von der tschechischen Grenze. Der Eiserne Vorhang war ihnen stärker bewusst als die Mauer.

Wie verliefen die Gespräche in der Familie für Sie?

Meine Mutter und meine Oma haben den Mauerfall erst einmal nicht so begrüßt. Da fiel der bezeichnende Satz: Warum öffnen wir die Grenze zu denen und schließen uns nicht lieber mit Österreich zusammen? Das lag den Bayern näher.

Hat das Ihr Vater mit der Perestroika verknüpft?

Er war 13, als die Mauer fiel. Und er kommt nicht aus Moskau, sondern aus Chabarowsk. Da ist Japan nicht weit – die DDR aber schon. Die Perestroika manifestierte sich ganz konkret für meinen Vater, als er ab Mitte der 80er-Jahre eine faktisch freie Schule besuchen konnte, die sein Vater, ein Professor, mit seinen Kollegen gründen konnte. 1993 ist nach Moskau gezogen, um Theaterkritik zu studieren, an dieser Fakultät lernte er 1996 meine Mutter kennen, die dort ein Gastsemester absolvierte. Damals hatte er manchmal  so wenig Geld, dass er sich nicht einmal einen Apfel kaufen konnte. Es war die Zeit der Hyperinflation.

Standen Sie mit Ihrer Familie besonders da bei der Arbeit am Theaterprojekt?

Nein. Wir sind sechs Polen, sechs Russen und sechs Deutsche, fünf davon Wessis. Da hat jeder eine besondere Geschichte. Meine fand nicht einmal konkret ins Stück.

Sie sprechen von Wessis, obwohl Sie alle etwa zehn Jahre nach dem Mauerfall geboren sind. Warum?

Ich glaube, das spielt noch eine Rolle. Bei unserer Gruppe erst recht: Wir haben Interviews mit unseren Eltern geführt, da kam man gar nicht um diese Frage herum, wo und wie sie aufgewachsen sind. Und es gibt immer noch Vorurteile.

Haben Sie die herausgearbeitet?

Kaum. Aber einmal hatten wir die Tochter von Christa Wolf interviewt. Da entstand eine hitzige Diskussion.

Meinen Sie die Psychoanalytikerin Annette Simon? Wieso kam es im Gespräch mit ihr zum Konflikt?

Ja, sie war es. Es kam die These auf, dass Leute aus dem Osten mehr arbeiten und die Wessis eher versuchen, der Arbeit aus dem Weg zu gehen. Das hat mich tierisch aufgeregt. So etwas kann man doch nicht generalisieren.

Das finde ich als Ostler jetzt ganz ulkig.

Als Vorurteil gegen Wessis hatte ich bisher höchstens gehört, sie seien so schicki-micki…

Sind Sie bei der Erarbeitung des Stücks auf brenzlige oder zu private Situationen gestoßen?

In Warschau hat ein älterer Mann mal gesagt: Mach jetzt bitte die Kamera aus. Das war sehr berührend. Dass man durch dieses intensive Fragen alte Wunden aufreißt, habe ich sogar bei meiner Oma gemerkt. Das passiert unbewusst, man weiß ja nicht, dass diese Narben da sind. Aus der deutschen Gruppe war ein Vater Grenzsoldat in der DDR. Ich habe große Achtung für das Mädchen und ihren Vater, dass sie diese Geschichte mit uns geteilt haben. Auf der Bühne kann das nur verkürzt werden. Dann sitzt man da im Publikum und sieht, wie ein fremdes Kind die eigene Rolle spielt. Oder andere Eltern sahen sich zum Beispiel als Löffel und Gabel – wir hatten ja auch Puppenspiel dabei.

Dann war das ein Gewinn für die beteiligten Jugendlichen?

Unbedingt! Ich liebe Geschichte, aber ich bin nie auf die Idee gekommen, mit meiner Mutter über ihre Geschichte in der BRD zu sprechen. Aber das ist nicht nur ein Problem der jungen Generation. Ich glaube, meine Mutter wusste auch nicht genug über meine Großmutter. Das betrifft am Ende die Gesellschaft. Man muss mehr reden untereinander. Sonst entsteht schnell der Eindruck, dass man sich nicht füreinander interessiert. Die Alten halten die Jugend für radikal, die Jungen glauben, die Alten hocken nur noch auf dem Sofa und wollen nichts mehr.

Wie haben Sie sich mit den Jugendlichen aus den anderen Ländern verständigt?

Auf Englisch, meistens.

Hat Sie bei denen etwas besonders überrascht?

Keine einzelne Geschichte, aber insgesamt der Blick der russischen Eltern auf die Neunzigerjahre. Mein Vater hatte sie sehr positiv erlebt, er hatte sich frei gefühlt. Aber die Eltern und Großeltern unserer Mitspieler waren nicht froh über den Zerfall der Sowjetunion, manche trauerten dem Kommunismus nach.

Haben Sie deshalb den Eindruck, dass die Friedliche Revolution in Deutschland geglückt ist?

Im Vergleich zu Russland auf jeden Fall. In Russland brach so vieles zusammen, die Mafia war stärker als die Polizei in den Neunzigern, die Oligarchen kauften sich das frühere Volkseigentum zusammen.

Spielte der Gedanke an Europa eine Rolle?

Ja, vor allem bei den Polen. Zwei kamen aus Lublin an der Grenze zur Ukraine, denen war Europa schon sehr wichtig. Ich finde, das hat uns auch stark zusammengeführt.

Was ist denn bei den Russen anders?

Da ist so eine unbewusste Trägheit. Irgendwie wartet man da auf den Retter. So endet eine Szene auch mit der Frage: Wer wird uns retten? Wir haben aber ein Mädchen dabei, die sich sehr gegen Putin engagiert, und als wir zu den Proben in Moskau waren, sahen wir vor unseren Fenstern die Demonstration gegen die Bürgermeisterwahlen. Es kamen immer mehr Polizeiwagen, das war sehr bedrückend. Andererseits ist die Wahlbeteiligung dann furchtbar niedrig gewesen, nur etwa 30 Prozent.

Glauben Sie, dass wir in einer stabilen Demokratie leben?

Jein. Vor drei Jahren hätte ich bestimmt noch ja gesagt, aber der Aufschwung der AfD macht mir schon Sorgen.

Neuerdings hört man hierzulande, man könne nicht mehr frei seine Meinung sagen, das sei schon wieder wie in der DDR.

Da stimmt aber nicht, in Deutschland kann jeder seine Meinung sagen, solange sie nicht jemanden diskriminiert. Ich bin da eigentlich sehr sensibel, ich finde, auch Nazis werden nicht als Nazis geboren, das hat alles Ursachen. Man sollte versuchen sie zu integrieren. Und nicht alle AfD-Wähler sind so rechts wie die AfD an sich. Am Wahlstand habe ich auch schon mit welchen gesprochen. Das meiste, was man dann hört, sind Sorgen.

Brauchen wir eine neue friedliche Revolution? Vielleicht für das Klima?

Ich glaube nicht, dass das irgendwas helfen würde. Ich bin ein großer Fan von Fridays for Future, aber ich glaube, dass Lösungen in der Politik gefunden werden müssen. Der wichtigste Ansatz ist, dass man alle Menschen mitnimmt. Dass man versucht, allen Menschen klarzumachen, wir müssen jetzt fürs Klima kämpfen. Bei einer Revolution würde es wieder zwei Fronten geben.

Sie sind 18, ich dachte, die Jugend liebt Revolutionen.

Ist das ein Vorurteil? Ich interessiere mich zum Beispiel sehr für die Französische Revolution. Aber Revolution heißt doch, ein System komplett über Bord zu werfen. Ich glaube, dass man etwas verändern muss, aber aus meiner Sicht geht es eher um eine Optimierung. Nehmen wir die Unterschiede zwischen Ost und West beim Lohn. Bei der Rente passiert ja wohl was. Es wird oft vergessen, was wir schon erreicht haben.

Wie stellen Sie sich Deutschland im Jahr 2029 vor?

Wenn es geht: klimaneutral. Auch wenn das ein bisschen utopisch ist. Ich habe darüber noch nie nachgedacht. Aber ich hoffe, dass dann die Gesellschaft in Deutschland wieder mehr zusammengerückt ist. Gerade habe ich das Gefühl, dass es nur noch Fronten gibt. Wir sollten uns als ein Volk begreifen und als Europäer. Europa spielt für mich eine sehr große Rolle. Wenn wir uns in Europa die ganze Zeit streiten, können wir China und den USA nicht selbstbewusst gegenübertreten – und zum Beispiel fordern, dass die keine Kohlekraftwerke mehr bauen.

Ganz schön konkret.

Noch etwas: Meine Hoffnung ist, dass die AfD wieder unter 5 Prozent gerutscht ist und die Grünen den Kanzler stellen.

Das sagen Sie als junges SPD-Mitglied? Und was ist mit der Kanzlerin?

Ok, oder die Kanzlerin, Annalena Baerbock. Natürlich in einer Koalition mit der SPD.