Berlin - Herr Tukur, Ihr zweiter „Tatort“ ist mehr Groteske denn üblicher Krimi und ähnelt in einer Ästhetik den Edgar-Wallace-Filmen. Im Vorfeld sagten Sie: Herauskommen kann dabei nur Kult oder eine Katastrophe. Was ist es aus Ihrer Sicht geworden?

Es ist ein sehr wagemutiger Film und ich finde ihn gelungen. Er wird seine Fans haben, aber sicherlich auch für Verstörung sorgen und einigen eingefleischten, konventionellen „Tatort“-Zuschauern nicht gefallen. Wir reizen dieses ansonsten ja sehr robuste Format wirklich bis zum Zerreißen aus.

Der Film ist reich an skurrilen Szenen und wirkt wie aus einer anderen Zeit, allein durch seine Ästhetik. „Jeder sucht sich die Zeit, in der er gerne gelebt hätte“, haben Sie einmal gesagt. Offensichtlich gilt das auch für Ihren „Tatort“-Ermittler Felix Murot.

Unser „Tatort“ zitiert sehr viel. Das ist etwas, was sich zwischen Edgar Wallace, Hitchcock und der Rocky Horror Picture Show bewegt. Meine Figur gerät auf Grund einer potentiell tödlichen Erkrankung in eine Art parallele Welt.

Sie spielen zum zweiten Mal den LKA-Ermittler Felix Murot, der von seinem eigenen Tumor verfolgt wird und sich in Gestalt einer überdimensional großen Haselnuss einen Schlagabtausch mit ihm liefert.

Wir wollten ein phantastisches Divertimento kreieren. Die Reise eines Kommissars in das Innere seines Kopfes. Das generiert dann solche Bilder, wie Sie sie im Film sehen. Ich finde, unser Kommissar hat Tiefe, einen wunderbaren Unterhaltungswert und nach wie vor eine Menge Potential. Solange Murot diesem absurden Abenteuer Leben, dem er da ausgesetzt ist, immer wieder eine neue Facette abgewinnt und aufrecht weiterläuft, solange kann ich mir vorstellen, dass wir die Figur auch weiter vorantreiben.

Wie weit können Sie es denn noch auf die Spitze treiben, was Sie mit dieser Figur anstellen?

Ich glaube, dass wir den nächsten „Tatort“ wieder ganz anders erzählen werden. Die zweite Folge ist der Versuch zu schauen, wie weit wir gehen können und wie weit die Zuschauer bereit sind, mitzugehen. Aber dass der „Tatort“ nach 40 Jahren mal etwas Verrücktes, etwas Innovatives braucht, das ihm ein bisschen den Teppich unter den Füßen wegzieht, steht ja außer Frage. Ich hoffe, dass wir dieses Format so ein bisschen neu beleben können.

Sie haben sich durch die Krankheit Ihres Ermittlers eine jederzeit einlösbare Ausstiegsoption geschaffen. Macht sich das in der Arbeit bemerkbar?

Überhaupt nicht. Ich arbeite mit den Verantwortlichen des Hessischen Rundfunks auf Augenhöhe. Wir setzen uns zusammen, um eine neue Episode auszubaldowern. Dann überlegen wir, welchen Regisseur wir nehmen könnten und welchen Drehbuchautor. Mir ist bewusst, dass es ein Luxus ist, so arbeiten zu können, ich bin auch sehr dankbar dafür. Aber nur so kann ich eine Seriengeschichte machen.

Nachdem Sie zunächst abgesagt hatten.

Ich finde es eigentlich uninteressant, „Tatort“-Kommissar zu sein.

Sie würden den Job nicht weiterempfehlen?

Eigentlich nicht. Wenn man andere Optionen hat, sollte man das eher nicht tun. Denn man wird sehr sichtbar in der Rolle und könnte Schwierigkeiten bekommen, für völlig andersartige Film- oder Fernsehrollen angefragt zu werden. Man hängt sein Gesicht zu intensiv in die Zuschauerlandschaft hinein. Das ist nicht ungefährlich. Für mich persönlich war es nur denkbar mit diesem extremen Charakter und dessen unerhörten Lebensumständen, der nicht zu oft über den Bildschirm flackert, also maximal ein Mal im Jahr. Aber dass man das unbedingt werden will oder dass es gar ein Ritterschlag sei, das kann ich nicht nachempfinden.

Das Interview führte Tobias Goltz.