München - Ein verregneter Samstagmittag in München, auf der Bühne der Lach- und Schießgesellschaft, dem legendären, von Dieter Hildebrandt mitgegründeten Kabarett, liegen eine Perücke und ein paar andere Requisiten. Josef Hader, ganz in Schwarz, sitzt an einem leeren Tisch im Zuschauerraum und begrüßt einen herzlich. „Ich finde Hotelzimmer für Interviews immer viel zu deprimierend. Am liebsten würde ich ja alle meine Interviews in großen, halb leeren Kaffeehäusern geben, wie man sie leider nur in Wien findet. Und da dachte ich, die Lach- und Schieß passt doch sehr gut. Denn hier hatte ich meinen ersten Auftritt als Kabarettist in München, hier habe ich mein erstes großes Programm gespielt – und meinen ersten großen Verriss in Deutschland kassiert.“ Hader ist ein zugewandter Gesprächspartner. Und Österreicher, dessen Meinung zur so knapp ausgegangenen Bundespräsidentschaftswahl in der Heimat man gern noch gehört hätte – das Gespräch fand aber vorher statt. Und auch ein Kabarettist braucht mal Abstand: In der Woche nach der Wahl weilt Hader unerreichbar auf Sizilien.

Herr Hader, was treibt Sie mehr an – Angst oder Lust?

Das ist ein Wechselspiel. Beides verstärkt sich auch mit der Zeit. Und die Lust ist umso größer und entschiedener, weil man zwischendurch auch Angst hat.

Ich frage deshalb, weil Sie in einem Interview sagten, dass Sie jetzt so alt sind, dass Sie weniger Angst vor Niederlagen hätten.

Ja, mein Gott, ich habe eigentlich nichts mehr zu verlieren. Ich habe vielleicht noch ein paar Lebensjahre, in denen ich beruflich noch g’scheit etwas machen kann, vielleicht auch länger, man weiß es ja nicht, und in dieser Zeit sollte man doch noch so viel wie möglich ausprobieren. Und wenn ich mal eine Niederlage habe, halte ich die mittlerweile schon besser aus als früher. Auch weil ich ja schon ein paar Jahre lang Dinge gemacht habe, die von den anderen Leuten für nicht so schlecht befunden wurden. Da darf ich auch mal danebenhauen. Der Mut zum Risiko ist bei mir mehr da als früher.

Sie haben früher Dinge nicht gemacht aus der Angst heraus zu scheitern?

Ich hatte mal eine lange Phase, in der ich alle Filmrollen abgelehnt habe. Das lag daran, dass ich sehr früh einen sehr großen Erfolg mit dem Film „Indien“ hatte. Und ich dachte dann immer, dass das alles nicht so gut ist wie meine Rolle dort. Mit dem Resultat, dass ich fast zehn Jahre gar keinen Film mehr machte. Das war natürlich auch keine Lösung. Also habe ich wieder damit begonnen, ein bisschen ins Risiko zu gehen. Und seither ist mir das sehr wichtig. Natürlich gibt es immer noch Projekte, die ich ablehne, weil ich das Gefühl habe, dass ich mich dabei nicht wohl fühle, oder, dass ich es nicht kann. Aber wenn ein Projekt etwas in mir zum Klingen bringt, dann sage ich das jetzt zu – trotz aller Zweifel. Das ist dann ein bisschen wie ein Gang über ein Hochseil. Man weiß zwar nicht, ob man es schafft, aber versuchen will man es.

Im Film „Vor der Morgenröte“ spielen Sie den österreichischen Romancier Stefan Zweig. Ist dessen Werk auch persönlich wichtig für Sie?

Ich kannte einiges von Stefan Zweig und habe als Jugendlicher vor allem seine historischen Bücher sehr gerne gelesen, weil ich mich generell sehr gerne mit Geschichte beschäftige. „Die Welt von Gestern“ hat mich am meisten beeindruckt. Ich finde, dass Stefan Zweig in seinen historischen Werken manchmal als Erster intuitiv etwas erfasst hat, was die „seriöse“ Geschichtsforschung davor liegen gelassen hat. Da ist er durchaus mit Egon Friedell zu vergleichen, der in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ auch Wahrheiten entdeckt hat, auf die die moderne Geschichtswissenschaft erst Jahrzehnte später gekommen ist. Und ich mag die Sprache von Stefan Zweig sehr, es gibt auf diesem hohen sprachlichen Niveau kaum ähnlich spannende Literatur zu lesen, wie es seine Novellen sind. Aber große Autoren, die etwas ausdrücken können, das auch ich schon immer so empfunden habe, ohne selbst Worte dafür zu finden – das sind andere.

Wer denn zum Beispiel?

Kafka! Der hat ganz stark auf mich gewirkt. Denn ich kenne viele Ängste, die er in seinen Büchern anspricht, sehr gut. Auch, wie er Dinge beschreibt. Außerdem mag ich Autoren, die sehr filmisch schreiben. Und lustigerweise macht das Kafka ja. Er schreibt sehr sensitiv, so dass man das, was er beschreibt, sehr genau sieht. Zum Beispiel: In seinem Roman „Amerika“ fährt ein Schiff in den Hafen von New York ein. Und er beschreibt da eine veränderte Perspektive der Freiheitsstatue. Und man denkt sich: „So hätte ich auch gerne mal eine sich verändernde Perspektive beschrieben.“ Flaubert kann das auch. Den mag ich auch sehr. Ich frage mich oft, wie macht er das, dass er Dinge so sinnlich beschreibt? Wie findet er die Worte dafür? Zum Beispiel beschreibt er, wie ein Sterbender ganz mechanisch mit der Hand über die Bettdecke streicht. Das ist etwas, das ich kenne, weil ich von einem Bauernhof komme und erlebt habe, wie Menschen zu Hause sterben.

Viel Stefan Zweig lesen

Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet? Wie haben Sie Ihren inneren Stefan Zweig gefunden?

Ich habe viele unterschiedliche Biografien gelesen. Und auch viele seiner Bücher wiedergelesen. Vor allem natürlich seine Brasilien-Monografie. Und dann habe ich in München die Stefan-Zweig-Ausstellung im Literaturhaus besucht, was ein großer Glücksfall war. Denn da konnte ich mir auch diesen kleinen Film ansehen, der ihn auf einer Gartenparty bei den Salzburger Festspielen zeigt – man sieht, wie verlegen er mit den Glückwünschen einer Verehrerin umgeht. Und es gab auch Tondokumente, auf denen er zwei seiner Gedichte spricht. Aber irgendwann musste ich alles, was ich von ihm wusste, hinter mir lassen und intuitiv versuchen, etwas daraus zu machen.

Haben Sie bei dieser Recherche Gemeinsamkeiten mit Stefan Zweig entdeckt?

Nein. Das wäre auch vermessen, weil er so viele Brüche in seinem Leben hatte, die ich nie hatte und die ich mir auch nicht wünschen würde. Die einzige Gemeinsamkeit, die ich ein bisschen gespürt habe: Manchmal litt er darunter, dass man ihn künstlerisch nicht für ganz voll genommen hat. Also, das Gefühl kenne ich gut.

Gesellschaftlich Position beziehen

Zweig hat sich von niemandem politisch vereinnahmen lassen. Trifft das auch auf Sie zu?

Ich habe mich sicher auch noch nie vor den Karren einer Partei spannen lassen. Aber wir leben ja heute in einer ganz anderen Kultur, einer Bekenntniskultur, in der man gesellschaftlich schon manchmal eine ganz bestimmte Position beziehen sollte. Wo man als Bürger ganz klar sagen sollte: „Ich bin gegen das. Ich bin für das.“ Das habe ich schon gemacht. Und übrigens auch Stefan Zweig. Aber nur, als er noch in Europa war. Als er dann nach Amerika und später nach Brasilien emigrierte, hat er es absolut abgelehnt, sich politisch zu äußern. Zum Beispiel, wie der Film schön zeigt, auch beim Pen-Kongress in Buenos Aires. Er wollte nicht vor einem Publikum, das seiner Meinung war und ihm nur zujubelte, Dinge vertreten, für die in Deutschland Menschen hingerichtet wurden. Das fand er obszön. Und diese Haltung finde ich großartig.

Stefan Zweig war depressiv, hatte Fernweh und gleichzeitig ein Gefühl von Heimatlosigkeit. Kennen Sie diese Seelenzustände?

Sicher.

Und wäre der Freitod je eine Option für Sie?

Überhaupt nicht. Ich habe eine Kindheit gehabt, die eigentlich sehr glücklich war. Und als ich dann mit zehn Jahren in ein Internat gekommen bin, habe ich schnell gelernt, zu einer Art Ich-AG zu werden, an der alles abprallt. Dieser Panzer war mir später sehr im Weg dabei, Menschen kennenzulernen und Beziehungen in vernünftiger Weise leben zu können – aber gleichzeitig ist er mir auch immer eine Hilfe gewesen. Weil ich dadurch viele Dinge nicht an mich herankommen lasse. Zum Beispiel beruflichen Misserfolg oder wenn mich jemand als Person ablehnt. Denn das ist für einen narzisstischen Menschen eine Katastrophe.

Sie sind ein Narzisst?

Natürlich, wie viele Künstler. Sonst würde ich ja nicht auf der Bühne stehen wollen. Und sogar geliebt werden wollen! Da ist Ablehnung ganz etwas Furchtbares. Oder wenn mir jemand auf den Kopf zusagt, dass ich schlecht spiele. Das ist ein Riesenunglück. Aber, wie gesagt, ich habe ja diesen Panzer und auch einen Trotz, sodass ich aus einem Misserfolg oder einer Ablehnung auch immer wieder Energie heraushole. Ich stecke da in meinem kleinen Panzer drinnen und denke: Jetzt zeig ich’s euch! Ich verwende solche Zurückweisungen immer als Motor. Weil wir jetzt hier in der Lach- und Schieß sitzen, will ich Ihnen sagen, dass mein erstes Programm, das ich je in Deutschland gespielt habe, ein Riesenverriss war.

Wie haben Sie das verkraftet?

Nach einer Phase, wo ich drei Tage Magenweh gehabt habe, nahm ich mir vor: „Ich werde wieder nach München kommen, ein neues Programm spielen, es wird derselbe Journalist wieder im Publikum sitzen und diesmal wird er begeistert sein.“

Und?

Das habe ich geschafft. Das Schlimmste bei seinem Verriss war ja, dass er mich nicht böswillig in die Tonne getreten hat, sondern sogar ein Stück weit recht hatte. Und das hat mich natürlich am meisten gewurmt. Der war ja eben genau kein Trottel. Ich habe das wirklich als Motor genommen, meine Art zu hinterfragen, und bin dadurch letztlich besser geworden. Und sogar ein wenig radikaler und entschiedener. Künstlerisch habe ich das mit allen Rückschlägen so gehalten – privat leider nicht. Da konnte ich das nicht so gut.