In ihrer französischen Heimat gilt Katell Quillévéré längst als eine der wichtigsten Filmemacherinnen unserer Zeit. Geboren 1980 an der Elfenbeinküste, studierte sie zunächst Philosophie nachdem sie an der Filmhochschule nicht angenommen worden war. Nach einigen Kurzfilmen brachte sie 2010 mit „Un poison violent“ ihren Debütfilm ins Kino, der in Cannes Premiere feierte. Drei Jahre später wurde sie für „Die unerschütterliche Liebe der Suzanne“ bereits für den renommierten Filmpreis César in der Kategorie Bestes Drehbuch nominiert. Gleiches gelang ihr wieder für die Adaption des Romans „Die Lebenden reparieren“, die nun auch in die deutschen Kinos kommt. Wir trafen Quillévéré in Paris zum Interview.

Madame Quillévéré, in Ihrem Film „Die Lebenden reparieren“ werden schwere Themen verhandelt, hatten Sie nie Sorge, die Geschichte könne das Publikum zu sehr deprimieren mit all der Traurigkeit?

Diese Frage war mir in der Tat sehr wichtig, von Anfang an. An oberster Stelle stand für mich die Aufgabe, die richtige Distanz zu finden. Wobei natürlich der Zuschauer trotzdem noch berührt werden sollte. Kitsch und Aufdringlichkeit wollte ich unbedingt vermeiden. Das hatte ich alles schon während des Schreibens des Drehbuchs im Kopf. Doch natürlich fiel es dann auch den Schauspielern beim Drehen zu, diese delikate Balance hinzubekommen.

Wie haben Sie Ihre innere Richtlinie gefunden, an der Sie und die Schauspieler sich orientieren konnten?

Ich vertraue da auf meine Erfahrungen als Zuschauerin. Die Filme, die mich am meisten berühren, sind immer die, die mit den Emotionen nicht aufs Ganze gehen, sondern sich ein wenig zurückhalten. Damit das Publikum selbst sie erleben kann. Der Schauspieler soll also nur feuchte Augen bekommen, so dass dann beim Zuschauer wirklich die Tränen fließen. Dieses kathartische Moment ist mir in all meinen Filmen stets ein Anliegen. Denn im Grunde sehe ich darin die Aufgabe des Kinos: Im Publikum die Emotionen zu wecken, die es gemeinhin vielleicht nicht zulässt.

Im Zentrum der Handlung steht in der Romanvorlage von Maylis de Kerangal das Herz des jungen Simon, der nach einem Autounfall im Koma liegt. Fürs Kino eine fast unmögliche Erzählperspektive, oder?
Das stimmt, und die ganze Geschichte dreht sich im Buch auch viel mehr um Simon, seine Familie und seine Situation. Mir war gleich klar, dass dieser Fokus im Film allzu düster werden könnte. Gerade weil das Kino eine sehr viel physischere Angelegenheit ist als das Lesen eines Buches. Ich habe also versucht, letztlich die gleichen Dinge zu erzählen, nur eben aus einem etwas anderen Blickwinkel.

Welcher Aspekt der Geschichte hat Sie dabei meisten interessiert?
Eigentlich der des Spendens und damit der Hingabe. Damit meine ich nicht einfach bloß die Organspende. Sondern auch im übertragenen Sinn: sich selbst hingeben, innerhalb einer Beziehung, der Gesellschaft oder eben auch im Krankenhaus. Weil mich besonders das Thema Solidarität beschäftigt und berührt, zeige ich das Spenden als eine Art Kette, weil etwas von einem zum nächsten weitergegeben wird.

Dadurch gewinnt der Film auch eine gesellschaftspolitische Dimension!
Selbstverständlich, das war meine Absicht. Solidarität und Zusammenhalt sind ja in unserer heutigen Welt eher zerbrechliche und bedrohte Konzepte. Dabei können wir etwas lernen von dem Moment, in dem man einen Körper öffnet und sein Herz freilegt. Denn mit einem Mal spielen Hautfarbe, Geschlecht, Alter, Religion oder soziale Herkunft nicht mehr die geringste Rolle. Daran sollten wir uns vielleicht öfter mal erinnern. Dass in diesem Fall das Herz eines 14-jährigen Surfers das Leben einer 50-jährigen Lesbe rettet, ist für mich jedenfalls ein politisches Statement.

Für viele Menschen ist das Thema Organspende tabu. In Deutschland geht die Zahl der potenziellen Spender seit Jahren zurück.
Es ist mir nicht entgangen, dass die Unterschiede von Land zu Land groß sind. Entsprechend waren auch die Reaktionen auf meinen Film überall andere, je nachdem wie dort mit dem Thema umgegangen wurde. In Belgien zum Beispiel war „Die Lebenden reparieren“ um einiges erfolgreicher und die Diskussionen waren viel angeregter als in Frankreich, weil dort Politik und Gesellschaft viel fortschrittlicher sind in Sachen Organspenden. Aber mir scheint auf jeden Fall viel Bewegung zu sein in diesem Thema, wo auch immer ich war. Die Notwendigkeit, sich damit auseinanderzusetzen, ist überall gegeben und wird immer dringlicher.

Haben sich Ihre eigenen Ansichten durch die Beschäftigung mit dem Thema verändert?
Nicht verändert, aber natürlich habe ich mich intensiver damit auseinandergesetzt. Seitdem ich den Film gedreht habe, habe ich auch selbst einen Organspende-Ausweis. Wobei das in Frankreich letztlich gar keine Rolle mehr spielt, denn nach unserem Gesetz ist jeder ein Organspender solange er oder sie sich nicht explizit dagegen ausspricht. Das war übrigens noch anders, als ich den Film gedreht habe, denn das Gesetz trat erst Anfang 2017 in Kraft. Weswegen auch alle meine Verwandte wissen, dass ich meine Organe nach meinem Tod gerne spenden will. Denn bislang wurden immer die Angehörigen gefragt. Was sich aber übrigens definitiv durch den Film verändert hat, ist meine Einstellung zum Tod und mein Verhältnis zum menschlichen Körper.

Eine Frage noch zur Musik, am Ende erklingt David Bowies Song „Five Years“. Kam Ihnen die Idee nach seinem Tod, quasi als Hommage?
Ich mag Bowie sehr gerne, aber tatsächlich hatte ich keine Hommage an ihn im Sinn. Ich stieß einfach auf den Song, als ich im Schneideraum saß. Wobei es da natürlich auch einen Bezug zu seinem Tod gab, denn als er starb, lief seine Musik überall. In einem Café, in dem ich mit meinem Cutter saß, spielten sie „Five Years“, mit dem Herzschlag zu Beginn. Da wurden wir hellhörig, weil wir noch nach einem Lied für den Schluss des Films suchten. Mir ging es nicht speziell um Bowie, sondern einfach um einen Song, der wirklich passt.