Vor zehn Jahren hat Daniel Craig in „Casino Royale“ die James-Bond-Rolle übernommen. Seitdem verkörpert er 007 wieder so, wie ihn sein Erfinder, der englische Schriftsteller Ian Fleming, gemeint hat. Und wie ihn Sean Connery 1962 im allerersten Bond-Film „James Bond jagt Dr. No“ darstellte: maskulin, eiskalt, körperlich topfit und geistig unberechenbar.

Connery schuf in den Sechzigerjahren den Prototypen des Draufgängers und Playboys, der schnell zur Pop-Ikone wurde. Jetzt kommt Daniel Craig, der smarte Brite, mit seinem vierten Bond-Film „Spectre“, wieder unter der Regie von Sam Mendes, ins Kino. Wird es auch sein letzter Bond sein?

In Interviews mit der britischen Presse hat sich Craig jüngst extrem Bond-müde gezeigt. Und sich dann doch wieder ein Hintertürchen offen gehalten. Was stimmt denn nun? Beim Interview im Berliner Hotel Adlon erlebt man einen aufgeräumten Daniel Craig, der den ganzen Rummel um ihn herum nicht ganz ernst zu nehmen scheint. Er ist frei von Allüren und sehr direkt, lacht gerne und lässt dabei seine kobaltblauen Augen blitzen.

Mr. Craig, haben Sie ein Bye-Bye-Bond-Ritual?

Wie meinen Sie das?

Schon vor drei Jahren haben Sie laut darüber nachgedacht, dass „Skyfall“ vielleicht Ihr letzter Bond-Film sein könnte – und dann trotzdem weitergemacht.

Ja, ich fühlte mich damals schon sehr ausgelaugt. Die Dreharbeiten zu Bond-Filmen sind immer extrem anstrengend. Aber dann habe ich mit Sam Mendes bei „Skyfall“ so gut zusammengearbeitet, dass wir es beide noch einmal wissen wollten. Und „Spectre“ ist wirklich ein außergewöhnlicher Bond-Film geworden.

Und jetzt? Ist wirklich Schluss mit Bond?

Wer weiß? Im Moment kann ich es weder ganz ausschließen noch kann ich Garantien abgeben, einen weiteren Bond-Film zu machen.

Aber dass Sie sich lieber die Pulsadern aufschneiden würden, als noch einmal als James Bond vor der Kamera zu stehen, wie Sie einem englischen Journalisten anvertraut haben, das ist vom Tisch?

Das war doch als Scherz gemeint. Das Interview, auf das Sie anspielen, habe ich zwei Tage nach dem letzten Drehtag gemacht. Da war ich einfach geistig und körperlich völlig fertig. Nach acht Monaten Dreharbeiten, in denen ich für „Spectre“ fast in jeder Szene vor der Kamera stand, hatte ich das Gefühl, dass ich dringend eine Bond-Pause brauche. Ich will mich jetzt einfach eine Zeit lang mit etwas ganz anderem befassen. Auch, um dann irgendwann in mich zu gehen und herauszufinden, wie viel Bond noch in mir steckt.

Was haben Sie persönlich denn mit James Bond gemeinsam?

So gut wie nichts, hoffe ich. Bond ist ein eiskalter Killer, der über Leichen geht. Er ist ein Draufgänger, der vor nichts und niemandem Angst hat. Ich hingegen bin nicht besonders mutig, und ich verliere auch schon mal meine Contenance, wenn ich wütend bin. Und ich glaube auch nicht, dass ich viel von einem Macho in mir habe.

Gerade die Tatsache, dass Sie charakterlich weit auseinanderliegen, macht Ihre Interpretation der Bond-Figur reizvoll.

Es freut mich, dass Sie das auch so sehen. So bleibt immer ein kleiner Restzweifel, hoffe ich. Dadurch wird die Figur ambivalenter und weniger berechenbar. Sicher ist und bleibt Bond die Ikone, die er nun einmal ist. Aber ich habe definitiv versucht, ihn weniger sexistisch und frauenverachtend darzustellen, als er es in früheren Inkarnationen war. Mit diesem tradierten Bond-Image etwas zu spielen und es auszureizen, das hat bei jedem Film großen Spaß gemacht.

Ist es nicht leichter, eine Figur zu spielen, die man schon so gut kennt?

Das stimmt schon. Ich weiß mittlerweile genau, wie Bond tickt, wie er sich bei Gefahr verhält oder wie er mit Frauen umgeht. Aber man muss sich als Schauspieler auch immer noch einen Rest Unvertrautheit mit der Rolle bewahren. Sonst wird es langweilig.

Stimmt es, dass Sie sich in Ihrer Bond-Interpretation von Harrison Fords Indiana Jones haben inspirieren lassen?

Ja, besonders wie er Indiana Jones in „Jäger des verlorenen Schatzes“ spielt. Da hält er geradezu traumwandlerisch die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Humor. Man hat immer Angst, dass er in die eine oder andere Richtung abdriftet, was er aber nie tut. Das finde ich ungeheuer spannend.

Passen James Bond und andere Kino-Superhelden eigentlich noch ins 21. Jahrhundert?

Als Protagonisten für Action-, Unterhaltungs- und Spaßfilme haben sie auf jeden Fall auch heute noch eine Berechtigung. Aber als Typus des modernen Mannes haben sie wohl etwas Staub angesetzt. Ich glaube schon, dass sich das klassische Heldenbild – und somit auch das Männerbild – gerade ziemlich verändert. Das heißt nicht, dass der Mann von heute in Richtung Weichei tendiert.

Er kann schon auch hart zupacken, wenn es mal nötig ist. Aber er ist auch sensibel und verantwortungsbewusst. Ich denke da vor allem auch an die Menschen, die sich heldenhaft in den Krisengebieten dieser Welt einsetzen. Die haben meinen vollen Respekt. Und auch jene, die tagtäglich ihr Leben für Freiheit und Gerechtigkeit riskieren.

Als Sie vor zehn Jahren als neuer Bond gecastet wurden, hat man Sie mit Häme nur so überschüttet. Es war ein regelrechtes Craig-Bashing im Gange. Heute gelten Sie bei den meisten als bester Bond-Darsteller neben Sean Connery. Wie fühlt sich das an?
Eine gewisse Genugtuung will ich nicht verhehlen. Und dass die letzten drei Bond-Filme so extrem erfolgreich waren, schadet meinem Selbstbewusstsein auch nicht gerade. Aber Selbstvertrauen hatte ich auch schon vor den Bond-Filmen. Ein Schauspieler ohne Selbstbewusstsein ist wie ein Tiger ohne Zähne. Und ohne einen gewissen Biss kann man im Filmbusiness nicht überleben.

Natürlich ist es alles andere als aufbauend, wenn man von Leuten, die noch keinen Meter Bond-Film gesehen hatten, ins Lächerliche gezogen wird oder gar vehement dafür gehasst wird, nur weil man der neue Bond ist. Aber was hätte ich machen sollen? Den Schwanz einziehen und mich verkriechen? Oder mich auf meine Arbeit konzentrieren und das Beste aus mir herausholen? Ganz abgesehen davon bin ich als Bond-Darsteller doch nur ein kleines Rädchen im Getriebe. Da sind so viele hoch talentierte Leute am Werk. Und als dann die Stimmung zu meinen Gunsten kippte, empfand ich das schon als eine Erleichterung. Aber nur kurz. Bei jedem neuen Bond-Film baut sich der Druck sofort wieder auf.

Sie hatten Versagensängste?

Die hat wohl jeder Künstler von Zeit zu Zeit. Wichtig ist, dass man sie überwindet und – bestenfalls – in etwas Kreatives ummünzt.

Was hat Ihnen dabei geholfen?

Ich wusste, dass ich schauspielern kann. Ich hatte schon vor den Bond-Filmen mit vielen interessanten Regisseuren zusammengearbeitet und eine Handvoll wirklich guter Filme gemacht. So etwas hilft. Natürlich ist James Bond ein ganz besonderer Charakter, von dem jeder eine ganz bestimmte Vorstellung hat. Und da steht man dann am Set und denkt: „Jetzt muss ich es bringen!“

Sie sagten mal, Konkurrenzkämpfe seien Ihnen zuwider. Verraten Sie mir, wie man ein Hollywood-Star wird, wenn man anderen immer den Vortritt lässt?

Es ist ja nicht so, dass ich still in der Ecke sitze und nichts zu sagen habe. Natürlich setze ich mich mit Leib und Seele für eine Rolle ein, die ich haben will. Aber das Hauen und Stechen, das Intrigieren und Mobben – das mache ich einfach nicht mit. Ein Schauspiellehrer hat mir vor vielen Jahren den besten Rat dazu gegeben. Er sagte: „Werde nie bitter. Fange nie an, Kollegen um ihren Erfolg zu beneiden. Konzentriere dich auf das, was du erreicht hast und erreichen kannst.“ Damit bin ich bis jetzt immer sehr gut gefahren.

Sie sind durch die Bond-Movies zum Multimillionär geworden. Verdirbt so viel Geld den Charakter?

Über Geld rede ich grundsätzlich nicht. Aber eines ist sicher: Nicht Geld verdirbt den Charakter, sondern die Gier danach. Und da brauchen Sie sich um mich keine Sorgen zu machen. Ich bin ziemlich bodenständig. Zwar ist es ganz gewiss ein sehr befriedigendes Gefühl, dass ich mir in diesem Leben höchstwahrscheinlich keine finanziellen Sorgen mehr machen muss. Und dass ich auch für meine Familie ausgesorgt habe. Und ich weiß, dass ich das letztlich den Bond-Filmen zu verdanken habe. Dafür bin ich dankbar. Aber alles hat seinen Preis.

Wie meinen Sie das?

Den Verlust der Anonymität empfinde ich manchmal schon als sehr beengend. Als ich Ende der Neunzigerjahre hier in Berlin den Film „Obsession“ gedreht habe, kannte mich kein Mensch, und ich konnte mich ungehindert und vor allem unbeobachtet überall bewegen. Das kann ich heute nicht mehr. Aber ich gebe gerne zu, dass das ein Luxusproblem ist.

Sie scheinen die Metamorphose vom Schauspieler, der sich gerade mal so mit seinen Filmen über Wasser halten konnte, zum Superstar aber ganz gut verkraftet zu haben.

Mittlerweile kann ich damit umgehen. Aber als es mit dem Bond-Hype so richtig los ging, das hat mich schon etwas aus der Kurve getragen. Darauf war ich auch nach 15 Jahren im Filmbusiness absolut nicht vorbereitet. Das hat mich ziemlich konfus gemacht. Und Spaß hatte ich auch nicht.

Dabei waren Sie schon an die vierzig.

Zum Glück, denn letztlich hatte ich dann doch genügend Lebenserfahrung, um nicht total ins Schwimmen zu geraten. Ich musste erst wieder zu meiner inneren Balance zurückfinden.

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