Am 26. Mai eröffnet die 16. Architekturbiennale „Freespace“ in Venedig. Den deutschen Pavillon kuratieren Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit vom Architekturbüro Graft zusammen mit der Politikerin Marianne Birthler. Sie haben sich den ehemaligen Mauerstreifen vorgenommen und stellen 28 Projekte an der einstigen Grenze vor. Mit der Zahl beziehen sie sich auf die Zeitengleiche: 28 Jahre stand die Mauer, seit 28 Jahren ist Deutschland vereinigt. Wir trafen die vier in der Berliner Graft-Filiale an der Heidestraße.

Wie würden Sie heute einer Zwölfjährigen erklären, was das war, die Mauer?

Lars Krückeberg: Meine Tochter ist zehn, und da meine Frau aus dem Osten kommt und ich aus dem Westen, erklären wir ihr das schon länger. Ich bin mit meiner Tochter ziemlich viel Mauer abgefahren mit dem Fahrrad. Aber erst so ein einprägsamer Ort wie die Gedenkstätte Bernauer Straße macht es dann wirklich klar, nicht nur sinnbildlich, sondern auch räumlich.

Marianne Birthler: Ich war 13, als die Mauer gebaut worden ist, und erzähle meinen Kindern und Enkelkindern immer mal wieder, wie es vorher war und wie nachher.

Thomas Willemeit: Das ist bei mir auch so. Ich kann schildern, wie es war mit zwölf, dreizehn im Auto zu sitzen und über diese Grenze zu fahren. Die Geschwister meiner Eltern lebten zum Teil in Ost-Berlin. Und ich weiß, was das für langfristige Auswirkungen hatte, auf die Perspektive, auf das Land und auf die Familienbeziehungen. Die ungleichen Chancen. Das bleibt ganz lange.

Wolfram Putz: Das echte Grauen dieser Zeit kann man nicht erzählerisch rüberbringen. Das existiert für mich am ehesten in der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen. Für uns arbeiten viele junge Architekten, die nach der Wiedervereinigung geboren worden sind. Für die ist die Beschäftigung mit der Mauer eine theoretische Übung.

Die Mauer ist physisch weg, aber noch in vielen Köpfen. Thematisieren Sie das in Venedig?

Willemeit: Ja, klar. Wir haben versucht, einen Kunstgriff zu wählen und uns auf den ehemaligen Todesstreifen zu beschränken und aus der städtebaulichen, architektonischen Perspektive abzuleiten, was da war in dieser Leere, die durch die Errichtung der Grenzanlagen entstand. Und wie nach dem Mauerfall mit diesem Raum, der plötzlich zur Verfügung stand, umgegangen wurde. Wir haben festgestellt, dass es sehr, sehr unterschiedliche Strategien gab, mit dem Zeichen dieser Trennung umzugehen. Es gab die Sehnsucht nach vollständigem Vergessen und Verschwinden, bis hin zu einer von Leichtigkeit geprägten Inbesitznahme.

Birthler: Wir wenden uns auch heute existierenden Grenzen und Unterschieden zu, fragen, wo es noch spürbare Unterschiede gibt, die ja nicht immer schlecht sein müssen. Wir dachten ja, das Ost-West-Thema läge irgendwann mal hinter uns, jetzt ist es aber wieder sehr aktuell geworden. Auch aus Anlass der unterschiedlichen Wahlergebnisse.

Innerhalb Ihrer Gruppe kommen nur Sie, Frau Birthler, aus Ostdeutschland. Sind Ihnen verschiedene Beispiele von der Entwicklung im Mauerstreifen unterschiedlich wichtig?

Putz: Wir haben auf jeden Fall anhand der Beispiele lernen müssen, dass da das Thema Ost/West auftaucht, aber zum Beispiel auch älter/jünger. Was die Symbolkraft angeht, die durch Bauten in diesen Todesstreifen gesetzt wurde, gab es unterschiedliche Bedürfnisse. Die Schloss-Debatte ist ein gutes Beispiel dafür. Für manche DDR-Bürger, auch für manche Westdeutsche war die Liebe zum Palast der Republik motiviert durch eine Neo-Retro-Nostalgie. Wilhelm von Boddien ist ein Westler, der das ganz anders gesehen hat. Und Marianne hat uns beigebracht, dass es nicht ein allgemeiner Reflex in Ost-Berlin war, den Palast unbedingt zu erhalten oder sich besiegt zu fühlen, wenn das Schloss wieder aufgebaut wird.

Birthler: Für mich gehört das zu den spannenden Punkten dieser Zusammenarbeit: die wechselseitigen Erfahrungswelten wahrzunehmen. Ich lerne sehr viel von euch – und ihr ab und zu vielleicht auch von mir.

Putz: Es gibt fantastische Diskussionen mit Marianne. Du bist wirklich keine Repräsentantin dieser Bitterkeit. Wir haben uns auch mit ihr beschäftigt. Aber nicht, indem wir gefragt haben, warum etwa Sachsen so gewählt hat, sondern indem wir Fachdebatten mit Architekten aus Brandenburg geführt haben, aus der DDR. Um noch einmal zu erleben, dass manche wirklich auf der Strecke geblieben sind. Wie tief das sitzt. Das lief auch über Architektur: Das sind doch alles nur Machtdemonstrationen, hieß es. Wo ist denn mal ein echtes Gebäude?

Wo ist denn eines?

Putz: Interessante, auch stadträumliche Phänomene haben die Clubkultur hervorgebracht, die Partykultur, die Zwischennutzer. Auch wenn das eine ganz andere Herkunft hat, dem ein ganz anderer Entscheidungsprozess zugrunde liegt als zum Beispiel dem Band des Bundes. Und es gibt auch ganz nüchterne, normale Nutzung, Wohnungsbau etwa, die versucht, nicht symbolisch zu sein. Es ist auch erleichternd, dass das nicht immer nur bedeutungsschwanger ablief.

Willemeit: Interessant sind konkrete Dynamiken, die man ablesen kann über die 28 Jahre. Beginnend mit einer Psychologie, die am liebsten alles vergessen und verschwinden lassen wollte, was an die Mauer erinnert, zumindest im Stadtraum. Das endet heute vorläufig damit, dass jedes entdeckte Mauerteil irgendwo im Wald ein wahnsinniges Echo hervorruft, man das Gefühl hat: Gleich wird ein Museum drum herum gebaut. Diese Dynamik, die das Verhältnis zur Geschichte bekommen hat!

Gibt es dafür ein städtebauliches Beispiel?

Putz: Der Bebauungsplan für den Alexanderplatz, der auf der Basis des ersten Preises an Hans Kollhoff eine sehr homogene, einheitliche Struktur vorsah, die die DDR-Architektur zum Abriss freigab. Dieser Plan ist über die Jahre immer weiter gestutzt worden. Mittlerweile ist er nur noch zur Hälfte da, und die andere Hälfte sind die Bestandsbauten. Dieser etwas pragmatischere Umgang mit Bausubstanz und der Tatsache, dass Gebäude auch von Geschichte erzählen – das ist interessant zu beobachten. Gebäude sind eben nicht neutral, sondern tragen einen Charakter, eine Identität in sich.

Manche Gebäude passen nicht zu den Diskussionen der Wendezeit. Damals hieß es: Deutschland darf nicht wieder eine Großmacht in der Mitte Europas werden. Wenn man sich aber das Band des Bundes ansieht, diese monumentale Regierungsrepräsentanz mitten in Berlin, stellt man fest, dass die Architekten etwas anderes gemacht haben.

Putz: Das Band des Bundes ist zwar städtebaulich eine monumentale Geste, aber sie hat, zumindest was den Schultes-Teil angeht, auch etwas Schmunzelndes. Das hätte man noch bombastischer fassen können. Und die 28 Jahre sind ja auch kein homogener Zeitraum. Die Idee, dass sofort abgerissen und vergessen werden soll, wurde ja schon nach wenigen Monaten überwunden. Auch diese ganze nostalgische Debatte, die gründerzeitliche Stadt müsse wieder zusammengenäht werden. Und dann gibt es ja Orte, die bis heute leer geblieben sind.

Welche denn?

Putz: Zum Beispiel die Brommybrücke zwischen Friedrichshain und Kreuzberg. Deren Wiedererrichtung ist an dem Widerstand der Westler gescheitert, die ihre kleine Land’s- End-Tasche in Kreuzberg erhalten wollten. Oder das Marx-Engels-Forum. Das ist zwar nicht auf dem Mauerstreifen, aber es ist bis heute irgendwie ein Ort, der nicht klar ist.

Krückeberg: Der durch den Mauerfall entstandene Raum gehört doch nicht nur Deutungsträgern, Stadtbaudirektoren und Architekten, er gehört auch Clubmachern, Musikmachern, Theatermachern. Leuten mit Ideen, das Volk im Grunde genommen. Was sie erfunden haben, war meist erfolgreich für Berlin, identitätsstiftend. Deswegen ist die Berliner Mauer heute ein Symbol der Freiheit und in Berlin auch ein gelebtes Stück Freiheit. Daher kommt auch die Faszination, die Leute in diese Stadt zieht. Diese Chance wird leider verkannt, vertan. Das ist eine Stärke, die offensichtlich die Administration dieser Stadt zu wenig schätzt.

Inwiefern?

Krückeberg: Wenn wir hier aus dem Fenster gucken, sehen wir die Hinterlandmauer. Die wurde auf der Ostseite mit einem gigantischen Riegel des BND zugebaut, des Bundesnachrichtendienstes. Und auf dieser Seite, also im Westen, mit Bürogebäuden, die überall auf der Welt stehen und viel durchschnittlicher nicht sein könnten. Die sind zwar zum Teil von namhaften Kollegen, die aber nur so bauen können, wie der Bauträger es zulässt und die Stadt es vorgegeben hat. Die Chance, die Mauer als identitätsstiftend zu begreifen, bleibt leider ungenutzt.

Das BND-Gebäude wird bleiben, Clubs dagegen machen zu. Aber vielleicht kann man diese Szene auch nicht konservieren?

Willemeit: Was an Intensität gesucht wird in dieser Stadt, was auf sie projiziert wird, findet auch seine Orte. Das wandert dann einfach den Spreelauf ein bisschen weiter rauf oder setzt sich an anderen Orten fest. Für uns war es interessant, dass das seinen Ausgang sehr nah am Mauerstreifen gehabt hat. Wir haben uns die Mühe gemacht, die ganzen Clubs von 1990 an einfach mal einzuzeichnen auf einer Karte. Wenn man die aus ein bisschen Entfernung ansieht, dann wirkt diese Clubkarte so, als sei hier der Mauerstreifen eingezeichnet worden.

Krückeberg: Ich stimme dir nicht zu, dass es okay ist, dass die Clubs weiterziehen. Ich finde es schade, dass diese Szene an vielen Orten nicht erwachsen werden darf, weil sie letztendlich zu wenig gefördert wird. Die Gentrifizierung in Kauf zu nehmen und zu sagen, das ist normal, das ist in New York auch so, stimmt zwar, aber man schenkt damit ein Stück Berliner Identität weg.

Beschäftigen Sie sich nur mit prominenten Entwicklungen?

Putz: Wir gucken uns auch das Alltägliche an. Eine Kleingartenanlage zum Beispiel.

Birthler: Es gibt noch ein anderes Kapitel, das des Erinnerns. Manche Erinnerungsorte entstanden aus Initiativen einzelner Menschen, Betroffenen etwa, die einen Angehörigen verloren haben. Oder politischen Entscheidungsträgern, die ein Gedenkstättenkonzept umgesetzt haben. Das ist eine bunte Landschaft in Berlin, aber auch darüber hinaus. Ich wohne in der Nähe der Bernauer Straße, da ist immer was los. Die Leute setzen sich auf die Wiese, diskutieren. Oder sie fahren den Berliner Mauerradweg ab, bleiben ab und zu stehen, um sich durchzulesen, was auf einer Stele steht. Ich finde diese Mischung beglückend. Das stellt auch der Stadt ein gutes Zeugnis aus.

Wie bringt man das alles in eine Ausstellung?

Putz: Wir haben einen kleinen Pavillon, ein paar hundert Quadratmeter, und stellen 28 Projekte aus. Die können nur einen exemplarischen Einblick geben. Wir versuchen, verschiedene Haltungen in der Debatte um den Mauerstreifen wiederzugeben: Einer versucht was Besonderes, der andere den Aufbruch, den dritten Weg, Nostalgie, Rückkehr ins 19. Jahrhundert. Und wir fragen, was gesellschaftlich von dieser unsichtbaren Mauer noch da ist.

Birthler: Wie viele Staatssekretäre, Manager oder Spitzenpolitiker kommen aus dem Osten, welche Unterschiede gibt es nach wie vor in den Lebensverhältnissen oder in den Einstellungen.

Putz: Die Mauer in den Köpfen – dieser Begriff ist uns seit 20 Jahren geläufig. Aber international ist er für die meisten Menschen fast das Interessanteste. Und auch die Warnung, die in diesem Begriff impliziert ist. Es sind ja so viele neue Mauerbauer unterwegs.

Als Westdeutscher oder Ostdeutscher könnte man aber auch sagen: Ich habe das Recht auf eine Mauer im Kopf. Ich möchte mich an meine Jugend, meine Zeit in der DDR oder in Köln so erinnern, wie es war. Ich möchte doch nicht mein ganzes Leben rückwärts als eine deutsche Einheit begreifen müssen.

Krückeberg: Das wollen wir auch nicht. Die Ausstellung fängt beim Tag des Mauerfalls an.

Birthler: Es gibt bis heute Biotope, auch in dieser Stadt, wo man den Eindruck haben kann, dass die Zeit stehen geblieben ist. Wo man versucht, sich seine eigene Welt zu bewahren. Das gibt es im Osten und im Westen. Es gibt natürlich auch diese bunten Stadtteile in Prenzlauer Berg und Mitte. Das ist nicht mehr Osten, das ist nicht mehr Westen, da ist etwas Drittes entstanden.

Haben Sie ein Lieblingsprojekt?

Willemeit: Das ist jetzt kein Lieblingsprojekt, aber ein ganz wichtiger Architekt: Aldo Rossi, der entlang der Zimmerstraße gebaut hat. Der Vater der Postmoderne kommt nach Berlin, derjenige, der einer ganzen Architektengeneration erzählt hat, dass es auf die Identität der Stadt ankommt, dass man sich über seine Geschichte im Klaren sein muss, der ein Buch über Denkmäler geschrieben hat, darüber, was für eine wichtige Bedeutung sie für den Stadtgrundriss haben. Und er baut auf dem Mauerstreifen. Auf Einladung des Entwicklers, aber natürlich im Dialog mit Hans Stimmann …

… dem damaligen Senatsbaudirektor …

.. und Rossi baut einen Block im Mauerstreifen wieder auf, nach all den Idealkriterien der kritischen Rekonstruktion. Klein parzelliert, mit Traufhöhen, Innenhöfen, traditionellen Grundrissen und so weiter. Er versucht, dem eine Variantenbreite zu geben mit knalligen bunten Farben. Klar sieht man Rossi. Aber eigentlich geht man dahin und denkt, dieser Block erzählt überhaupt nichts davon, dass er auf dem Mauerstreifen steht. Das will der auch gar nicht. Da sieht man, dass dieser Mann, dem die Geschichte der Stadt so wichtig ist, an der Stelle in der Lage war, selektiv zu denken. Der wollte einfach nur den Stadtgrundriss vervollständigen. Und gleichzeitig versuchten einzelne Bürger an der Bernauer Straße, die Erinnerung an den Mauerstreifen aufrecht zu erhalten.

Es gab also keine Strategie für den Umgang mit dem Mauerstreifen.

Birthler: Und ich bin ganz froh, dass es die nicht gab.

Putz: Das hätte bedeutet, dass irgendeine Machtstruktur des Westens den relativ schnell gekapert hätte. Hans Stimmann hat das auch versucht mit der historischen Mitte Berlins, die jetzt plötzlich zur Verfügung stand. Die ganzen Westberliner Architekten hatten ja in einer Stadt gelebt, und 90 Prozent der architekturgeschichtlich interessanten Bauten waren nicht in ihrem Teil. Da gab es eine Sehnsucht.

Krückeberg: Ein anderes gutes Beispiel ist der Entwurf von Rem Koolhaas für den Springer-Neubau mit seiner neuen Art von Transparenz. Die Hinterlandmauer wird dem Gebäude so eingeschrieben, dass sie erfahrbar ist. Es erinnert an die Mauer, ohne sich damit zu brüsten. Da ist etwas gelungen, das auch international Geltung erlangen kann. Wir bedauern, dass nicht mehr Mut, nicht mehr Internationalität in diesem Land Berlin herrschen.

Putz: Mir machen aber auch Sachen Spaß, die nicht berühmt sind. Wir haben uns mit Brücken beschäftigt, Tiefbau, Ingenieurskunst an der innerdeutschen Grenze. Wir haben herausgefunden, dass das Kiesbett der B6N, die Niedersachsen und Sachsen-Anhalt verbindet, aus zermahlenen Mauerresten vom Brocken entstanden ist. Oder dass 50 Dörfer an der Grenze, deren Bewohner zwangsumgesiedelt wurden, nicht wieder aufgebaut worden sind.

Sie haben sich auch internationale Mauerbeispiele angeguckt, warum?

Krückeberg: Es sollte keine Nabelschau sein, auch wenn wir glauben, dass die Erfahrung der Deutschen mit diesem Phänomen Mauer und der Überwindung dieser Mauer es wert ist, erzählt zu werden. In einer Zeit, in der viele nach neuen Mauern schreien, zu sagen: Guckt euch unsere Erfahrung an, wir bewältigen das immer noch.

Birthler: Ich fände es fatal, wenn der Eindruck entstünde, jetzt reden wir über uns und nehmen nicht wahr, was es in der Welt nach wie vor für Mauern gibt. Das versuchen wir an sechs Beispielen deutlich zu machen. Wobei wir nicht den Ehrgeiz haben, diese Mauern historisch oder politisch zu bewerten oder zu beschreiben. Wir lassen Menschen erzählen, die an diesen Mauern leben.

Das sind dann wahrscheinlich die Mauern in Mexiko, Gaza, Korea, Ceuta, Melilla

Birthler: Außerdem Zypern und Irland.

Willemeit: Da entsteht ein Spannungsraum. Wir erzählen einerseits vom Prozess des Abbauens der Mauer, auf der anderen Seite erzählen Menschen, wie sich das heute anfühlt, eine Mauer. Für die deutschen Besucher kann das als Déjà Vu wirken. Da stehen Leute wieder vor einer Mauer, die vielleicht eine ganz andere Begründung hat, aber die Lebensrealitäten sind ähnlich.

Worüber streiten Sie vier denn?

Krückeberg: Über Präzision in der Sprache. Das Ausdrucksmittel für Architekten ist der Plan, das Bild und dann das gebaute Werk. Nicht unbedingt das Wort. In einer Ausstellung, die so aufgeladen ist, so emotional und politisch, muss man sich aber um Präzision bemühen.

Ein Beispiel?

Krückeberg: Das Wort Wende.

Birthler: Das verwenden wir nicht in unserer Ausstellung, auch wenn es sehr gebräuchlich ist.

Warum nicht?

Birthler: Das ist ein Egon-Krenz-Wort – ihm wäre eine Wende lieber gewesen als eine Revolution!

KrückebeRG: Für mich war das nicht negativ belegt. Mir war nicht klar, dass dieses Wort von Egon Krenz erfunden wurde während der letzten Zuckungen der SED-Diktatur, um die DDR zu retten und letztendlich die Diktatur, indem er sie öffnet.

Birthler: Ich bin dafür sensibler geworden für die Diskussion um die kritische Rekonstruktion.

Putz: Da hast du uns etwas Sanftmut eingehaucht, denn wir sahen beim Mauerfall, dass nun die beste Chance für eine Neuerfindung des Landes durch Architektur auf dem Tisch lag. Und plötzlich behaupteten alle, es solle so aussehen wie früher. Da fühlten wir uns um die Zukunft betrogen, wie so eine Art lost generation.

Birthler: Mir ging es auch um die Leute, für die es eine Genugtuung war, dass Gebäude wiedererstehen, die einst gewaltsam zerstört wurden.

Der Mauerstreifen, mit allem, was da verwirklicht und nicht verwirklicht wurde, ist das nicht eigentlich das Einheitsdenkmal?

Willemeit: Es ist wahrscheinlich schwierig, das als Denkmal zu erfassen. Aber wir können die Ausstellung dann gerne zur Verfügung stellen.

Birthler: Wir reden hier nicht nur über deutsche Geschichte – der Fall der Mauer war ein Weltereignis. Deshalb gehört zu unserem Projekt auch der iron curtain trail, der den Riss durch Europa markiert. Wo immer Sie hinkommen: Die meisten wissen noch genau, womit sie gerade beschäftigt waren, als sie die Nachricht vom Mauerfall erreichte. Dieses Ereignis gehört nicht nur uns.

Willemeit: Wir würden uns wünschen, dass man aus dieser Ausstellung rausgeht und unter dem Strich bleibt: Wow. Mauern können fallen!