Für viele Berliner ist das Haus der Kulturen der Welt (HKW) immer noch die „schwangere Auster“ oder die Kongresshalle. Doch der Bau ist nur die Hülle für ein Programm, das nun seit 25 Jahren in die Stadt wirken will. Bernd Scherer erklärt, wie es sich entwickelt hat und warum die Veranstaltungen oft so komplizierte Bezeichnungen tragen.

Das Haus der Kulturen der Welt wurde vor 25 Jahren am Rande West-Berlins im Niemandsland eröffnet. Was war der Plan?

Man wollte eine Plattform für nicht-europäische Kulturen schaffen und sie mit der multi-kulturellen Realität in der Stadt Berlin verbinden. Das waren große Entdeckungsreisen. Die Kuratoren spürten interessante Künstler in Lateinamerika, Afrika oder Asien auf. Viele Künstler verließen zum ersten Mal ihr Land. „China Avantgarde“ zum Beispiel …

… die legendäre Ausstellung chinesischer Gegenwartskunst 1993 …

… war die erste große Präsentation in Europa von chinesischer Kunst nach der Kulturrevolution. Damals gab es keine Kriterien, wie diese Kunst zu bewerten war, den Begriff Global Arts gab es nicht. Aber sie hat Interesse geweckt. Heute sind viele der Künstler, wie Fang Lijun, weltbekannt. Oder die Ausstellung „Die anderen Modernen“ mit zwanzig Positionen aus der nicht-europäischen Welt. Die Schau wurde bewusst gegen eine Ausstellung im Gropius-Bau gesetzt, in der es um die Moderne des 20. Jahrhunderts ging, die natürlich eine transatlantische war. Das HKW wollte den Blick weiten.

War das eher Multikulti-Romantik oder kam es zu einem Austausch?

Tatsächlich kamen deutsche Schriftsteller oder Intellektuelle selten zu den Veranstaltungen. Die angereisten Künstler wurden zu ihrer Enttäuschung vor allem mit ihren eigenen Communities konfrontiert. Auch störte sie, dass sie stets in einem westlichen Bezugsrahmen definiert wurden. Wie der Name Haus der Kulturen der Welt schon zeigt: Man wollte die Welt definieren, ohne über Europa nachzudenken. In den Neunzigerjahren hat man daher das Konzept geändert.

Inwiefern?

Es wurden nicht länger deutsche Kuratoren in die Welt geschickt, um Künstler nach Deutschland zu holen, sondern nicht-europäische Kuratoren eingeladen. Einer davon war Okwui Enwezor, der später die documenta leitete und heute das Haus der Kunst in München. Diesen post-kolonialen Diskurs darüber, wer wen repräsentieren darf, hat das Haus bis weit in die Mitte der Nullerjahre geführt.

Seit Sie 2006 die Leitung übernommen haben, setzt das HKW weniger auf Ausstellungen als auf hochkomplexe akademische Debatten.

Wir setzen Themen: Die Welt hat sich mit der Globalisierung radikal geändert – und mit ihr die kulturellen Produktionsbedingungen. China ist ein exzellentes Beispiel: Die Künstler, die 1993 hier in der Economy-Class anreisten, fliegen heute Business und sind Teil des globalen Kunstmarktes.

Die Machtfrage stellt sich eben nicht mehr zwischen Nord und Süd.

Genau. Wenn wir die heutige Welt verstehen wollen, brauchen wir neue Begriffe. Das HKW untersucht, thematisiert, reflektiert durch kulturelle Projekte, was wir Globalisierung nennen und welche Rolle Deutschland darin spielt. Wir können unsere Gesellschaft nicht mehr verstehen, ohne die internationalen Verflechtungen mitzudenken. Das ist eine ganz andere Haltung als zu Beginn.

Das klingt so, wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters das künftige Humboldt-Forum beschreibt. Ist das HKW bald überflüssig?

Ich sehe das eher als ein Kompliment an das HKW als ein Problem.

Wieso sollte der Bund zwei Häuser mit ähnlichem Profil finanzieren?

Das Humboldt-Forum ist wesentlich durch die ethnologische Sammlung aus Dahlem definiert. Die Herausforderung besteht darin, die Objekte zu beleben und in den Diskurs zu bringen – vorausgesetzt das Humboldt-Forum soll ein Ort sein, wo sich die Gesellschaft über sich selbst verständigt.

Genau das ist das HKW schon: ein Forum, nur ohne Sammlung.

Wenn man die Welt zum Thema macht, könnte ich mir sogar zehn Institutionen vorstellen.

Die aktuelle Veranstaltung „Anthropozän“ ist ein gutes Beispiel für ein spannendes Projekts mit sperrigem Titel. Wollen Sie Leute abschrecken?

Der Titel irritiert, aber das ist gewollt, das soll neugierig machen.

Und wen?

Wir haben ein regelmäßiges Publikum, ein sehr junges noch dazu. Deren Grundhaltung ist geprägt von Neugier. Die wollen nicht belehrt, sondern angeregt werden, sich mit der Welt neu beschäftigen. Da funktioniert das Anthropozän ausgezeichnet, jene wissenschaftliche Hypothese, die besagt, dass die Erde das Holozän hinter sich gelassen hat und sich nun in einem vom Menschen – griechisch: anthropos – gemachten Zeitalter befindet. Der Mensch hat die Welt durch Verkehr, fossile Brennstoffe, Plastik oder Klimawandel tiefgreifend verändert.

Das interessiert doch viele. Warum werben sie nicht ansprechender?

Viele Kulturinstitutionen setzen auf Events oder dienen sich dem Publikum an. Das ist in einer Stadt wie Berlin nicht notwendig. Das Haus ist voll. Als staatlich geförderte Kulturinstitution muss man die Menschen fordern.

Inzwischen widmet sich die documenta oder auch die Berlin Biennale der Kunst aus periphären Ländern, das HKW nicht mehr. Warum?

Dafür gibt es Museen und Galerien. Wir sind eine Kongresshalle. Künstlerische Prozesse sind für uns der Motor. Unsere Themen entwickeln wir mit Künstlern und Intellektuellen aus aller Welt.

Das Gespräch führte Kerstin Krupp.