Wilhelmshorst - Der Garten wirkt ziemlich „naturbelassen“. Der Maschendrahtzaun des Grundstücks ist schon fast im dahinterliegenden Wald versteckt. Zwei krepelige Ginkobäume hat der Dichter Lutz Seiler in das Kieferngewölbe gepflanzt, den einen hat ein Dachs bis auf Schulterhöhe abgeknabbert.

Seiler ist kein Gärtner, aber er bezeichnet sich gern mal als Hausmeister dieser gelben Villa in Wilhelmshorst, in der er seit 1999 das verwinkelte Obergeschoss bewohnt. Es ist das ehemalige Haus des Dichters Peter Huchel, inzwischen ein kleines Museum mit Veranstaltungsort, den Lutz Seiler betreibt.

Ihr preisgekrönter Roman „Kruso“ spielt auf der Insel Hiddensee. Sie kommen aus einem Dorf in Thüringen, das dem Bergbau weichen musste. In Ihren Gedichten ist die Erinnerung an die Herkunft aufgehoben. Die verschwundenen Dörfer „aus Holz, aus / Stroh, aus denen wir kamen, rissig & dünn / mit einem am wind / geschliffenen echo...“ heißt es im Gedicht „mein Jahrgang, dreiundsechzig, jene“. Ende 1993 sind Sie aus Berlin nach Wilhelmshorst gezogen. Mittlerweile pendeln Sie zwischen Stockholm und hier draußen, haben zwei Zuhause. Ist es nochbedeutend, eine Heimat zu haben oder ist das mehr Erinnerungsfiktion?

Eigentlich wird Heimat immer wichtiger, vielleicht ist das eine Alterserscheinung. Früher dachte ich, das ist vielleicht etwas Sentimentales. Etwas Gemachtes. Aber wenn ich jetzt auf der Autobahn gen Süden fahre und die ersten Hügel links und rechts auftauchen, dann merke ich, dass mir das Herz warm wird. Es gibt doch diese Art Prägung, dass die Landschaft, aus der man kommt, einem ans Herz gewachsen ist.

Die Landschaft hier ist mir eine andere Heimat geworden, die Melancholie dieser mittelmärkischen Ebenen ist etwas, das mir entspricht. Durch all die Zufälle, die einem geschehen im Leben, landet man dann plötzlich in Stockholm. Aber auch in Stockholm verhalte ich mich wie im Dorf. Ich geh nicht groß weg und verkrieche mich in meiner Schreibhöhle. Auch dort gibt es Bäume vor dem Fenster. Das ging mir schon damals in Berlin so, da war die Rykestraße mein Dorf, das war Anfang der Neunziger. Ich bin kaum darüber hinaus gekommen. Das Höhlenverhalten, das ist fürs Schreiben ganz wichtig.

Sie bewohnen seit 15 Jahren das ehemalige Haus von Peter Huchel. Seit dem 3. Oktober 97 ist es eine Gedenkstätte für den Lyriker, der hier als Chefredakteur die Zeitschrift Sinn und Form tredigierte und 71 aus der DDR ausreiste. Peter Huchel hatte hier seine Wurzeln zurückgelassen.

Eine traurige Geschichte – Huchel war immerhin schon 68 Jahre alt, als er sich aus politischen Gründen genötigt sah, diese Gegend zu verlassen, die der Quellgrund seines Schreibens war. Er hat das selber auch so gesehen und gesagt. Die Gegend um Staufen im Breisgau, wohin er dann zog, war ihm viel zu schön. Er hatte dort ein Haus geschenkt bekommen von einem Mäzen, mit Swimmingpool und all dem, aber er konnte da nicht bleiben. Er hat sich dann ein ganz kleines Haus gekauft, seine „Hundehütte“, so nannte er das. Aber eigentlich war er nur selten da, er war ständig mit Lesungen unterwegs, wie ein Getriebener, und ist daran auch zugrunde gegangen.

Reisen Sie gern?

Nein, eigentlich nicht. Das Schreiben hat es so mit sich gebracht, dass man viel mehr unterwegs ist, als man je wollte. Und dann ist das natürlich auch ein Geschenk. Ich habe Orte gesehen, an die ich niemals gekommen wäre in meinem Leben. Das ist schön, aber es hat diese Ambivalenz. Als wir in Rom waren, in der Villa Massimo, hab ich zu meiner Frau gesagt: Ich habe für mein Leben eigentlich genug gesehen, ich möchte jetzt nirgends mehr hin fahren, nur noch Zuhause bleiben, um all das zu verarbeiten, was ich gesehen habe, das reicht mir jetzt, das ist genug für den Rest des Lebens.

Rom war anstrengend, kein guter Schreibort für mich, dazu die Villa, diese sanfte Form der Internierung. Das ist ja alles sehr luxuriös, aber nicht mein Ding. Man ist lieber allein für sich und möchte vor allem nicht dauernd andere Künstler sehen. Da werden dauernd irgendwelche Termine gemacht, man soll sich austauschen, kennenlernen usw., dafür war ich nicht gemacht. Man kommt aus dem Atelier, trifft sofort einen der benachbarten Künstler und denkt nur: ,Hat der schon gearbeitet? Bestimmt. Und Du? Immer noch nichts gemacht! Zuhausesein hingegen ist eigentlich das schönste. Jede Lesung, jede Reise reißt einen total raus. Das Schreiben ist ja vor allem Alltag, und als Alltag nicht schlecht. Man sitzt früh am Schreibtisch und bleibt da für ein paar Stunden.