Jeden Mittwoch hält Bülent Ucar eine Vorlesung zur Geschichte des Islam in Osnabrück. Auf dem Weg zur Universität nimmt sich der 38-jährige Leiter des Instituts für Islamische Theologie Zeit für ein Telefongespräch am Rande der Autobahn.

Wieso berufen sich so viele Terroristen ausgerechnet auf den Islam?

Ich kann nur davor warnen, das Problem monokausal zu erklären. Die Motivationen, die dahinter stehen, können durchaus vielschichtig sein. Auf den ersten Blick hat man natürlich den Eindruck, die terroristischen Handlungen wäre genuin religiös motiviert. Schaut man aber hinter die Fassaden, erkennt man durchaus andere Faktoren. Das können persönliche Gewalterfahrungen oder auch kollektive negative Schemata sein.

Das mag für den Einzelfall so sein, erklärt aber nicht dieses breite Erstarken eines islamistisch begründeten Terrors.

Sie müssen wissen, dass sehr viele Muslime unter einem allgemeinen Minderwertigkeitskomplex leiden. Das können sie beziehen auf die westlichen Gesellschaften, auf Europa, auf Amerika, wie auch auf die islamischen Gesellschaften selbst. Denn mit der Kolonisation der islamischen Länder, dem Imperialismus und der eindeutigen westlichen Überlegenheit im 20. und 21. Jahrhundert auf fast allen Feldern der menschlichen Kulturen kommen viele Menschen in den sogenannten islamischen Ländern nicht klar. Man darf auch nicht ausblenden, dass viele Muslime die Kriege, vor allem die der verschiedenen US-Regierungen in den vergangenen Dekaden, als kollektive Demütigungen empfinden. Weiter gibt es ökonomische Gründe. Die allermeisten islamischen Ländern sind wirtschaftlich eher schlecht entwickelt.

Es gibt andere Länder in ökonomisch desolater Lage, von denen keine jungen Männer mit tödlichen Allmachtsfantasien ausschwärmen.

Dieses Argument ist tatsächlich alleine nicht immer überzeugend, zumal die Attentäter vom 11. September auch aus den Golfstaaten kamen, also Menschen waren, denen es wirtschaftlich gut ging. Das führt auf die Ebene, dass es eine scheinbar religiöse Motivation gibt. Es gibt eine traurige Tradition in der islamischen Theologie, die sich vor allem in den letzten hundert, zweihundert Jahren weiter ins Negative dramatisiert hat. Nehmen sie den politischen Islamismus, nehmen sie den Salafismus, das sind Ausläufer dieser Denkstruktur. Diese Kombination fördert diese gefährliche Grundhaltung und solch schreckliche Ereignisse wie in Paris.

Sie meinen die Tendenz, Passagen des Korans, in denen Mohammed etwa zum Krieg gegen Ungläubige aufruft, wörtlich zu interpretieren?

Ja. Wenn sie die Vielfalt und die Pluralität der islamischen Denktradition der letzten 1400 Jahre ausklammern, wenn sie für sich die Überzeugung vertreten, dass nur sie den wahren Islam verstehen und alle anderen Muslime ein falsches Verständnis haben, wenn sie die Pluralität zu Gunsten eines sogenannten Einheitsislam wegdenken, dann führt das genau zu diesen Irrungen. Um genuin islamisch zu argumentieren: Idschtihad und Tadschdid sind das Bemühen, aus diesen islamischen Primärquellen neue Urteile abzuleiten, die eine islamische Erneuerung zugunsten einer falsch verstandenen Traditionsbewahrung aufgeben und damit terroristische Akte legitimieren.

Nun ist Gewalt auch in christlichen oder jüdischen Schriften legitimiert und mit unserem heutigen Verständnis von Freiheit und Menschenrechten nicht vereinbar. Wie unterscheidet sich der Umgang damit von dem im Islam?

Hier muss man Folgendes im Blick halten: Das Alte Testament beinhaltet die wohl drakonischsten Strafen unter allen drei Offenbarungen. Dennoch hat das Christentum ein anderes Verhältnis – der Theorie nach – zu Staat und Gewalt als der Islam.

Nämlich?

Im Neuen Testament finden Sie eher pazifistische Haltungen wieder. Der Koran hingegen ist ein Buch, das sich eher für eine wehrhafte Grundhaltung einsetzt. Das hängt damit zusammen, dass der Prophet auch Staatsführer war. Unter Juden wiederum werden sie ebenfalls streng national-konservativ orientierte Fundamentalisten finden, die in ihrem Denken dem der radikalen Islamisten sehr ähnlich sind.

Was setzen Sie als Theologe der Instrumentalisierung kritischer Textstellen des Korans entgegen?

Dieses apodiktische Verständnis von Texten ist keine Erscheinung der Moderne, aber es beschränkte sich immer auf eine Minderheit in der islamischen Ideengeschichte. Historisch liefern die Chawaridsch und Zahiriten interessante Konzepte hierfür. In unserer Zeit jedoch, vor allem durch den Einfluss der von den Golfstaaten finanzierten salafistischen Ideologien hat sich dieser radikale Zugang verbreitet, von Boko Haram in Nigeria, über Zentralasien, bis nach Indonesien. Diese Gefahr ist ernst zu nehmen.

Wo aber sehen Sie in diesem Zusammenhang Ihre Aufgabe?

Unsere Aufgabe ist es, die Vielfalt der islamischen Theologie darzulegen, die Pluralität offenzulegen. Islamische Tradition ist so vielschichtig und vielseitig, dass sie im Grunde der beste Beweis für die Marginalität der Position der Terroristen ist. Wir müssen aber auch genuin islamisch-theologisch, weniger politisch argumentierend diese Haltungen kritisieren. Vor allem ist es dabei wichtig, problematische Textstellen aus Koran und Sunna richtig zu kontextualisieren und adressieren.

Sie haben in der Vergangenheit wiederholt Ihre Kollegen eben dazu aufgefordert. Passiert da zu wenig?

Sie dürfen nicht vergessen, dass die islamische Theologie in Deutschland eine sehr junge Disziplin ist. Uns gibt es seit fünf, sechs Jahren, während Muslime seit einem halben Jahrhundert in großer Zahl in Deutschland leben. Die Politik hat das Thema lange verschlafen. In den vergangenen Jahren haben wir vor allem islamisch-theologische Zentren aufgebaut. Gleichzeitig befassen wir uns mit diesen kritischen Themen. Es laufen Dissertationen, es gibt Tagungen, Kolloquien, Ringvorlesungen. Aber Wissenschaft braucht seine Zeit für Entwicklung.

Nun wird ein junger gewaltbereiter Mensch kaum eine Dissertation zur Hand nehmen, um sein Weltbild zu hinterfragen.

Daher müssen diese Erkenntnisse in vereinfachter Sprache an die Menschen gebracht werden mit Unterstützung der Moscheegemeinden. Aber wir haben es nicht immer mit bewusst religiös motivierten Tätern zu tun. Relativ häufig sind es Menschen mit absolut areligiöser Sozialisation, gerade im Westen, die sich nicht wiederfinden in der Gesellschaft, auf der Suche sind und durch geistige Brandstifter abgefangen und einseitig ideologisch indoktriniert werden. Genau entgegengesetzt bin ich der Meinung, dass eine vernünftige religiöse Grundbildung die beste Prävention vor Gewalt und Terror ist. Daher halte ich den islamischen Religionsunterricht an Schulen sowie die islamische Theologie für sehr wichtig.

Wie repräsentativ ist Ihre Haltung unter europäischen Muslimen?

Von außerhalb wird uns teilweise vorgeworfen, dass wir im Auftrag unserer Geldgeber in Europa handeln. Ich bin mir aber sicher, dass ich mit dieser Haltung, einem Islamverständnis, das Errungenschaften der Moderne innovativ in die Tradition einzubinden sucht, die überwältigende Mehrheit der Muslime vertrete.

Hörbar aber ist vor allem die radikale Minderheit. Wieso?

Sie sind laut und machen auf sich aufmerksam. Wenn ein Mensch in der islamischen Welt Pegida sieht, muss der auch denken, die Deutschen sind alle rechtsradikal geworden. Die große Mitte ist still. Nicht weil sie es billigt, sondern weil sie keinen besonderen Drang spürt, an die Öffentlichkeit zu gehen. Ähnlich ist das in der islamischen Welt. Man darf nicht denken, nur weil die Mehrheit still ist, dass sie mit den Terroristen sympathisieren. Sie dürfen nicht vergessen: Millionen Muslime sind in den vergangenen Jahrzehnten durch diesen Terror gestorben. Das sind die größten Leidtragenden.

Das Gespräch führte Kerstin Krupp.