Melancholie und Euphorie, Introspektion und Rausch, zerbrechliche Singer-Songwriter-Kunst und hinternkickende elektronische Beats: Kein anderer Künstler der Gegenwart vereint diese scheinbar widerstreitenden musikalischen Welten so neugierig und virtuos wie Dan Snaith. Seit Anfang der Nullerjahre hat er sechs Alben und zahllose EPs und Singles herausgebracht, zunächst unter dem Namen Manitoba, seit 2005 als Caribou. Mit „Swim“ gelang ihm 2010 das tollste und meist bewunderte Pop-Album des Jahres und mit der dazugehörigen Single „Odessa“ der meist mitgepfiffene Sommerhit.

Das Nachfolgewerk „Our Love“, das in dieser Woche erscheint, ist klanglich und rhythmisch noch avancierter geraten. Mit seinen weichen Bässen und fantasievoll rhythmisierten Stimmschnipseln orientiert es sich am zeitgenössischen R’n’B und mit seinen zerdehnten, den Höhepunkt kunstvoll hinauszögernden Dramaturgien an Minimal Techno und House. Man merkt, dass Snaith seit „Swim“ nicht nur auf Konzertbühnen tätig gewesen ist, sondern vor allem auch als DJ gearbeitet hat.

Bevor Sie ein weltberühmter Beatbastler, DJ und melancholischer Indie-Pop-Disco-Sänger geworden sind, haben Sie als Mathematiker gearbeitet. Und sogar promoviert!

Das stimmt. Aber danach habe ich sofort aufgehört, weil ich lieber Musik machen wollte.

Was war denn Ihr Promotionsthema?

Zahlentheorie. Modulare Formen. Ich hab einen bestimmten Aspekt behandelt, der sich aus dem Großen Fermatschen Satz ergibt.

Interessant! Was sagt dieser Satz?

Dass für jede natürliche Zahl größer als 2 gilt, dass man ihre Potenz jeder natürlichen Zahl, die nicht gleich null ist, nicht in die Summe zweier ihrer Potenzen natürlicher Zahlen, die ihrerseits nicht gleich null sind, zerlegen kann. Der Satz wurde schon vor dreieinhalb Jahrhunderten aufgestellt, aber erst vor 20 Jahren von einem britischen Mathematiker bewiesen, Andrew Liles. Der wiederum war der Doktorvater des Doktorvaters meines Doktorvaters. So hat sich das Interesse an diesem Thema bis in meine Generation fortgepflanzt. Ich hab mich dann bloß mit einem winzigen Aspekt der daraus folgenden Probleme befasst.

Kann man das in irgendeine Beziehung zur nicht-mathematischen Realität setzen?

Schwer zu sagen. Das ist alles schon ziemlich abstrakt. Wobei es in der reinen Mathematik ja häufig so ist, dass man sich mit irgendwelchen Problemen nur um deren selbst willen beschäftigt, und ein paar hundert Jahre später stellt sich dann heraus, dass das total nützlich war. Zahlentheorie ist heute zum Beispiel fundamental für Verschlüsselungstechniken jeglicher Art.

Haben Sie jemals an eine akademische Karriere gedacht?

In einer Welt, in der ich mit meiner Musik keinen Erfolg gehabt hätte, wäre das sicher eine Option gewesen. Es hätte auch gut in die Familientradition gepasst: Mein Vater ist ein Mathe-Professor, meine Schwester ist eine Mathe-Professorin. Einige meiner besten Freunde sind übrigens auch Mathe-Professoren.

Gibt es denn irgendwelche Ähnlichkeiten zwischen Ihren mathematischen Forschungen und Ihrer Arbeit als Musiker?

Nicht in dem Sinne, dass ich für meine Musik irgendwelche Formeln gebrauchen würde. Aber tatsächlich geht es ja in beiden Fällen ums Konstruieren. In der Mathematik fängt man mit einer Definition an oder mit logischen Regeln, und dann schaut man, was man auf dieser Grundlage konstruieren kann. In der Musik fängt man mit einem Sound an oder mit einem Beat, und dann konstruiert man daraus einen Track. Und in beiden Fällen – das finde ich die interessanteste Ähnlichkeit – versteht man nicht genau, was passiert; man versteht nicht, warum plötzlich etwas funktioniert, woran man vorher schon so lange vergeblich herumgetüftelt hat. Man stolpert eher zum Ziel, als dass man sich linear drauf zubewegen würde. Und man muss sich auf seine Intuition verlassen, das ist bei Mathematikern das Gleiche wie bei Musikern.

Nach einem Caribou-Konzert in Berlin haben Sie vor einer Weile einmal anschließend ein endloses DJ-Set in der Panorama Bar gespielt, ich glaube neun Stunden …

… ja, neun, das kann gut sein …

… und die Leute waren in totaler Ekstase. Aber Sie selbst wirkten immer noch wie ein Mathe-Professor, weißes T-Shirt, Sandalen, offenkundig komplett nüchtern.

Ja, ich trinke und rauche nicht und nehme auch sonst keine Drogen. Sie sind nicht der erste, der mich das fragt: ob ich mich deswegen im Club hinter dem Pult nicht wie ein Alien fühle.

Das hab ich nicht gemeint. Ich frag mich nur, ob sich das nicht komisch anfühlt, wenn ich selber so nüchtern, wach und konzentriert bin und die Leute, die zu meinem Set tanzen, ansonsten alle high sind – und sei es auch nur von der Musik.

Nein, das gehört irgendwie zu meiner Persönlichkeit, und ich schäme mich auch nicht dafür. Wenn ich auflege, dann geht es mir um musikalische Spezifika und Details und nicht um den hedonistischen Trip; ich konzentriere mich ganz auf meine Arbeit. Das ist für mich gerade das Tolle an der Musik: dass sie emotionale Verbindungen schafft zwischen Menschen, die sich in ganz verschiedenen Zuständen befinden. Und dass ich mit meiner Musik wohl auch Menschen berühre, die ein ganz anderes Leben leben als ich – das ist für mich das größte Glück.

Die neue Platte zielt noch wesentlich deutlicher auf den Tanzflur als „Swim“. Die Songs sind repetitiver gebaut, es gibt mehr Verzögerung und Aufschub wie in Techno- und House-Tracks. Hat sich das aus Ihrer Arbeit als DJ ergeben?

Ich hab ja zwischendurch unter dem Namen Daphni schon eine reine Dance-Platte herausgebracht. Da hab ich mich mit genau solchen Fragen beschäftigt: Wie lange kann man tanzende Leute auf etwas warten lassen, auf einen bestimmten Effekt, damit sie im richtigen Moment dann wirklich total abgehen…

… wobei das Eröffnungsstück „Can’t Do Without You“ ja genauso funktioniert: Man wartet und wartet, und erst in der letzten Minute geht dann rauschhaft die Sonne auf …

… ja, und in dem Stück „Second Chance“, das ich mit Jessy Lanza aufgenommen habe, komme ich fast völlig ohne Bass aus – der Bass setzt erst ein, als die Musik schon allmählich ausblendet. Finde ich auch einen sehr guten Effekt! Aber ich hab die Platte nicht aufgenommen mit dem Gedanken, Leute in einer bestimmten Weise auf dem Dancefloor zu manipulieren. Ich hab sie für mich gemacht. Aber nach dem Erfolg von „Swim“ hatte ich erstmals das Gefühl, dass die Musik, die ich für mich mache, mich mit ganz vielen anderen Menschen verbindet. Das hat mir sicher Selbstvertrauen gegeben, noch mehr zu experimentieren.

Auf „Swim“ ging es vor allem um Liebeskummer, Trauer, gescheiterte Beziehungen. Auf „Our Love“ geht es vor allem um Liebe, Glück, Euphorie. Ist die Platte also quasi das Prequel zu „Swim“?

Nein, ich habe die Entwicklung in genau dieser Reihenfolge vollzogen. Ich bin jetzt 35, Vater eines dreijährigen Kindes, das ich sehr liebe, und ich bin viel zentrierter und viel stärker mit den Menschen um mich herum verbunden. Ich habe die Krise, die ich vor ein paar Jahren hatte, überwunden, und ich bin jetzt auch nicht mehr so viel allein, weder beim Musizieren noch sonst. Aber: Wenn es in meinen Songs um Liebe geht, dann geht es nicht nur um die Liebe in einer Beziehung, in einem Paar. Sondern auch um die Liebe, die man zu ganz fremden Menschen empfindet, wenn man sich in einer glücklichen Menge auf einem Dancefloor bewegt.

Es geht um einen erweiterten Liebe-Begriff.

Ich möchte die Liebe feiern in all ihrer Vielfalt. Liebe ist ja nicht so ein Disney-Ding, „und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende“, Liebe kann kompliziert sein und ändert sich ständig. Liebe ist ein Prozess, eine dialektische Sache. Und die Bedeutung von Liebe wird immer neu konstruiert. Wenn man wie ich Mitte 30 ist, hat man ein ganz anderes Verständnis von Liebe als mit 17.

Ich bin jetzt Mitte 40, und ich glaube, ich kann mich dunkel erinnern.

Je älter man wird, desto mehr Erfahrungen macht man. Und manchmal entdeckt man die Liebe auch neu!

Interview: Jens Balzer