Interview mit David Feldman: "Der Antisemitismus ein Problem für die Gesellschaft als Ganzes"

Warum betrachten Menschen Formen von Andersartigkeit – etwa andere Sitten von religiösen Minderheiten in der Gesellschaft – als Problem? Der britische Historiker David Feldman untersucht diese Frage in Bezug auf die tradierten und wiedererstarkten Abwehrreflexe gegen Juden und Muslime.

Herr Feldman, Islamophobie ist seit den 90er-Jahren Gegenstand der öffentlichen Debatte. Den Begriff Antisemitismus gibt es schon viel länger. Welche Merkmale teilen die beiden Phänomene?

Als Begriff trat Antisemitismus in den 1870er- und 1880er-Jahren in Deutschland auf. Die erste Bewegung in Deutschland, die sich stolz eine antisemitische Bewegung nannte, war der Ansicht, dass die Gleichstellung der Juden, die in Deutschland erst 1871 mit der Schaffung des Kaiserreichs erreicht wurde, eine großer Fehler war. Sie hatten die Vorstellung, dass Juden keine Bürger sein könnten. Dass sie sich immer um ihre eigenen Interessen kümmern würden und nicht um die Interessen Deutschlands als Ganzes. Hier haben Antisemitismus und Islamophobie etwas gemeinsam. Es ist die Vorstellung, dass in einem Fall Juden und in dem anderen Fall Muslime in Ländern, in denen sie eine Minderheit sind, nicht als gute Bürger handeln könnten.

Warum nicht?

Weil es etwas in ihrer Kultur oder Religion gibt, dass dazu führt, dass sie getrennt von den anderen leben und andere Ziele verfolgen als die übrigen Bürger. Um den Antisemitismus, wie er sich seit dem späten 19. Jahrhundert entwickelt, und die Islamophobie, die sich jetzt entwickelt, wirklich zu verstehen, müssen wir verstehen, was Menschen für eine Staatsbürgerschaft erforderlich halten. Und im Fall von Antisemitismus sind es die Juden und bei der Islamophobie die Muslime, die diesen Test nicht bestehen.

Welche Ereignisse haben die Islamophobie ausgelöst?

Vorurteile gegenüber Muslimen im Westen sind Jahrhunderte alt, aber der Begriff Islamophobie ist erst seit den 90ern im allgemeinen Sprachgebrauch. Im Vereinigten Königreich gab es 1997 einen sehr wichtigen Bericht des Runnymede Trust mit dem Titel „Islamophobie: Eine Herausforderung für uns alle.“ Dieser war durch die wachsende Meinung angeregt worden, dass Gesetze, die die Diskriminierung von rassischen und ethnischen Minderheiten verbieten, auf religiöse Gruppen – insbesondere auf Muslime – ausgeweitet werden sollten. Die Integration von Muslimen wurde zunehmend zum Thema der öffentlichen Debatte im Westen: Die Fatwa gegen Salman Rushdie und die Kontroverse darüber, ob muslimische Mädchen in französischen Schulen erlaubt werden sollte, den Hijab zu tragen, warfen bei manchen die Frage auf, ob Muslime sich als Bürger integrieren könnten. Hier und im Fall des Antisemitismus lautet die Schlüsselfrage: Was verlangen Staatsbürgerschaft und politische Gleichstellung Minderheiten ab. Es ist das Konzept der politischen Gleichstellung, das einige Leute dazu bringt, manche Formen von Andersartigkeit – verschiedene Meinungen oder andere Sitten – als Problem zu betrachten.

Warum ist es wichtig für Sie, auf die Parallelen zwischen Antisemitismus und Islamophobie hinzuweisen?

Es interessiert mich, wie die Gegenwart von der Vergangenheit geprägt wurde. Darüber hinaus besteht hier ein ethisches Problem. Wenn man Vorurteile, Diskriminierung und Rassismus ablehnt, muss man das alles bekämpfen, wo immer es einem unterkommt. Bei einigen jüdischen und muslimischen Gruppen besteht die Neigung, Islamfeindlichkeit und Antisemitismus im Namen von Juden und Muslimen zu bekämpfen. Das ist verständlich. Aber es geschieht nicht immer mit Bezug auf universelle Werte. Vorurteile, Rassismus und Diskriminierung sind aber nicht nur deshalb falsch, weil sie eine bestimmte Gruppe betreffen, sondern auch weil sie universelle Werte verletzen.

Ist Ihnen bewusst, dass der Vergleich von Islamophobie und Antisemitismus in Deutschland als Trivialisierung des Antisemitismus, ja sogar des Holocaust verstanden werden könnte?

Ich denke, es hängt davon ab, wie der Vergleich aussieht. Es wäre töricht zu sagen, dass alle Rassismen gleich sind, sie denselben Inhalt haben, dieselbe Geschichte, sie auf demselben Narrativ beruhen. Natürlich ist der Holocaust ein einzigartiges und schreckliches historisches Ereignis. Aber wenn wir über die Geschichte des Antisemitismus und Antisemitismus in der Gegenwart nachdenken wollen, müssen wir verstehen, dass seine Geschichte länger ist als die Geschichte des Holocaust. Und der Antisemitismus war historisch gesehen meistens auch nicht gewalttätig, nicht mörderisch, nicht genozidal. Er hat häufiger Phänomene wie den Ausschluss aus Ländern und Institutionen und andere Formen der Diskriminierung von Juden, hässliche Stereotypen und persönliche Beleidigungen mit sich gebracht.

Obwohl Antisemitismus und Islamophobie gemeinsame Züge haben, werden Juden und Muslime heute meist getrennt voneinander gehasst, oder?

Das stimmt bis zu einem gewissen Punkt. Obwohl in den Zeitungen viel über den Antisemitismus der Linken und den muslimischen Antisemitismus berichtet wird, kommen antisemitische Hassverbrechen oder Volksverhetzung sowohl in Ihrem Land als auch in meinem vor allem von der extremen Rechten. Was die extreme Rechte angeht, sind beide, also sowohl Juden als auch Muslime, Vorurteilen ausgesetzt. Es gibt eine Studie zur Gruppenfeindlichkeit von Andreas Zick und seinen Kollegen von der Universität Bielefeld. Sie zeigt, dass Menschen, die Vorurteile haben, nicht nur gegenüber einer Gruppe voreingenommen sind. Aber wenn verschiedene Gruppen Juden problematisch finden oder Muslime problematisch finden, ist dies auf eine Kombination von Faktoren zurückzuführen.

Welche sind das?

Einer sind die Auswirkungen der Politik von Israel und Palästina. Ein anderer sind die Klassenunterschiede zwischen der jüdischen und der muslimischen Bevölkerung in Europa. Im Vereinigten Königreich sind Juden die religiöse Gruppe mit dem höchsten Repräsentationsgrad in den höchsten Berufen, und Muslime sind die Gruppe mit dem niedrigsten Repräsentationsgrad. Wenn Sie sich mit der Skala für Wohnen oder Bildung beschäftigen, sieht man in ganz Europa große Diskrepanzen. Und drittens gibt es die Auswirkungen des Terrors und des war against terror darauf, wie Muslime wahrgenommen werden.

Manche behaupten, dass die Muslime für den wahrgenommenen Anstieg des Antisemitismus in Deutschland und anderen europäischen Ländern verantwortlich sind. Teilen Sie diese Perspektive?

Die Wahrnehmung der meisten Juden scheint zu sein, dass der Antisemitismus ansteigt. Aus den meisten Studien zu Einstellungen in Westeuropa geht das aber nicht hervor und – mit einigen Ausnahmen – auch nicht aus den Zahlen von Hassverbrechen. Man könnte diese Wahrnehmung damit erklären, dass Juden Antisemitismus anders verstehen als die übrige Gesellschaft. Wann zum Beispiel ist Kritik an Israel antisemitisch? Es gibt da eine Grauzone. Es ist richtig, dass antijüdische Einstellungen bei Muslimen häufiger sind als in der Gesamtbevölkerung. Aber weil Muslime eine so kleine Minderheit sind – etwa fünf Prozent in Deutschland und Großbritannien – kann es nicht sein, dass sie für den größten Teil des Antisemitismus verantwortlich sind. Obwohl Muslime größere Vorurteile gegenüber Juden aufweisen, ist der Antisemitismus ein Problem für die Gesellschaft als Ganzes. Es sollte nicht auf Minderheiten in ihr projiziert werden.