Winfried Glatzeder läuft durch das Foyer des Theaters am Kurfürstendamm, sucht einen Spiegel, verschwindet in der Garderobe, kommt wieder, sieht genauso aus wie vorher, fragt den Fotografen: „Was soll ich machen? Angst haben oder freudig sein?“ Er spielt heute Abend in „Wir sind die Neuen“, einer Komödie über drei ehemalige Hippies, die im Alter wieder zusammen in eine WG ziehen. In drei Stunden beginnt die Vorführung. Noch ist das Theater leer und still, zu still für Glatzeder. Er hält Ruhe nicht aus, verwickelt den Fotografen in Gespräche über seine Herkunft, übers Rauchen, die politische Weltlage. Und landet am Ende immer beim gleichen Thema: dem Alter.

Herr Glatzeder, Sie sind erst 72, stehen fast täglich auf der Bühne und wirken auch sonst noch ganz munter. Ist das Klagen über Ihr Alter Koketterie, oder haben Sie wirklich Angst vorm Tod?

Ich freue mich, dass ich von meinem größten Feind, meinem Körper, noch nicht herausgefordert wurde und habe Angst, was meine eigene DNA für mich vorbereitet hat. Ich möchte 93 werden. Ich rauche nicht mehr, saufe auch nicht mehr so viel, weiß aber, dass der Körper hinfälliger ist und der Tod unausweichlich.

Warum gerade 93?

Weil Friedrich Schoenfelder so alt geworden ist. Er war 94, als er starb und hat fast bis zum Schluss hier auf der Bühne gestanden. Das ist so ein Alter, wo man, wenn man sich einigermaßen fit hält, noch am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann. Im Altenheim 116 Jahre alt zu werden und jeden Tag ein rohes Ei zu lutschen, das ist keine Perspektive für mich. Da lass ich mir lieber von Exit in der Schweiz eine Spritze geben. Bis dahin sehe ich jede Stunde als Geschenk an, die ich halbwegs ohne Schmerzen überstehen kann.

Wo schmerzt es denn?

In den Schultern und im Rücken, der Lendenwirbelsäule, und in dem Knie, wo noch kein neues Gelenk eingebaut ist.

Deswegen laufen Sie gerade ein bisschen schwerfällig, seltsamerweise aber nur jetzt, auf der Bühne merkt man gar nichts.

Ja, auf der Bühne kann ich das ganz gut überspielen. Da vergesse ich, dass es wehtut. Das ging mir schon so, als ich mit Angelica Domröse im Hans-Otto-Theater „Filumena“ gespielt habe, ein tolles Stück. Wir haben zwei Stunden durchgespielt, mussten aber am Ende beide mit Hilfe der Garderobieren von der Bühne geleitet werden. Das kann man, sich hochbeamen für eine kurze Zeit. Das ist, also ob sich der medizinische Dienst ankündigt, um eine Pflegestufe festzulegen und die Verwandten sagen: Schön gebrechlich spielen, damit du Pflegestufe 3 kriegst! Und dann macht man genau das Gegenteil: Wie geht es Ihnen? Prima! Können Sie zur Toilette? Natürlich! Und sich waschen? Na, klar! Ich kann sogar mit Ihnen tanzen!

Leben Sie gesund?

Ich lebe insofern gesund, als dass ich keinen Sport mache, habe ich noch nie gemacht. Aber ich bewege mich viel, surfe gerne, fahre Ski, reite, fahre Rad, setze den Komposthaufen um. Sehen Sie, heute habe ich ganz viel Gartenarbeit gemacht, Löwenzahn gezogen und so. (Er zeigt die dunklen Ränder unter seinen Fingernägeln.) Ich habe zu meiner Frau gesagt, ich kann gar nicht zu dem Interview gehen. Sie hat gesagt, deine Seele ist zwar schwarz, aber die Hände sind unwichtig.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie alt werden?

Mit neunundsechzigeinhalb.

Das ist aber sehr spezifisch. Was ist denn mit neunundsechzigeinhalb passiert?

Da habe ich gemerkt, dass der Körper in einen anderen Aggregatzustand übergeht, von flüssig zu Eis. Ich kam auf einmal schlecht vom Sofa hoch, beim Rennen taten meine Gelenke weh, nach dem Arbeiten war ich fix und fertig. Bis dahin habe ich mich auch in der Mitte der Gesellschaft gefühlt, jetzt ausgesondert.

Ausgesondert?

Ja, es reicht schon, wenn ich die Straße langgehe. Man guckt an mir vorbei. Ich werde nicht mehr wahrgenommen. Das ist im Beruf ganz ähnlich. Ich habe fünfzig Jahre lang eine Arbeit nach der anderen gemacht. Hörspiele, Theater, Kino, Fernsehen, alles. Und jetzt wird es immer weniger.

Weil die meisten Geschichten ja von jungen oder mittelalten Leuten handeln. Meine einzige Hoffnung ist, dass meine Kollegen, die in meinem Alter sind, vor mir sterben, und die Regisseure und Produzenten sagen: Wir haben ja noch den Glatzeder. Dann gehe ich auch wieder zu Beerdigungen. Ich habe mir geschworen, nicht mehr auf Beerdigungen zu gehen, aber das feiere ich dann.

Sie haben aber gerade auch wieder eine Kinorolle gespielt: als alternder Gigolo in „Kundschafter des Friedens“.

Die habe ich aber nur bekommen, nachdem andere Kollegen ausgefallen sind, weil sie gesundheitlich angeschlagen waren.

Sie sollten gar nicht mitspielen?

Nein. Jaeckie Schwarz, mein ehemaliger Kommilitone, und Dieter Mann, waren im Gespräch, konnten aber nicht. Hilmar Thate ist gestorben, Manfred Krug auch.

Die Vorbereitungen zum Film haben sich offenbar eine Weile hingezogen.

Acht Jahre.