Ennio Morricone
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Ehrfürchtig fragt einen der Hotelier: „Erwartet Sie der Maestro wirklich bei sich zu Hause?“ Klassiker wie „Zwei glorreiche Halunken“, „Spiel mir das Lied vom Tod“ und „Leichen pflastern seinen Weg“ sind untrennbar mit ihrer Filmmusik verbunden, und diese stammt von Ennio Morricone. Seine Soundtracks zu Italowestern sind sein Markenzeichen, dabei machen die Arbeiten für den Film nur einen Bruchteil seines Gesamtwerks aus, zu dem auch avantgardistische Kompositionen zählen.

Nur selten gewährt er Journalisten Zugang zu seinem Anwesen im Herzen von Rom. Der schmächtige Mann mit der schwarz umrandeten Brille wünscht selbst mit „Maestro“ angesprochen zu werden, aber das ist die einzige Extravaganz, die er sich an diesem Tag erlaubt. Aufgeräumt erzählt Morricone, der an diesem Sonnabend seinen 90. Geburtstag feiert, von neuen Projekten. Noch lieber erzählt er aber Anekdoten.

Maestro, stimmt es, dass Sie künftig keine Soundtracks, sondern nur noch Orchesterwerke und Kammermusik komponieren wollen?

Ennio Morricone: Ja, es ist wahr. Ich stelle noch die Musik zum Animationsfilm „The Canterville Ghost“ fertig und vielleicht noch einen Score für Giuseppe Tornatores nächstes Projekt, aber das war es dann mit der Filmmusik.

Wie kommt’s?

Ich verdanke der Filmmusik meine Bekanntheit, doch es ist eine sehr aufreibende Arbeit. Wenn ich mich nun auf reine Orchestermusik konzentriere, kann ich unabhängig vom Kino tätig sein und mich wieder freier fühlen. Und hoffentlich entstehen dann beim Hören auch Bilder im Kopf des Publikums.

Für neunzig wirken Sie aber noch sehr fit!

Ich habe noch viele musikalische Ideen. Aber manchmal fühle ich mich doch sehr erschöpft, so auch nach dem Dirigieren, deswegen wird meine jetzige Welttournee tatsächlich auch meine letzte sein.

Betreibt man als Filmkomponist eigentlich ein einsames Geschäft oder tauschen Sie sich mit anderen Filmkomponisten auch manchmal aus?

Jeder macht seins. Und ich komponiere tatsächlich am liebsten zu Hause, wobei mein Hauptwohnsitz hier in Rom, wie Sie sehen, recht geräumig ist. Natürlich habe ich Kontakte zu anderen Filmkomponisten. Wir reden miteinander, aber selten über Musik. Eine sehr freundschaftliche Beziehung unterhielt ich zu Maurice Jarre, dessen monumentale Filmmusiken für die David-Lean-Filme „Lawrence von Arabien“, „Doktor Schiwago“ und „Reise nach Indien“ ich sehr bewundert habe. Aber den engsten Komponisten-Kontakt habe ich natürlich zu meinem Sohn Andrea, der ja 1991 seine Karriere an meiner Seite mit der Filmmusik zu „Cinema Paradiso“ begann. Das war eine wundervolle Zusammenarbeit mit ihm.

Sie haben vierzig Jahre nach „Nobody ist der Größte“ wieder einen kompletten Score zu einem Western geschrieben, Quentin Tarantinos „The Hateful Eight“, der Ihnen prompt ihren ersten Oscar bescherte. Hat diese Arbeit nun einen besonderen Stellenwert für Sie?

Natürlich! Quentin Tarantino hat mich mit seinem ganzen Enthusiasmus überzeugt, wieder für einen Western zu komponieren. Doch bewusst habe ich keine Italowestern-Klänge eingesetzt, sondern eher teils brachiale, teils filigrane Film-Noir- oder Thriller-Elemente, wie man sie auch bei französischen Filmen findet. Auch grotesk-komische Momente, die mit seinem filmischen Stil korrespondieren, konnte ich einarbeiten. Ich denke, das verleiht dem Score etwas Besonderes. Die Zusammenarbeit mit Tarantino war nicht einfach. Er ist liebenswert, aber total chaotisch, sodass ohne festes Konzept von ihm leider alles erst auf den letzten Drücker fertig werden konnte.

Ihre Kooperation mit ihm verwunderte etwas, nachdem Sie sich bei „Django Unchained“ über die Verwendung Ihrer alten Stücke wie auch des einzigen neu komponierten enttäuscht gezeigt hatten …

Meine Äußerungen vor Studenten in Rom wurden damals nicht ganz korrekt zitiert. „Django Unchained“ war mir, der ja schon für einige harte Filme wie Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder Pier Paolo Pasolinis „Die 120 Tage von Sodom“ komponiert hatte, mitunter zu brutal. Gewalt um ihrer selbst Willen schreckt mich einfach ab. Dennoch habe ich allergrößten Respekt vor Tarantino und fühle mich geehrt, dass er immer wieder meine Musik in seinen Filmen einsetzen will.

Wo denn noch?

Fast hätte ich schon für seine bitterböse Dritte-Reich-Phantasmagorie „Inglorious Basterds“ den vollständigen Score geschrieben. Doch mir wären dafür nur knapp zwei Monate Zeit geblieben, da ich die Musik zu Giuseppe Tornatores „Baaria“ in Angriff nehmen musste. Tarantino ist ein Großer des heutigen Kinos, auch wenn er sehr viel aus anderen Filmen – sagen wir es mal freundlich – entlehnt. Allerdings stehe ich zur Aussage, dass sein Ansatz, verschiedene Musikstücke unterschiedlicher Komponisten oder Popgruppen in einem Film unterzubringen, mitunter nicht passend zum Gesamteindruck ist. Das konnte eigentlich nur Stanley Kubrick perfekt.

Sie haben einmal erzählt, dass Sie ursprünglich den Soundtrack zu Kubricks „Uhrwerk Orange“ schreiben sollten. Hatten Sie damals eigentlich schon begonnen, etwas für Kubrick zu komponieren?

Ich hatte viele Ideen, aber nein, es gibt keine alternative „Uhrwerk Orange“-Komposition in meinem Safe. Der Kontakt zu Kubrick wurde mir Anfang der 70er-Jahre von seiner Kostümdesignerin Milena Canonero vermittelt. Sie hatte mich gefragt, ob ich eine Musik von mir aus einem früheren Film für ihn etwas nachahmen könnte. Das tue ich in der Regel nicht. Aber da ich Kubrick für einen außergewöhnlichen Regisseur halte, hätte ich eine Ausnahme gemacht. Es gab allerdings das Problem, dass Kubrick wegen seiner Flugangst nicht gerne reiste. Dennoch hätte ich die Musik in Rom aufnehmen dürfen. Sogar die Gage war schon klar. Und dann lehnte Kubrick aus einer Art Höflichkeit plötzlich ab.

Wie das?

Er hatte Sergio Leone angerufen und gefragt: Meinst du, Morricone wird gut mit mir zurechtkommen? Ich weiß nicht, warum er gerade ihn anrufen musste. Und Sergio sagte auch noch: Natürlich, obwohl er ziemlich überlastet ist, da er momentan an der Musik zu meinem neuen Film schreibt. Das war der Todesstoß für meine Zusammenarbeit mit Kubrick, was ich immer noch bedaure.

Mit dem französischen Regisseur Henri Verneuil hat es besser geklappt, Ihre Musik zum Mafia-Epos „Der Clan der Sizilianer“ und zum Politthriller „I wie Ikarus“ sind Teil der Filmgeschichte. Hatte er ein gutes Musikverständnis?

Ich habe ihm Stücke vorgeschlagen, er hat sie gehört – und immer Ja gesagt, auch wenn die Titelmusik beim „Clan der Sizilianer“ beispielsweise eingangs gepfiffen wurde, das E-Gitarren-Riff eine Variation eines Motivs von Johann Sebastian Bach war und ich das Ganze mit süffigen Streichern und stoischen Maultrommel-Einsätzen konterkarierte. Also hat er vielleicht etwas davon verstanden, denn konservative Regisseure wären wohl seinerzeit schreiend geflüchtet.

Henri Verneuil ist auch immer dem Geschmack vom Publikum auf sehr geschickte Art und Weise entgegengekommen. Beim letzten Mal, als er mich gefragt hatte, wollte er mir plötzlich doch Vorgaben machen. Für „Mayrig“, seinen wohl persönlichsten Film, der die Aufarbeitung des Völkermords an den Armeniern thematisierte, seine Familie stammt ja aus Armenien, bat er mich 1991, eine Musik im armenischen Stil zu schreiben. Da habe ich abgesagt, weil das ein armenischer Komponist wirklich besser kann. Man muss auch seine Grenzen kennen.

Auch für Giuseppe Tornatore haben Sie wiederholt komponiert, zuletzt 2016 bei La corrispondenza. Könnte man sagen, dass er genau die Art von Filmen macht, bei denen Sie sich kompositorisch am besten aufgehoben fühlen?

Natürlich würde ich mir Filme von Tornatore auch anschauen, wenn ich nicht die Musik für ihn komponiert hätte. Der einzige seiner Filme, mit dem ich bei einer Szene Probleme hatte, war „Baaria“, wo er vor laufender Kamera bei den Dreharbeiten ein Rind mit einer Ahle abstechen ließ, weil er authentisch einen alten sizilianischen Brauch zeigen wollte. Er arbeitet an sich immer mit viel Fantasie und kann sogar eine simple Geschichte für den Zuschauer interessant aufbereiten. Ich habe mich besonders gefreut, dass er eine Dokumentation über mich gedreht hat, die in Italien sogar ins Kino gekommen ist.

Ihre Abschieds-Tournee mit dem Czech National Symphony Orchestra, das Sie selbst dirigieren, wird Sie am 21. Januar 2019 nochmals nach Berlin führen. Was für ein Repertoire darf das Publikum erwarten?

Nächstes Jahr werde ich mein 63-jähriges Berufsjubiläum feiern. In dieser Zeit habe ich über 600 Werke komponiert, von denen nur vielleicht fünf Prozent Italowestern waren. Aber mit den werde ich nun mal identifiziert. Bei meiner neuen Tournee werde ich als Zugeständnis an mein treues Publikum bekannte Stücke wie „The Ecstasy of Gold“ aus Leones „Zwei glorreiche Halunken“ spielen oder auch „Gabriel’s Oboe“ aus Roland Joffés „The Mission“.

Aber diesmal schwebt mir doch ein etwas anderes Konzert-Erlebnis vor. Dabeisein sollen auch einige nicht-kinematografische Titel meiner „Musica Assoluta“, der absoluten Musik, sowie eine Suite mit Tracks, die ich für sieben verschiedene Filme komponiert habe, die alle Oscars gewonnen haben. Sie sehen, ich komme doch nicht davon los.