Herr Sloterdijk, Sie bezeichnen die Menschen der Moderne in Ihrem Buchtitel als „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“. Hinter dem Gedanken der „schrecklichen Kinder“ steckt die Figur der Abtrünnigkeit, das Losreißen von den Eltern. Was hat dieser Bruch mit der Tradition bewirkt?

Ich beschreibe die Moderne als ein umfassendes anti-genealogisches Experiment. Dieses gründet in dem Umstand, dass es keine kulturellen Automatismus mehr gibt, der auf gesicherte Weise von Großeltern zu Kindern zu Enkeln führt. Vielmehr könnte in jedem genealogischen Intervall die ganze Kette reißen. Für die Moderne ist typisch, dass sich das Intervall zwischen Eltern und Kindern bei jeder Wiederholung etwas weiter aufspreizt.

Eltern und Kinder werden einander immer unähnlicher?

Unvermeidlich, auch weil die Lebenswelten sich so rasch verändern. Die Orientierung am Wissen der Alten geht fast völlig verloren, das Alter als solches verliert seine Autorität. Damit beginnt das Zeitalter der immer unähnlicheren Kinder.

In Ihren Augen ist das Zeitalter des großen Bruchs zwischen den Generationen das 19. Jahrhundert?

Es ist vor allem die Zeit des Realismus. Man sollte bedenken, Realismus ist eine juvenile Erfindung. Er bedeutet, dass die Jungen erst gar nicht anfangen, werden zu wollen wie die Eltern. Die modernen Kinder begreifen mehr und mehr, dass das Leben der Erwachsenen eine hohle Komödie darstellt. Kasper Hauser konnte noch den Satz wiederholen: „Ich möchte einmal ein solcher werden, wie ein anderer einmal gewesen ist.“ Die typischen Modernen wollen genau das eben nicht. Um keinen Preis wollen sie so werden, wie einmal ein anderer gewesen ist.

Was wollen sie stattdessen?

Sie wollen sie selber sein – und „wie sie selber“. Sie wissen noch nicht, dass Individualität und Monstrosität konvergieren. So strebt im Grunde jeder danach, ein Monstrum zu werden, eine Singularität. Man hat vergessen, dass geglückte Individualität in Spezies-Ähnlichkeit besteht, in der persönlichen Variation eines Typus − indessen der Mensch, der die vollkommene Unverwechselbarkeit erlangen würde, in der Vereinsamung des letzten Menschen landet, oder des letzten Tiers. Für ein solches Wesen fällt der Gedanke an Nachkommenschaft von selbst beiseite.

Warum bricht diese Tendenz gerade im 19. Jahrhundert auf?

Das 19. Jahrhundert steht im Zeichen einer fixen Idee, die man die soziale Frage nannte. Sie kreist um das Problem: Wie hängen Menschen mit Menschen wirklich zusammen? Das 19. Jahrhundert verrennt sich in die falsche Antwort, welche lautet: durch Gesellschaft, also durch Sozialisation und Klassensolidarität. Der reale Zusammenhang, der genealogische, tritt in den Hintergrund. Der genealogische Bruch zeigt sich besonders krass in den USA. Ihrer Verfassung nach sind Amerikaner von Rechts wegen Niemandskinder. Thomas Jefferson gehörte zu den Ersten, der die radikale Unabhängigkeit der Generationen voneinander betonte. Es soll keine Befugnisse der älteren Generation gegenüber der nächsten mehr geben, denn dies bedeute die Versklavung der Nachkommen.

In Ihrem Buch geht es um die Idee der Erbsünde. Was ist daran interessant für einen heutigen Philosophen?

Ich habe die alte Doktrin der Erbsünde gegen das Licht gehalten, um herauszufinden, ob da etwas hindurchscheint, was man nach Abzug der theologischen Überspannung weiter ernst nehmen kann.

Was förderte Ihre Sichtung zutage?

Die Tendenz zur Korruption. Begnügt man sich mit den Aussagen von Paulus und Augustinus zur sündigen Verfassung des Menschen, erliegt man christlichen Übertreibungen. Den Erbsünden-Theologen ist eine Tendenz zur Einwilligung zur Überbestrafung des Menschen durch Gott gemeinsam: Ein einziges Mal ein wenig Ungehorsam im Paradies, folglich 5000 Jahre Vertreibung, Tod, Elend und Höllenangst. Diese augustinische Doktrin zählt zu den dunkelsten Erbstücken alteuropäischer Überlieferung. Seit 200 Jahren verblasst diese Tradition, zu unserem großen Vorteil, die Zeit ist reif, sich das Problem der menschlichen Korruption aus einer völlig anderen Sicht vorzunehmen.

Ist Korrumpierbarkeit eine Grundbedingung menschlicher Existenz?

Korruption ist kein Existenzial, sondern ein Resultat. Ebenso wie Hoffnung, anders als Ernst Bloch, nicht als Prinzip, sondern als Effekt oder als Gelegenheit zu deuten ist. Da verzweigen sich die Wege zwischen denen, die den absoluten linken Optimismus vertreten und den anthropologischen Realisten, die einräumen: zu Hoffnung gibt es tatsächlich hin und wieder Grund und Anlass, aber stets nur lokal und okkasionell, nicht im Modus eines Prinzips, das die Geschichte insgesamt bewegt.

Gibt es Beispiele für Menschen, die nicht korrupt sind?

Natürlich: Mir fallen aktuell die Namen von Noam Chomsky und Jetsun Pema ein, der Schwester des Dalai Lama – zwei Personen, die dieses Jahr den Myschin-Preis erhalten. Das sind für unsere Zeit die Integren, die das weltliche Gegenstück zu dem darstellen, was man früher die Heiligen genannt hat.

Nach Augustinus könnten auch solche Menschen der Ur-Korruption nicht ausweichen.

Die augustinische Erbsündenlehre ist radikal dunkel angelegt, weil der Theologe den Menschen als rebellisches Tier beschreibt. Dies macht sein anthropologisches Grundtheorem aus: Der Mensch als solcher kann sich nicht nicht gegen Gott auflehnen. Doch Gott kann ihm helfen, sich helfen zu lassen. Ausgenommen sind die Heiligen und der menschgewordene Gott mit dem Prädikat „besonders demütig“. Der gewöhnliche Mensch ist nach Augustinus ein hochmütiges Tier.

Und dies wäre zugleich der Beginn seiner Korrumpierbarkeit?

Mit dem Hochmut fängt dort alles an: Die ganze Kaskade der übrigen Korruptionen hängt an einer stolzen Geste. Ein Mal den Kopf zu hoch gehoben, ein Mal sich selbst zu gut gefallen, und schon geht es hinunter in die Gottferne. In der augustinischen Schrift vom Gottesstaat wird das im Passus über die gefallenen Engel drastisch geschildert. In moderner Terminologie würde man von einer narzisstischen Krise sprechen. In den Spiegel schauen, sich selber für einen Augenblick vor Gott bevorzugen: Schon hat die Höllenfahrt begonnen.