Bloß nicht über Russlands Politik reden, lässt Ljudmila Ulitzkaja die Verlagsmitarbeiterin ausrichten. Das sei so gar nicht ihr Metier, sagt die Grande Dame der zeitgenössischen russischen Literatur. Sie ist nach Berlin gereist, um hier aus ihrem Buch „Die Kehrseite des Himmels“ zu lesen. Über Literatur will sie sprechen, über die Wahrheiten und die Lügen der Menschen. Darüber hatte sie vor mehr als zehn Jahren bereits einen Text verfasst. Jetzt stellt sie fest, wie aktuell die Ausführungen sind, wie ihr Land die Lüge als Wahrheit verkauft, und wie gefährlich das ist. Zuvor aber nimmt sie Platz in einem fast leeren Büro im Hanser-Verlag in der Friedrichstraße. Sie isst noch schnell einen Schokoladenkeks und redet – natürlich auch über Russlands Politik.

Frau Ulitzkaja, in Ihrem neuen Buch „Die Kehrseite des Himmels“ finden sich weder Sonetschkas noch Schuriks, nicht die starken bewundernswerten Frauen oder die schwachen liebevollen Männer. Es gibt nur Sie, Ihre Gedanken, Gefühle, Ängste. Warum ein so persönliches Buch?

Es gab ein besonderes Ereignis in meinem Leben: meine Krebs-Erkrankung. Da fast alle in meiner Familie an Krebs gestorben waren, dachte ich, meine Stunde sei gekommen. Meine Mutter starb, als sie 53 war, ich war zum Zeitpunkt der Diagnose bereits 67. Ich verstand: Mein Ende naht. Man fängt also an, sein Leben Revue passieren zu lassen, schaut auf das Gute, schaut auf das Böse. Nun sind fünf Jahre vergangen, ich bin, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, gesund. Ich hatte gar nicht geplant, dass ich noch einen so großen, so glücklichen Happen vom Leben abbekomme. Es ist also mein letztes Buch. „Die Kehrseite des Himmels“ ist eine Zusammenfassung meines Lebens. Alles, was danach entstanden ist und entsteht, sind sozusagen meine vorletzten Werke.

In der russischen Version heißt Ihr Buch „Heiliger Müll“. Was ist das für ein Müll?

Ich bin eine große Anhängerin der materiellen Welt. Dinge wie zum Beispiel das Gläschen meiner Großmutter, in dem sie ihre Haarnadeln aufbewahrte, oder die zusammengeklebte, henkellose Tasse meines Urgroßvaters, wo er die Zahnrädchen für Uhren lagerte, Sachen also, die sie berührten, die sie ihr Leben lang begleitet haben, waren für mich immer sehr wertvoll. Dann kam der Tag, an dem ich verstand, dass diese Fülle an kaputtem und unbrauchbarem Kram mich ermüdet. Bei meinem wohl siebten Umzug habe ich alle diese Reliquien in eine große Kiste gepackt und sie auf den Müll gebracht. Das Erstaunliche ist, dass ich sie doch nicht wegwerfen konnte. Sie landeten zwar im Abfall, aber sie blieben in meinem Gedächtnis. Es ist unmöglich, sich davon loszureißen.

Tragen Sie diesen Müll immer mit sich?

Ja. Neulich wurde ich von zwei Pädagogik-Studentinnen über Spielzeug befragt. Ich konnte ihnen sogleich ein Hündchen hervorholen. Dieses Spielzeug kam einst über das sogenannte Leih- und Pachtgesetz der USA im Zweiten Weltkrieg mit den amerikanischen Hilfspaketen zu uns. Mit diesem Hündchen habe ich gespielt, haben meine Söhne gespielt, nun spielen damit meine Enkel und kennen das als „Omas Hündchen“. Es war wahrscheinlich meine Sentimentalität, dass dieses Hündchen meinen Aufräumfuror überlebt hat. Es wird wohl auch mich überleben. Es ist immer ein Zwiespalt: Einerseits will man diese materiellen Zeugen behalten, andererseits weiß man, dass sie das eigene Leben, die eigenen Gedanken verstopfen. Dieser heilige Müll ist etwas, von dem wir uns nicht befreien können. Er schafft die Aura unseres Lebens, egal, ob wir diese Sachen physisch bei uns haben oder sie längst weggeworfen haben. Auch die Welt der Ideen zählt dazu, die Bücher, die Bilder, die Reisen, all das, was uns in einer bestimmten Phase des Lebens umgeben und geprägt hat. Jeder hat einen solchen wertvollen Müll, denn er formt die Persönlichkeit.

Sie erkunden gern die Abgründe der russischen Gesellschaft. Sie besuchen eine Strafkolonie für Jugendliche, versuchen, einer Bettlerfamilie zu helfen, beschreiben, was aus einem Platz geworden ist, auf dem zu Sowjetzeiten Menschen erschossen wurden. In was für einem Land leben Sie eigentlich?

Es sind viele Länder. Es gibt so viele Abzweigungen, Abbiegungen, Wendungen. So viele Sichtweisen. Mich haben immer die Ränder dieser „Länder“ interessiert. Die Menschen im Schatten, die unbedeutend sind, die kleinen Leute. Sie fallen den Mächtigen kaum auf. Für mich aber sind das interessantere Menschen, weil sie den Versuchungen der Macht trotzen und sich von den Anforderungen dieser Macht nicht unterkriegen lassen. Es sind Menschen, die innerlich frei und unabhängig sind. Denn diejenigen, die nach Größe streben, nach einem wie auch immer gearteten Stück Macht, verändern stark ihr Verhalten. Ja, ihr Verhalten wird durch die harten politischen Gesetze entstellt. Die aber, die in der Minderheit bleiben, die nichts von der Macht fordern, entpuppen sich als menschlicher und vielfältiger. Seit meiner ersten Erzählung schreibe ich über diese kleinen Leute, was ja Tradition hat in der russischen Literatur. Schon Gogol und Dostojewski beschäftigten sich mit ihnen. Noch heute gibt es solche „Akaki Akakijewitschs“ in unserem Land.

Einem Land, für das Sie sich schämen, dessen aggressive Unbildung, Nationalismus und imperiale Großmachtsucht Sie anprangern und die moralische Orientierung des Volkes für verloren erachten. Warum sagen Sie Europa „Leb wohl“?

Das ist historisch zu sehen: Mal nähert sich Russland Europa an, dann entfernt es sich wieder, sowohl politisch als auch wirtschaftlich und kulturell. Es sind starke Pendelbewegungen, die wir sehr gut kennen. Aber es birgt vor allem dann, wenn sich unser Land wieder weg von Europa bewegt, eine große Gefahr in sich. Der einzelne Mensch wird zu einem Nichts, zu einer Schraube im System, wie Stalin das nannte.

Heute heißt diese Suche nach einer vermeintlich östlichen Identität „Die russische Welt“, man kultiviert sie mithilfe des Nationalismus, der sogenannten Selbst-Vergötterung. Der russische Philosoph Wladimir Solowjow schrieb bereits im 19. Jahrhundert darüber: Von der Selbst-Erniedrigung gehe es zur Selbst-Achtung bis hin zur Selbst-Überhöhung.

Diese Selbst-Überhöhung, so meinte Solowjow, führe zum Tod der nationalen Kultur. Seine damaligen Worte beschreiben recht genau die heutige Situation in Russland. Es verwandelt sich von einem Land vieler Kulturen in ein monokulturelles Land. Die Abwendung von Europa hat sich in einer fixen nationalen Idee manifestiert, nach dem Motto: „Wir können alles selbst.“ Ich finde das wahnsinnig erschreckend, denn es entsteht eine in jeglicher Hinsicht gefährliche Isolation. Die Wirtschaft liegt brach, die Technologien entwickeln sich nicht weiter, mit der Kultur sieht es nicht besser aus. Wie unsere ehrgeizige Führung aus dieser Lage wieder herausfinden will, ist vollkommen unklar. Das Ergebnis dieser Illusion, es auch ohne Europa zu schaffen, macht sich auf vielen Feldern bereits bemerkbar. Nur sieht das nicht jeder.

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