So ganz wohl scheint sich Didier Eribon nicht zu fühlen, mit der großen Aufmerksamkeit, die ihm in Deutschland gerade zuteil wird. Ein Termin jagt den nächsten während seines Berlin-Aufenthalts. Blaues Hemd, braune Hose, dicke Brille. Eribon wirkt unscheinbar. In seiner Autobiografie „Rückkehr nach Reims“ schildert er seine Kindheit im Arbeitermilieu der nordfranzösischen Stadt Reims und den Aufstieg des rechtsextremen Front National.

Monsieur Eribon, zurzeit scheint hierzulande jeder Ihr Buch zu lesen. Sie füllen mit Ihren Lesungen Theaterhäuser. Woher, glauben Sie, kommt das Interesse an Ihrem Buch in Deutschland?

„Rückkehr nach Reims“ ist eigentlich eine Autobiografie. Ich entstamme der Arbeiterklasse, meine Eltern schufteten ihr Leben lang in einer Fabrik. Ich selbst wurde in diesem Milieu nie heimisch. Ich zog nach Paris, studierte und kehrte erst wieder nach dem Tod meines Vaters in meine Heimatstadt Reims zurück. In einem Kapitel widme ich mich der Frage, warum Fabrikarbeiter wie meine Mutter, die immer linke Parteien gewählt hatten, in den 80er-Jahren anfingen, den rechtsextremen Front National (FN) zu wählen. Deutschland befindet sich seit etwa zwei Jahren in einem ähnlichen Prozess und viele Deutsche fragen sich, warum ihre Mitbürger jetzt die AfD wählen.

Sie sprechen von „Klassen“. Das ist ein Wort, das in Deutschland im politischen Diskurs nur noch selten verwendet wird.

Das ist in Frankreich ähnlich. Der Begriff Klasse gilt als altmodisch und marxistisch. Klassen gibt es gar nicht mehr, heißt es jetzt. In den 80ern hat vor allem die sozialistische Partei in Frankreich versucht, die Existenz einer Sozialstruktur nach Klassen zu verleugnen. Stattdessen sprach man von der Selbstbestimmtheit des Individuums und dessen Verantwortung für sich selbst. Man sagte den Leuten: „Wenn du arbeitslos bist und keinen Schulabschluss hast, ist das deine schuld.“

Wozu führte das?

Damit nahm man den Arbeitern ihre Identität. Das Problem ist: Klassen existieren, auch wenn keiner darüber sprechen möchte. Und in dieses Vakuum stieß der FN. Marine Le Pen hat vor einigen Tagen noch in einer Rede gesagt: „Wir sind diejenigen, die für die Arbeiterklasse kämpfen.“ Die AfD in Deutschland und Ukip in Großbritannien machen das Gleiche.

In Deutschland ist Rechtspopulismus noch ein recht neues Thema. Haben Sie hier ähnliche Entwicklungen beobachtet wie in Frankreich.

In Deutschland hat es in den vergangenen Jahrzehnten eine Prekarisierung der Arbeit gegeben. Und wie in Frankreich waren es auch in Deutschland die linken Parteien unter Kanzler Schröder, die das politisch durchgesetzt haben. In Großbritannien hat die Labour-Regierung sich ebenfalls nicht um die Arbeiterklasse gekümmert, obwohl das eigentlich ihr Klientel sein müsste. Wenn man sich anschaut, wer für den Brexit gestimmt hat, dann deckt sich das mit den Gebieten, die von der Deindustrialisierung am stärksten betroffen waren.

Die rechten Parteien geben sich aber nicht nur als Vertreter der Arbeiterklasse aus, sondern auch als Vertreter des „Volks“ und wettern gegen Zuwanderer.

Genau das macht der FN. Er erschafft einen Bedeutungshorizont, in dem „wir, die Franzosen“ den „Immigranten“ gegenüber stehen – und auch den Eliten, die die Zuwanderer ins Land gelassen haben. Die nationale Identität ersetzt die Arbeiteridentität.

Nun sind die von der politischen Elite offenbar Vergessenen ja nicht nur Opfer, sondern zum Teil auch Täter. In Deutschland werden fast täglich Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte verübt.

Ja, und das ist durch nichts zu rechtfertigen. Rassismus hat es in der Arbeiterklasse leider schon immer gegeben, Homophobie übrigens auch. Ich habe das als Jugendlicher leider mitbekommen und schreibe darüber auch in meinem Buch. Aber der Philosoph Jean-Paul Sartre schrieb: „Im normalen Leben ist ein französischer Arbeiter zwar rassistisch. Aber sobald es einen Arbeiterstreik gibt, kommen selbst die Menschen zusammen, die sonst verfeindet sind.“ Man muss den Arbeitern einfach einen Bedeutungshorizont geben, in dem Rassismus und Homophobie keine Rolle spielen.

Was könnte man den Menschen denn bieten?

Wir brauchen auf jeden Fall keinen „linken Populismus“. Wenn man die Sprache des Feindes spricht, hat der Feind gewonnen. Die soziale Situation der Arbeiterschaft muss sich verbessern. Vor allem aber müssen linke Strömungen mehr auf Vernetzung setzen. Es sollte eine gemeinsame linke europäische Öffentlichkeit geben. Die rechten Parteien in Europa sind untereinander sehr gut vernetzt. Linke Bewegungen sollten sich auch über Ländergrenzen hinweg organisieren.

Aber gerade diese internationalen Netzwerke sind doch oft elitär.

Man muss eben versuchen, möglichst viele Menschen in diese Netzwerke zu integrieren. Ein gutes Beispiel ist die spanische linke Partei Podemos. An denen kann man viel kritisieren, vor allem die linksnationalistische Rhetorik. Aber sie arbeiten mit Gewerkschaften zusammen, mit NGOs und mit Aktivisten. So bildet die Partei einen Bezugspunkt, um den herum sich dynamische Netzwerke bilden können.

Wagen wir einen Ausblick auf die Präsidentschaftswahl in Frankreich im kommenden Jahr? Es sieht nicht danach aus, dass ein linker Kandidat gewinnen wird.

Da sieht es tatsächlich düster aus. Wir haben mit François Fillon einen rechten Katholiken als Kandidat. Er wird von erzkonservativen Kräften gestützt und nennt Margaret Thatcher sein Vorbild. Auf der anderen Seite haben wir Marine Le Pen, die rechte Wähler bindet. Ich denke diese beiden werden in die zweite Runde kommen und Fillon dann deutlich gewinnen. Das könnte heißen, dass sich die Situation der Arbeiterschaft noch weiter verschlechtert.