Wird es wieder Ärger geben? „Verräter. Die letzten Tage“ heißt das neue Stück von Falk Richter, das am Freitag im Gorki-Theater in Richters Regie uraufgeführt wird. Spätestens seit „Small Town Boy“, das Richter in der ersten Spielzeit der Shermin-Langhoff-Intendanz herausbrachte, kommt es in seinen Stücken immer wieder zu inszenierten Wutausbrüchen und Hasstiraden, mit denen seine Figuren gegen den Rechtsruck der Gesellschaft, gegen Rassismus, Sexismus, Homophobie und Fremdenfeindlichkeit anschreien. Bei seiner Schaubühnen-Produktion „Fear“ (2015) fühlten sich Politikerinnen von der AfD und der CDU angegriffen, dass sie vor Gericht zogen − und verloren. Ab nächster Spielzeit ist Falk Richter Hausregisseur am Hamburger Schauspielhaus und wird dort die Uraufführung des Trump-Stücks „Auf dem Königsweg“ inszenieren, geschrieben von Elfriede Jelinek, die es als eigentliche Erfinderin des ausufernden Wut-Monologs zur Literaturnobelpreisträgerin gebracht hat. Wir haben mit Falk Richter über Macht und Ohnmacht des Theaters angesichts des überall auf der Welt weiter erstarkenden Rechtspopulismus gesprochen.

Herr Richter, „Die letzten Tage“ lautet der Untertitel Ihres neuen Stücks. Droht ein Weltuntergang?

Das können wir natürlich vorher nicht genau wissen. (Lacht bitter.) Durch Trump hat die nationale völkische Bewegung noch mehr Rückenwind bekommen. Frankreich, Ungarn, Polen, England, die Niederlande, Israel… In Deutschland ist es die AfD. Damit beschäftige ich mich bei der Recherche und bei den Proben. „Die letzten Tage“ drückt eher ein Gefühl aus von Menschen, die fürchten, die letzten Tage der Freiheit und der Demokratie zu erleben. Und diese Ängste sind nicht unbegründet. Es ist etwas ins Rollen gekommen, das sich nicht mehr aufhalten lässt. Die Bewegung ist größer, als ich mir das noch vor zwei Jahren hätte vorstellen können.

Keine Hoffnung?

Vielleicht sind wir ja auch gerade Zeugen der letzten Tage dieser völkisch-nationalen Denkweise. Vielleicht wird Trump das rettende Fanal für Europa. An seinem monströsen Beispiel wird uns klar, dass wir keine unmenschliche Politik wollen. Wir wollen nicht, dass die Gesellschaft gespalten wird, dass die verschiedenen Minderheiten – dass wir gegeneinander aufgehetzt werden.

Also das hätte einem auch schon vor Trump klar sein können.

Sicher. Diese Leute sind ja auch Boten für etwas, das in den letzten Jahren in unserer Gesellschaft falsch gelaufen ist, Dass es bei der Globalisierung und Neoliberalisierung nicht gerecht zugeht, trifft ja zu. Aber ihre Lösungsansätze sind alle rassistisch, homophob, frauenfeindlich und menschenverachtend und lösen absolut keine Probleme, sondern schaffen nur neue.

Wird das Stück Argumentationshilfe in der Auseinandersetzung mit den Rechten leisten?

Vielleicht auch, aber nicht in erste Linie. Wie schon beim 11. September, wie 2008, bei der Finanzkrise, ist jetzt die Trump-Wahl ein Moment, in dem ich selbst noch nicht weiß, wohin es geht. Ich bin an einem Punkt, an dem ich prüfen muss, ob die Sprache und das Theater überhaupt der Weg sind, dagegen anzukämpfen. Die Sprache verändert sich gerade stark. Dieser rechtsnationale Jargon wird immer breiter und findet seinen Weg in die Medien des Mainstreams. Begriffe werden umdefiniert oder ausgehöhlt. Sachen werden gesagt, um Reaktionen zu erzielen, und dann zurück genommen. Das sind sprachliche Veränderungen, Auflösungserscheinungen und Strategien, die mich als Autor beschäftigen. Was passiert, wenn jeder sagen kann, was er will, weil es scheinbar nichts bedeutet. Ich versuche, spielerisch damit umzugehen. Es ist ja Theater, ich will die Diskurse ins Flirren bringen. Mit subversiven Mitteln dagegen anschreiben.

Stimmt die Beobachtung, dass Ihre erste Gorki-Produktion „Small Town Boy“ von 2014 eine Zäsur in Ihrem Schaffen ist? Es scheint, als würden Sie seitdem die Bühne aufreißen und zum Ort der politischen Gegen-Agitation machen. Da verwenden Sie zum ersten Mal das Mittel der Wut-Rede, mit der Thomas Wodianka als Glen zwanzig Minuten lang verbal um sich drischt.

Glen ist eine von dem Film „The Weekend“ inspirierte Figur: ein radikaler schwuler Mann, der für seine Rechte kämpft. Das Mittel ist die Umdrehung des Hass-Sprechs. Die Art, wie Wodianka da spricht, ist die Art, wie von Rechtskonservativen über Schwule gesprochen wird. Der Hass wird durch dieses Umdrehen überhaupt für viele erst spürbar in der Mehrheit der Gesellschaft. Weil dieser Hass sich immer gegen Minderheiten richtet. Und wenn man selbst nicht betroffen ist, gewöhnt man sich schnell an diese Hassattacken und kann nie nachempfinden, was es bedeutet, dem ausgesetzt zu sein. Im Theater habe ich dem Publikum einen Moment ermöglicht, in dem es das auch einmal zu spüren bekommt.

Ich kann mich gut daran erinnern.

Sie haben das in Ihrer Kritik damals enorm angegriffen. Für mich war das ein Zeichen dafür, dass der Herr Seidler mal spürt, was wir dauernd abkriegen, wenn wir als Menschen zweiter Klasse bezeichnet werden, als dysfunktional und therapiebedürftig. Glen dreht den Spieß um und greift an. Dazu verlässt er die Opferposition. Alles, was er geschluckt hat in seinem Leben, kotzt er jetzt einfach so wieder aus. Er macht das zu einer Waffe und schlägt zurück. Bei allem, und das darf man nicht vergessen, bleibt es Theater. Das heißt, der spricht nicht für sich und nicht für mich als Autor. Das ist nicht meine Rede, bitte nicht verwechseln.

Nein, ich habe das nicht verwechselt. Die irritierende Wirkung hat bei mir durchaus stattgefunden, auch wenn ich gar nicht angegriffen wurde. Es geht ja gegen Russen, Rassisten, Schwulenfeinde, kinderlose Politikerinnen… Damit fühle ich mich nicht angesprochen. Mir war auch klar, dass Sie nicht zur Rache aufrufen. Verunsichert war ich vor allem über die Reaktion des Publikums. Und zwar deshalb, weil es meiner Meinung auch völlig unirritierten zustimmenden Applaus gab.

Es gibt auch schwule, lesbische oder bisexuelle Zuschauer, die den Text schlimm finden. Der Text ist total umstritten. Es ist sowieso ein Irrtum, dass im Gorki alle Zuschauer einer Meinung sind. Es gibt dieses Klischee. Ich arbeite in vielen Häusern, aber hier wird mit am kontroversesten diskutiert. Schon weil es hier alle möglichen Minderheiten gibt, die Dinge miteinander zu laufen haben. Aber es gibt sicher auch welche, denen Glen aus dem Herz spricht, die das Gefühl haben, wir haben die Schnauze voll, wir schlagen jetzt zurück. Das ist pädagogisch sicher nicht sonderlich geeignet für 14-jährige Schüler. Aber es hat auch etwas enorm Befreiendes. Leute, die sich von der Gesellschaft nur über Negativzuschreibungen wahrgenommen fühlen, finden aus der Opferhaltung und werden selbst aktiv, also Täter. Das Theater ist auch ein Spiel mit Sprech- und Argumentationsweisen. Ich stelle sie auf eine Bühne, sie sind eingerahmt, man kann sie sich angucken und sich dazu positionieren.

Bei „Fear“ in der Schaubühne war der Rahmen gesprengt. Die ausgestellten Sprechweisen wurden pur genommen und wurden zum Gegenstand einer juristischen Klage.

Im Fall von „Fear“ kam etwas Besonderes hinzu. Durch diese rechtsnationale Bewegung sind noch einmal andere Vorgehensweisen in Gebrauch gekommen. Das Verbreiten von Fake-News zum Beispiel. Bevor es überhaupt zum Gerichtsverfahren kam, hat Beatrix von Storch, wie sie es ja auch mit anderen gemacht hat, Dinge über mich verbreitet. Sie hat behauptet, dass das Premierenpublikum ihr Auto angezündet hätte. Das ist meiner Meinung nach schon zeitlich gar nicht möglich. Außerdem machen Schaubühnen-Zuschauer so etwas nicht. Die wissen doch nicht, wo das Auto von Frau von Storch steht, wie es aussieht und vermutlich wissen sie auch nicht, wie man überhaupt ein Auto anzündet. Aber in den Storch-Netzwerken hat diese Geschichte enorm funktioniert und etwas ins Rollen gebracht. Schaubühne hetzt Mob auf! Es ist erstaunlich, dass das überhaupt jemand geglaubt hat. Dass man dem Theater zutraut, Leute zu Verbrechen aufzuwiegeln.

Wie verführerisch: Ein Theater, das vielleicht nicht zu Verbrechen, aber zur Weltverbesserung aufwiegelt.

Ich fürchte nur, dass es so nicht funktioniert, sonst könnten wir uns einfach hinstellen und sagen, schützt die Umwelt, behandelt eure Frauen gut, seid freundlich zu Tieren, zollt Minderheiten Respekt… Nicht nur, dass die Zuschauer sich nicht daran halten würden, sie würden vermutlich gleich gar nicht mehr kommen. Also das war ein besonderer Fall von Profipopulismus.

Na ja. Das ist doch ziemlich nach hinten losgegangen. Die Populistinnen haben für Ihre Publicity gesorgt: Wann war die Schaubühne mal in den Tagesthemen. Manche könnten denken, dass Sie es darauf abgesehen hätten. Bingo, er hat’s geschafft, er ist jetzt mal raus aus dem kleinen kulturelitären Öffentlichkeitswinkelchen.

Das war sehr ambivalent. Gut ist, dass man das hierzulande vor einem Gericht aushandeln kann. Aber in den Netzwerken und in deren Blogs kursieren diese falschen Zitate und Behauptungen einfach weiter. Ich hatte mehrere Interviews und viel Öffentlichkeit, aber das würde ich gern alles hergeben, wenn es diese Rechtspopulisten einfach nicht mehr gäbe. Es war anstrengend und eklig. Diese Trolls auf der Schaubühnen-Seite, was wurde mir nicht alles vorgeworfen. Ich sei der schlimmste Hetzer seit Goebbels und würde wollen, dass das deutsche Volk ausstirbt. Klingt satirisch, aber wenn man es an sich heran lässt, ist es schlimm. Mein Vater, der die Nazizeit noch mitbekommen hat, hat sich eine Zeitlang richtig Sorgen um mich gemacht. Mittlerweile bin ich da ganz entspannt. Hab auch immer weniger Lust, über „Fear“ zu reden. Ich bin schon ganz woanders.

Tut mir leid. Aber in Ihrem neuen Stück ist der Feind ein ähnlicher. Und Sie werden Ihre Haltung nicht korrigiert haben, um Ruhe zu bekommen.

Nein, aber ich habe auch viel gelernt dabei. Darüber, wie das gemacht wird, wie jemand verleumdet und eingeschüchtert wird. Ich durchschaue jetzt diese Methoden und leide nicht mehr darunter.

Wird es wieder ein Falk-Richter-Stück geben mit Dialogen, Figuren und Entwicklung?

Also in dem aktuellen Stück sind auch die Tage des Dialoges gezählt. Alle Dialogversuche werden abgebrochen, weil wir zu dem Ergebnis kommen, dass die Leute heute nicht mehr miteinander sprechen. Die stellen nur noch ihre Textflächen in den Raum. Ich will das in dem Stück auch zeigen, dass die Leute nicht mehr miteinander reden, sondern nur noch abwechselnd ihre Haltungen rausknallen ohne zu hören, was der andere sagt. Enorm aggressiv. Das gilt vor allem im virtuellen Raum, in den Kommentarspalten, da geht es zur Sache. Die bekriegen sich, wollen einander mundtot machen, nicht miteinander diskutieren. Dem versuche ich Rechnung zu tragen. Also: nee. Es gibt weniger Dialoge, es gibt ein paar Anläufe, aber letztlich landen sie schnell wieder beim Monolog.