Interview mit Filmemacher und Autor Andreas Veiel: Der anhaltende Kick der Tat

Berlin - Als einer der wenigen Künstler hat sich der Filmemacher Andres Veiel (52) sowohl mit Phänomenen linker als auch rechter Gewalt befasst. Sein Dokumentarfilm „Blackbox BRD“ ist ein Klassiker über den Terror der RAF. In „Der Kick“, das als Film, Buch und Theaterstück erschien, untersucht Veiel einen realen Mord, der dem rechtsradikalen Milieu zugeordnet wurde.

Auf dem rechten Auge blind?! lautete die Frage, nicht selten auch die Diagnose nach der Entdeckung der Zwickauer Zelle. Sie haben sich in Ihren Filmen sowohl mit linker als auch mit rechter Gewalt beschäftigt. Welche Unterschiede gibt es?

Wenn man sich das Ergebnis des Terrors anschaut, gibt es Gemeinsamkeiten, z.B. die Erstellung von Todeslisten, das Phänomen der Propaganda des Schreckens. Es gibt aber auch große Unterschiede. Die RAF hat sich als Teil einer weltweiten Bewegung gesehen. Man wähnte sich etwa an der Seite der internationalen Befreiungsbewegungen. Die RAF ist nicht zu denken ohne die Ereignisse der Sechzigerjahre, die Empörung über den Vietnam-Krieg. Das Primat des Handelns wurde bei der RAF abgeleitet von der drohenden Gefahr einer Wiederkehr des Faschismus. In der Geschichte der rechtsextremen Gewalt, insbesondere in den letzten 20 Jahren in Ostdeutschland, finden sich ganz andere Treibsätze.

Welche sind das?

Wir wissen ja noch zu wenig über die Täter. Aber was man bereits über sie sagen kann, fügt sich zu einem Bild. Sie sind erwachsen geworden in der Zeit nach der Wende, in der die Empörung über das, was der Elterngeneration genommen wurde, überall spürbar war. Das wurde oft mit einem Gefühl der Demütigung und des Verlustes wahrgenommen. Das Angebot, das rechte Gruppierungen ihren Mitgliedern machten, ist das Versprechen einer Aufwertung qua Geburt. Wenn ich als Deutscher geboren bin, bin ich besser, als jene, die von außen kommen. Ein weiteres Angebot sind die Insignien rechter Gewalt. Bomberjacken und Springerstiefel verleihen eine Macht, die der Elterngeneration verloren gegangen ist.  Die Löcher, die Desorientierung und Entwurzelung gerissen hatten, füllten diese Gruppen mit Männlichkeitsritualen und Gewalt. Das war eine universelle Sprache, die sofort verstanden wurde und die auch einschüchterte. Daraus ist letztlich so etwas wie der Auftrag erwachsen, die Schwäche der Väter zu kompensieren. Genau das war ja in Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen zu beobachten. Als die Asylantenheime von den Jungen angezündet wurden, standen die Alten auf der Straße und applaudierten.

Das auffälligste  Merkmal der Zwickauer Zelle ist das Fehlen eines Bekennerschreibens.

Das legt nahe, dass wir insbesondere den individuellen Kontext der Täter betrachten müssen. Es gab offenbar kein vorrangiges Bedürfnis, die Taten propagandistisch auszuschlachten. Bei Al Kaida ging es ja gerade um die Bildlichkeit der Tat. Die einstürzenden Twin Towers wurden zum Symbol schlechthin. Bei der Ermordung Alfred Herrhausens durch die RAF spielte die Limousine, in der er getötet wurde, eine herausragende Rolle. Das Symbol des vermeintlichen Schutzes wurde zerstört. Das sollte sagen: Wir kriegen jeden, auch denjenigen, der glaubt, besonders sicher zu sein. Es ging nicht um die Tat an sich. Das Bild der zerstörten Limousine war das Projektil, mit dem der Terror in das gesellschaftliche Bewusstsein eindrang.

Was sagt das über Täter, die darauf verzichten?

Man kann vermuten, dass die Tat selbst im Vordergrund steht und nicht deren Wirkung. Es ging vermutlich auch darum, im Kick der Tat weiterleben zu können. Auf ein ähnliches Motiv bin ich bei meinen Recherchen über die Täter von Potzlow in der Uckermark gestoßen, wo drei Jugendliche einen gemeinsamen Kumpel über einen sehr langen Zeitraum gequält und schließlich getötet haben. Es ging dabei auch um das Erleben eines rauschhaften Lustgefühls. Im Blutrausch wurden die Jugendlichen zu Herren über Leben und Tod. Das ist übrigens auch ein Unterschied zur RAF. Die hat sich nicht am Blut des Opfers ergötzt. Das war vielmehr aus ihrer Sicht ein Kollateralschaden, der dann mit einer aberwitzigen Binnenlogik gerechtfertigt wurde. Die Abbildung des Augenblicks des Sterbens wurde ausdrücklich vermieden.

Gibt es einen gesellschaftshistorischen Zusammenhang, aus dem politische Gewalt immer wieder neu hervorgeht?

Historisch betrachtet kann man sagen, dass diese Art des planmäßigen und organisierten Tötens durch die RAF derart desavouiert worden ist, dass diese sich schließlich auflösen musste. Wenn es anders gewesen wäre, würde es RAF ja möglicherweise noch geben. Die RAF ist dreifach gescheitert: politisch, wirkungsgeschichtlich und ethisch-moralisch. So gesehen ist es sehr atypisch, dass die Zwickauer Zelle nun ein terroristisches Muster kopiert hat, ohne bekannte Formen der Propaganda der Tat zu verwenden. Hinsichtlich der Muster rechter Gewalt fehlt zum Beispiel der Kontext der Gruppengewalt, aus dem heraus eine Tat begangen wird. Rechte Gewalt ist bisher eher als eine marodierende Gewalt im Zusammenhang mit Kumpanei und Männlichkeitsattributen verübt worden. Diese neue Kaltblütigkeit des Zwickauer Trios ist vor dem Hintergrund der deutschen Erfahrungen mit dem Scheitern der RAF ebenfalls atypisch. Sie fällt in vielfacher Hinsicht aus den bekannten Erklärungsmustern heraus.

Auf die Öffentlichkeit wirken die Ereignisse dennoch wie ein Déjà vu. Kann man von Konjunkturen der Wahrnehmung sprechen?

Man muss sehen, dass die Staatsanwaltschaften in den 90er-Jahren durch Neustrukturierung, aber auch durch Überforderung, lange einen Kurs der falsch verstandenen Toleranz gefahren haben. Das führte Ende der 90er-Jahre zu ähnlichen Reaktionen wie wir sie jetzt auch erleben. Es kam zu dem Vorwurf, auf dem rechten Auge blind zu sein. Im Beispiel von Potzlow führte das zu dem starken Drang, den Fall als rechtsradikale Tat zu markieren. Noch bevor die Anklageschrift erstellt worden war, stand die Wertung bereits fest. Potzlow sollte gewissermaßen für eine rechtsextreme Tat stehen, bei der nicht weggeschaut wurde. Dabei besteht natürlich die Gefahr, dass vieles auch wieder verdeckt wird. Jenseits der Diskussion um die Versäumnisse von Ermittlungsbehörden und Verfassungsschutz ist die entscheidende Frage für mich die nach der Tat und den Tätern.

In Literatur, Film und Kunst mangelt es ja nicht an Auseinandersetzungen mit nazistischer Gewalt. Die taz sprach kürzlich von einem nostalgischen Reflex, in dem das Inspirationspotenzial für politische Gewalt nicht mehr ernst genommen wird. Trifft das zu?

Es gibt Filme, die mit Blick auf politische Gewalt sehr viel geleistet haben. „Im toten Winkel“ von André Heller über Hitlers Sekretärin Traudl Junge, Bonengels „Beruf Neonazi“ oder die Filme von Thomas Heise. Aber man muss auch klar sehen, dass diese Filme gerade wegen ihrer komplexen Erzählweisen und der Verarbeitung des Materials nur ein begrenztes Publikum erreichen. Und man muss auch ganz nüchtern sagen: Diese Filme machen es einem nicht leicht, sie machen Arbeit. Wichtig ist, dass man weiß, für wen man das macht.

Man hört nun wieder den Vorwurf des gesellschaftlichen Wegschauens. Müsste es nicht vielmehr heißen: Wir schauen nicht genau genug hin?

Man muss sich noch einmal die Entwicklung der letzten Jahre klar machen. Es hat sich ein bürgerschaftliches Engagement entwickelt, das deutlich gemacht hat: Bei uns nicht. Das reichte vom Bürgermeister bis zum Restaurantbetreiber, allein schon aus pragmatischen Gründen. Ein braunes Image schadet dem Tourismus. Es gibt inzwischen wieder eine vermittelnde Mittelschicht, die es Anfang der 90er-Jahre so gewiss nicht überall gab. Darauf hat sich selbst die NPD eingestellt, die versucht hat, wieder stärker in die Mitte zu rücken. Die rechtsextremen Schlägertruppen wurden stärker an die Kette genommen. Es gab, wenn man so will, einen Trend zur akzeptablen Radikalisierung. Man könnte also sagen, dass die offene Straßengewalt aus taktisch-strategischen Gründen tatsächlich abgenommen hat. Es war ja so, dass 2002 die Gefahr, Opfer einer rechten Straftat zu werden, in den neuen Ländern achtmal größer war als im Westen. Das hat später deutlich abgenommen. Angesichts solcher äußeren Faktoren gab es ja auch gute Gründe, nicht alarmistisch zu sein. Es ist in struktureller Hinsicht viel Positives passiert. Wenn man nun aber sieht, welche Aufmerksamkeit die Mordserie bekommt, dann besteht durchaus die Gefahr von Nachahmern und Trittbrettfahrern.

Das Gespräch führte Harry Nutt.