Berlin - Andres Veiel hat Dokumentarfilme über alles Mögliche gedreht: über die Deutsche Bank und die Rote Armee Fraktion, über Schauspielschüler und zuletzt über den Künstler Joseph Beuys. Doch zu einem Thema zieht es ihn immer wieder zurück: Banken und Finanzmärkte.

Warum? „In meinen Gesprächen mit Bankern ist mir klar geworden, dass an den Finanzmärkten unsere Zukunft verhandelt wird“, sagt er und zeigt auf den Cafehaus-Tisch: „Es gibt Finanzwetten auf den Kaffee, den ich trinke und Wetten auf den Zucker darin und auf das Metall meiner Brille, wir alle sind Spielfiguren auf einem großen Wettfeld.“ Das geht auf die Dauer nicht gut, so Veiel.

Sein neues Projekt handelt daher von der Krise – von der, die derzeit auf uns wartet und aus der wir etwas lernen sollen.

Herr Veiel, Ihr neues Theaterstück spielt im Jahr 2028. Sein Thema ist die Aufarbeitung der nächsten großen Finanzkrise, die Sie auf das Jahr 2026 datiert haben. Warum gerade 2026?

Das ist natürlich willkürlich. Wir hätten auch 2020 nehmen können, aber das wäre uns zu nah an der Aktualität gewesen. Spätere Zeitpunkte wie 2050 wiederum lägen zu weit in der Zukunft und hätten keinen Bezug mehr zur heutigen Zeit.

Seit der jüngsten Finanzkrise ist viel geschehen: Banken müssen mehr Eigenkapital vorhalten, der Finanzsektor wird schärfer kontrolliert. Was macht Sie so sicher, dass die nächste Krise kommt?

Es stimmt, Banken haben heute ein minimal dickeres Polster, sie müssen sich Stresstests unterziehen, und bei Bankpleiten muss nicht länger der Staat sofort einspringen. Aber es ist immer noch so, dass der Realwirtschaft ein Finanzsektor gegenübersteht, der um ein Vielfaches größer ist. Unmassen von Geld vermehren sich weiter quasi aus sich heraus. Das Geld fließt dorthin, wo es den größten Ertrag erzielt und nicht dahin, wo es gebraucht wird. Früher oder später muss das zu einer Blasenbildung führen. Und damit zum Crash.

Sie haben viele Gespräche mit Bankern und Großinvestoren geführt. Halten die Sie für einen Narren?

Absolut nicht. Auch hier höre ich, dass die nächste Krise bloß eine Frage der Zeit ist. Auch die Banker sehen dieses Auseinanderklaffen der Realwirtschaft und einer Geldmenge, die nichts mehr mit der Produktion von realen Gütern zu tun hat. Und viele von ihnen sehen in den neuen  Absicherungsregeln lediglich symbolische Maßnahmen.

Warum sagen die Banker das nicht öffentlich?

Es gibt eine große Angst vor einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Bloß nicht über die Krise sprechen, weil: Dann kommt sie.

Aber sie kommt doch ohnehin?

Das schon. Aber bis dahin wollen die Investoren noch hohe Profite machen. Ich hatte 2002 ein Gespräch mit einem hochrangigen deutschen Banker, der ebenfalls auf die Liquiditätsblase hinwies. Auf meine Frage, welche Konsequenz er daraus ziehe, sagte er: Erstens melken wir die Kuh, solange sie Milch gibt. Zweitens: Bevor sie stirbt, müssen wir rechtzeitig auf den Tod der Kuh wetten. Das ist die Logik – so viel Geld verdienen wie möglich. Und wenn in der Krise überschüssiges Kapital vernichtet wird, dann darf es halt nicht das eigene sein.

Der Mensch ist eben ein Egoist.

Wir alle haben gute und schlechte Seiten. Es spielt aber keine Rolle, wie der Mensch in seinem tiefsten Inneren wirklich ist. Fakt ist: Das herrschende Wirtschaftssystem belohnt egoistisches Verhalten, auch wenn es anderen schadet. Und die herrschende Wirtschaftslehre behauptet, das sei kein Problem, weil sich im Wettbewerb die einzelnen Egoismen gegenseitig neutralisieren. Dabei wird der Faktor Macht komplett ausgeblendet. Der ideale Markt der Ökonomen kennt keine Macht. Aber sie existiert.

Sie haben bereits ein Stück über die Finanzkrise gemacht, allerdings über die vergangene: In „Das  Himbeerreich“ sprachen die Schauspieler Sätze, die Sie aus vielen Interviews mit Bankern gesammelt hatten, also quasi Original-Zitate aus der Realität. Warum jetzt noch einmal die Krise auf die Bühne bringen?

„Im Himberreich“ spielte zu einem Zeitpunkt, als die Krise schon geschehen war, als es also zu spät war und wir begreifen wollten, was zu diesem Chaos geführt hat. In dem neuen Stück setzen wir die Krise auf das Jahr 2026 und etablieren für das Jahr 2028 einen Untersuchungsausschuss, der auf internationaler Ebene den Ursachen dieser Krise nachgeht und untersucht, wer die Verantwortung trägt – und damit in in die Gegenwart hineinreicht und die Frage stellt: Was hätten wir heute anders machen sollen?

Der Internationale Währungsfonds ist recht optimistisch, was die Lage angeht. Die Weltwirtschaft wächst wie seit Jahren nicht mehr. Das wird knapp mit der Krise schon 2026...

Es ist kennzeichnend für Krisen, dass sie nicht erwartet werden. Sie entstehen, wenn alle sich sicher fühlen.

Janet Yellen, die Chefin der US-Zentralbank, sagte jüngst, sie rechne auf absehbare Zeit nicht mit einer neuen großen Finanzkrise. Nicht zu unseren Lebzeiten, sagte sie „not in our lifetime“.

Ich denke, das ist eine Beruhigungspille. Das ist, was uns erzählt wird: Die Euro-Zentralbank macht über Stresstests die Banken sicher, Bundeskanzlerin Angela Merkel sorgt für Stabilität, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kuriert mit Reformen den französischen Patienten, alles wird gut! Aber jede dieser Nachrichten ist auch interessengeleitet.  Jede dieser Nachrichten bewegt hunderte von Milliarden Euro.