Interview mit Filmregisseur Eran Riklis: Verständigung ist möglich

Seit mehr als 20 Jahren gehört Eran Riklis zu den wichtigsten und erfolgreichsten Regisseuren Israels. Sein neuer Film „Dancing Arabs“ ist die Verfilmung des Romans „Tanzende Araber“ von Sayed Kashua. Die Geschichte des jungen Palästinensers Eyad, der als erster Araber überhaupt ein jüdisches Elite-Internat in Jerusalem besuchen darf, feierte beim Filmfestival von Locarno gerade eine umjubelte Premiere.

Herr Riklis, ich wollte Ihnen zur Weltpremiere Ihres Films hier in Locarno gratulieren. Aber eigentlich fand die woanders statt…

Die Weltpremiere stand zur Eröffnung des Filmfestivals von Jerusalem am 10. Juli an. Doch da war die Sicherheitslage in meiner Heimat schon so, dass die Behörden die feierliche Open-Air-Veranstaltung absagten. Es gab dann nur ein Screening in einem Kino. Also ist das hier in Locarno zumindest die gefühlte Weltpremiere.

Als Sie den Film drehten, konnten Sie nicht ahnen, dass die Situation in Israel so eskalieren würde...

Für den Film ist das gleichermaßen Fluch wie Segen. Einerseits bestätigt sich, wie relevant der Film ist: Er spielt zwar in den frühen 1990ern, doch wir haben heute genauso wenig ein Rezept für ein harmonisches Nebeneinander von Arabern und Juden wie damals. Andererseits ist das Thema derzeit so aufgeladen, dass ich fürchte, manche Verleiher lassen von einem solchen Film lieber die Finger. Überall hat man Berührungsängste, nicht nur in Israel. Und wer weiß, ob die Leute sich auch noch im Kino mit der Nahost-Thematik beschäftigen wollen, wenn sie schon dauernd in den Nachrichten damit konfrontiert werden.

Wie sehen Sie die aktuelle Situation?

In Israel sind wir es gewohnt, dass die Lage alle paar Jahre eskaliert. Aber sie erscheint mir dieses Mal extremer als sonst. Der Tonfall, das Ausmaß und die Mittel in diesem Konflikt sind anders als sonst. Die ersten paar Tage verhielt sich unsere Regierung nach dem Raketenbeschuss aus Palästina noch verhältnismäßig abwartend. Bis dann plötzlich auf beiden Seiten die Gewalt losbrach wie seit langem nicht. Seither liegen die Nerven blank wie nie, Und dass im Grunde alle besonnenen Stimmen verstummt sind, ist neu.

Von außen betrachtet erscheint das alles unglaublich kompliziert...

Von innen auch! Ich weiß, wie die Sache von außen aussieht. Würde ich dafür nicht Schwierigkeiten bekommen, würde ich sagen: Wie Goliath gegen David. Hier der große Apparat der israelischen Armee, bei der jeder Schlag enorme Wirkung zeigt. Dort die deutlich schlechter ausgerüsteten Palästinenser, die fast wie chancenlose Banditen wirken. Man sollte indes nicht vergessen, dass es kein Land der Welt gibt, dass sich wochenlang aus dem eigenen Inneren mit Raketen beschießen lassen und dabei tatenlos zusehen würde. Womit ich nicht sagen will, dass unsere Reaktion darauf zwingend angemessen ist. Man muss jetzt einfach hoffen, dass sich zumindest im Nachhinein irgendwelchen positiven Konsequenzen aus der Sache ergeben.

Glauben Sie, dass das möglich ist?

Ich hoffe, dass möglichst viele, vor allem junge Menschen begreifen, dass diese Gewalt zu nichts führt. Auch deswegen wäre es wichtig, den Konflikt und die Arbeit an seiner Lösung möglichst schnell vom Militärischen ins Politische zu verlagern. Aber meine Perspektive als Künstler ist zwangsläufig eine andere – schon deswegen, weil ich mich bei Filmfestivals wie diesem hier mit arabischen Kollegen auf den gleichen Partys betrinke. In der Verbrüderung gegen das übermächtige Hollywood-Kino merken wir, dass auf gewissen Gebieten eine Verständigung problemlos möglich ist.

Spüren Sie eine Verantwortung als Künstler, sich einzumischen?

Ich empfinde es als meine Pflicht, mich einzumischen, indem ich die Themen des Nahost-Konflikts in meinen Filmen verhandele. Und zwar auf eine Art, mit der das Publikum etwas anfangen kann. Niemand hat etwas dadurch gewonnen, wenn ein Film sich lediglich darum bemüht, eine Debatte auszulösen. Er muss gesehen werden, von möglichst vielen Menschen auf der ganzen Welt!

Was können Filme bewirken?

Sie können die Aufmerksamkeit auf Themen lenken, denen sonst keine Beachtung geschenkt wird oder die bewusst ausgeblendet werden. Deswegen erzähle ich Geschichten hinter den Schlagzeilen. Es geht nicht um das Vermitteln von Informationen, sondern darum, eine emotionale Ebene zu erreichen und zum Nachdenken anzuregen. Selbst wenn man im Vorfeld schon eine Meinung hatte.

Dass auch Hollywood-Stars wie Penélope Cruz Erklärungen zum Nahost-Konflikt abgeben, ist sicher weniger hilfreich.

Allerdings. Aber das ist ja kein neues Phänomen. Kein Konflikt auf der Welt ist so aufgeladen und so präsent in den Medien wie der zwischen Israel und Palästina. Da ist es nur logisch, dass jeder meint, sich dazu äußern zu müssen, von Politikern auf der ganzen Welt über Prominente bis zum Mann auf der Straße. Daran haben wir in Israel uns schon lange gewöhnt.

Erschreckend ist der Antisemitismus in diesen Meinungen. Wie reagiert man darauf in Israel?

Für uns Israelis ist das weniger ein Thema als für die Juden in den jeweiligen Ländern. Die französischen Juden etwa reagieren gewohnt hysterisch und meinen, die Stimmung sei schlimmer als damals unter den Nazis. Ich glaube, dass sich diese Stimmung zum Teil aus allgemeiner Frustration speist. Gestern haben sie gegen die Schwulenehe demonstriert, morgen gegen die Flüchtlinge aus Afrika und heute eben gegen Israel. Ich habe kein Problem damit, dass jemand hochemotional auf den Konflikt zwischen Israel und Palästina reagiert und die israelische Regierung verurteilt. Aber ich kann nicht verstehen, warum Menschen dabei zwingend das Judentum ins Feld führen.

Interview: Patrick Heidmann.