Kann sein, dass sie in Deutschland nur Eingeweihte kennen. In Japan jedoch sind X Japan die größte Rockband der letzten Jahrzehnte, keine andere hat so viele Millionen von Platten verkauft und so oft in den größten Stadien gespielt. Und sie haben den Visual Kei erfunden: Harte Rock-Riffs kombinieren sie mit einer androgynen Ästhetik, die an den westlichen Glamrock ebenso erinnert wie an japanische Manga. Eine ganze Generation von auch in Deutschland populären Bands wie Dir en grey, Moi dix Mois oder Mucc hat diesen Stil variiert, hiesige Epigonen wie Tokio Hotel sind unübersehbar davon beeinflusst.

Von Ende der Achtziger bis 1997 feierten X Japan ihre größten Erfolge, dann lösten sie sich auf und kamen 2007 wieder zusammen. Jetzt nehmen sie erstmals seit fast 20 Jahren ein neues Album auf. Aus diesem Anlass lud X-Japan-Schlagzeuger und Songschreiber Yoshiki Hayashi (49) zur Audienz in die Präsidentensuite eines Berliner Hotels. Von Lakaien umwuselt, schritt er zum Gespräch wie ein gütiger König, der wie eine Mischung aus Marilyn Manson und Rudolf Schenker aussieht.

Lassen Sie uns für das deutsche Publikum, das Sie vielleicht nicht so gut kennt, ganz vorne anfangen. Wann wurden X Japan gegründet?

Toshi, der Sänger, und ich haben uns im Kindergarten kennengelernt, als wir vier Jahre alt waren. Wir machen gemeinsam Musik, seit wir 10 sind, und mit 14 haben wir die Gruppe gegründet, die anfangs nur X hieß. Wir sind aus unserer Heimatstadt Chiba nach Tokio gefahren, um dort andere Musiker zu finden, so kamen wir zu den Gitarristen Pata und Hide. Weil wir keinen Plattenvertrag hatten, haben wir unser Debütalbum 1988 selber herausgebracht. Und eine Million Stück davon verkauft!

Eine Million! Ganz schön viel Arbeit, wenn man das alles selber eintüten und zur Post bringen muss.

Es gab schon ein paar Independent-Vertriebe damals in Japan, aber die waren nicht sehr sophisticated. Ein paar zehntausend Platten haben wir tatsächlich persönlich in die Läden gebracht, darum war uns das mit dem eigenen Label auch bald zu viel, und wir haben bei Sony unterschrieben. Mit dem Major-Vertrag explodierte dann alles. Wir wurden sehr schnell sehr erfolgreich, wir haben über dreißig Mal im Tokyo Dome gespielt. Dann bekam Toshi leider eine Gehirnwäsche…

…er bekam eine Gehirnwäsche?

Er traf jemanden, der ihn mental veränderte, und verließ darum die Band. Wir beschlossen, uns aufzulösen und spielten unser letztes Konzert Silvester 1997 im Tokyo Dome. Kurz danach starb Hide, der Gitarrist. Zehn Jahre lang ruhte die Band daraufhin.

Haben Sie in der Zeit gar keine Musik gemacht?

Toshi hatte ein paar schräge Projekte, Ambient-Musik und so, und ich spielte klassisches Klavier. Zum Beispiel trat ich beim zehnten Jahrestag der Inthronisierung des japanischen Kaisers Akihito auf, recht ungewöhnlich für einen Popmusiker.

Wie kam es dann zur Wiedervereinigung von X Japan?

Eines Tages rief Toshi mich an, wie aus dem Nichts, ich glaube, er war gerade dabei, aus seiner Gehirnwäsche wieder zu erwachen. Wir beschlossen, wieder in der alten Besetzung Konzerte zu geben.

Bis auf Hide, denn der war ja tot.

Ja, darum hatten wir ihn als Hologramm dabei.

Ach.

Wir sind 2008 drei Mal im Tokyo Dome aufgetreten mit dem Hide-Hologramm an der Gitarre. Ich wollte ihn auf keinen Fall durch jemand anderen ersetzen.

Aber ist das nicht komisch, vor zigtausend Leuten mit einem verstorbenen Freund auf der Bühne zu stehen und Musik zu machen?

Ich bin total durchgedreht, vor allem, weil das Hologramm so echt aussah. Auf Dauer konnte man das nicht machen, darum haben wir doch einen neuen Lead-Gitarristen aufgenommen, Sugizo. In der Besetzung sind wir auf große Tour gegangen, wir haben in Hongkong und Taiwan gespielt und 2010 erstmals auch in den USA, dann in London, Paris und Berlin…

…in der Columbiahalle, ich erinnere mich. Die war ausverkauft, und das Publikum tickte schier aus, als Sie auf die Bühne kamen.

Das Tolle war: Wir hatten das nach unserer Auflösung gar nicht richtig mitbekommen, wie viele Fans wir inzwischen außerhalb Japans haben. Wir haben auch in Südamerika gespielt, in Peru, Brasilien, Chile. Und überall in Asien, in Shanghai, Bangkok und Seoul…

In Deutschland wurden X Japan und der Visual Kei Anfang der Nullerjahre im Zuge des Manga-Booms bekannt. Die jungen Leute fingen alle an, japanische Comics zu lesen, und interessierten sich dann auch für die japanische Popkultur im allgemeinen, besonders für Visual-Kei-Bands wie Dir en grey. Haben Sie selbst eigentlich eine Beziehung zu Manga?

Keine konkrete, aber wenn man in Japan aufwächst, liest man automatisch die ganze Zeit Manga und guckt Anime, insofern gibt es da sicher Einflüsse. Für Dir en grey habe ich übrigens das Debütalbum produziert.

Als ich Dir en grey zum ersten Mal sah, später andere Visual-Kei-Bands und schließlich auch X Japan, dachte ich vor allem, wie stark sich die Ästhetik am alten europäischen Gothic Pop orientiert, sagen wir mal: an The Cure und Siouxsie and the Banshees…

The Cure! Ich liebe The Cure! Ich war auf einigen Konzerten. Ich mag auch Led Zeppelin, David Bowie. Und Rammstein. Und die Scorpions…

… die ja schon zu Beginn ihrer Karriere in Japan große Erfolge gefeiert haben. Tatsächlich ähnelt Ihr Style dem von Rudolf Schenker. Haben Sie den je getroffen?

Ganz kurz, wir hatten mal dasselbe Management in den USA, aber wir haben uns nur „Hallo“ gesagt, sonst nichts.

Im nächsten Frühjahr soll es ein neues Album von X Japan geben…

…ja, es erscheint am 11. März, und am Tag darauf spielen wir ein Release-Konzert in der Wembley Arena in London.

Die ist ganz schön groß.

Ja.

Und warum spielen Sie das Release-Konzert nicht in Tokio?

Wir wollten das in Europa machen, weil sich Europa für uns wie Zuhause anfühlt. So viel Musik, die uns geprägt hat, kommt von hier. Und den 12. März haben wir ausgewählt, weil es der Jahrestag der Katastrophe von Fukushima ist.

Wie werden sich die neuen Songs anhören?

Heavy. Sie werden sehr heavy sein. Noch mehr Punk als früher.

Was ich bei Ihrem Berliner Konzert interessant fand und bei Visual-Kei-Konzerten im allgemeinen: Es sind immer sehr viele Teenager-Mädchen im Publikum, die wohl kaum ein Heavy-Rock-Konzert von einer westlichen Band besuchen würden. Die kommen vor allem wegen der Cross-Gender-Ästhetik und des androgynen Stils, oder?

So war das im Visual Kei schon immer seit den Achtzigerjahren! Unsere Musik war super heavy, wir wollten wie Slayer, Iron Maiden und Metallica klingen. Zugleich trugen wir Frauenklamotten und Tonnen von Make-up. Das hat die japanischen Kritiker total verwirrt! Die schrieben, dass wir die Schminke weglassen sollen und der androgyne Look nicht zu unserem Sound passt. Aber das war uns egal! Visual Kei hat für mich immer absolute Freiheit bedeutet und die Möglichkeit, alles mit allem zu kombinieren, das Harte mit dem Weichen, die Musik der Sex Pistols mit dem Look von David Sylvian.

Ah, David Sylvian! Von der Gruppe Japan.

Ja, ich liebe ihn und seine Band. Japan hab ich schon als Teenie immer gehört, und die androgynen Outfits haben mich total begeistert. Ich war ein sehr rebellischer Teenie! Immer wenn mir jemand sagte „jetzt sei mal ein bisschen männlicher“, dann habe ich mir noch weiblichere Kleidung angezogen und noch mehr Make-up aufgetragen. Und dabei ist es bis heute geblieben!

Das Gespräch führte Jens Balzer.