Mit dem apokalyptischen Road-Movie „Mad Max“, das unter anderem von seinen Erfahrungen als Unfallarzt inspiriert wurde, begann George Miller 1979 seine Karriere als Filmemacher. Zwei Fortsetzungen ließ der Australier seiner Geschichte folgen, bevor er sich ganz anderen Themen widmete. Er inszenierte in Hollywood „Die Hexen von Eastwick“ und das Drama „Lorenzos Öl“, schrieb das Drehbuch zu „Ein Schweinchen namens Babe“ und wandte sich mit den „Happy Feet“-Filmen dem Animationskino zu.

Nun aber erweckt der 70-jährige Oscar-Gewinner mit „Mad Max: Fury Road“ (Kinostart am 14. Mai) seine erfolgreichste Schöpfung noch einmal zu neuem Leben. Weitere Fortsetzungen sind bereits geplant.

Mr. Miller, den ersten „Mad Max“-Film brachten Sie vor 36 Jahren in die Kinos, selbst Teil drei liegt bereits 30 Jahre zurück. Wussten Sie damals schon, dass Sie einmal in diese Welt zurückkehren würden?

Oh nein, damals war ich mit der Sache durch. Ich hatte das Gefühl, nach drei Filmen genug über diese Figur erzählt zu haben und wollte mich anderen Geschichten widmen. Aber so um 1999 kam mir „Mad Max“ irgendwie wieder verstärkt in den Sinn. Anfangs habe ich mich mit Händen und Füßen gegen die Idee eines neuen Films gewehrt. Aber sie kam immer wieder zurück und nahm immer mehr Raum in meinen Gedanken ein. Irgendwann habe ich mich ergeben und beschlossen, tatsächlich einen neuen Film zu drehen. Ich hatte nur nicht damit gerechnet, dass es dann noch mal zwölf Jahre dauern würde, bis er tatsächlich im Kasten sein würde.

Als „Mad Max“ wurde Mel Gibson zum Star. Wollten Sie den nicht wieder für die Hauptrolle haben?

Anfangs stand das durchaus im Raum. Wer weiß was passiert wäre, hätten wir gleich 2000 gedreht. Aber wie gesagt: Es dauerte lange, bis bei diesem Film die Koordinaten stimmten und alles passte. Als es soweit war, gab es in Mels Leben extrem viele Turbulenzen, die die Sache schwierig gemacht hätten. Viel wichtiger war aber ohnehin die Tatsache, dass mir nie die Geschichte eines alten Kriegers vorschwebte. Ich wollte nicht einen Film wie Eastwoods „Erbarmungslos“ drehen, sondern im Grunde die Figur so belassen wie wir sie aus den früheren Filmen kannten. „Mad Max: Fury Road“ ist deswegen auch weder ein Remake noch eine Fortsetzung. Wir haben nur einfach einen neuen Darsteller für die gleiche Rolle, so wie es ja auch immer mal wieder einen neuen James Bond gibt.

Ein kleiner Gastauftritt von Gibson wäre doch aber für die Fans ein echtes Schmankerl gewesen, oder nicht?

Das glaube ich gar nicht. Denn wir haben uns so viel Mühe gegeben, die Welt von Mad Max so authentisch und glaubwürdig wie möglich zu machen. Es war mein Ziel, das Publikum von Sekunde eins an in den Bann zu ziehen und nicht mehr loszulassen. Wenn da plötzlich Mel aufgetaucht wäre, hätte das doch die Zuschauer komplett herausgerissen. Schließlich kann er nicht die gleiche Figur sein wie damals, denn die wird ja nun von jemand anderem gespielt. Sean Connery schaut ja auch nicht in den Bond-Abenteuern von Daniel Craig auf. Das wäre augenzwinkernd, aber genau dieser Effekt hätte meinen Intentionen widersprochen.

Als neuen Hauptdarsteller engagierten Sie jedenfalls den Briten Tom Hardy...

Der war gerade mal sechs Wochen alt, als wir damals mit den Dreharbeiten zum allerersten „Mad Max“ begannen. Und als ich ihn für die Rolle ins Auge fasste, war er noch kein Star. Aber ich hatte schon seinen Film „Bronson“ und die fantastische BBC-Miniserie „Stuart – A Life Backwards“ gesehen und wusste, dass diesem Mann alles zuzutrauen ist. Als er dann beim Vorsprechen in den Raum kam, erinnerte er mich in seiner Energie sofort an Mels Max. Im Übrigen haben die beiden sich vor dem Dreh getroffen und Mel gab ihm und uns so zu sagen seinen Segen.

Der Film wurde zu einem so langwierigen Projekt, weil Sie möglichst wenig Computereffekte einsetzten und lieber alle Tricks und Stunts real vor der Kamera umsetzen wollten. Warum dieser Aufwand?

Die Welt von „Mad Max“ ist keine fantastische, sondern eine sehr realistische. Wir setzen die Gesetze der Physik nicht aus der Kraft; es gibt weder fliegende Menschen noch Raumschiffe. Das sollte sich auch visuell vermitteln. Denn ich bin überzeugt davon, dass man als Zuschauer auch heutzutage immer noch erkennt, wenn Bilder aus dem Computer kommen. Selbst wenn sie richtig gut sind, wirken sie immer ein bisschen gefälscht. Natürlich konnten wir nicht komplett auf Computer und Tricktechnik verzichten: schon allein um die Drähte und Gurte, an denen die Schauspieler immer wieder hingen, zu entfernen. Aber ansonsten habe ich versucht, dass alles echt ist: die Stunts, die Autos, die Wüste. Das war verdammt anstrengend, hat aber auch unglaublich viel Spaß gemacht.

Besagte Wüste befand sich in den alten Filmen in Ihrer Heimat Australien. Warum dieses Mal nicht mehr?

Die Welt, in der der Film spielt, ist für mich die gleiche wie in den anderen Filmen. Wir nennen sie nicht Australien, aber das spielt in diesem post-apokalyptischen Szenario ohnehin keine Rolle. Diese Ödnis, in der ein Warlord alle überlebenswichtigen Ressourcen kontrolliert, erinnert mich an Australien, aber sie könnte überall sein.

Und gedreht haben Sie dieses Mal in Namibia...

Was ursprünglich nicht geplant war. Es sollte wie in den Achtzigern wieder im australischen Broken Hill gedreht werden, alles war schon vorbereitet und das Team fast komplett vor Ort. Nur dass dann etwas Unvorhergesehenes geschah: Es regnete dort zum ersten Mal seit über 15 Jahren. Und zwar nicht zu knapp. Was eben noch die flache, rote Wüstenlandschaft war, die wir für den Film brauchten, verwandelte sich in eine blühende Landschaft. Mad Max und Blumen? Für das Land war das natürlich klasse, aber uns brach plötzlich die komplette Planung weg.

Und dann?

Anderen Filmen wäre daraufhin womöglich komplett der Stecker gezogen worden. Wir hatten das Glück, dass Warner Bros. sagte: Lasst uns ein Jahr warten. Das taten wir, doch die Wüste trocknete nicht wieder aus. Also fiel irgendwann der Entschluss, von der australischen Ostküste an die afrikanische Westküste zu wechseln. Und in Namibia regnet es wirklich gar nicht, deswegen waren wir dort auf der sicheren Seite.

Das Gespräch führte Patrick Heidmann.