Interview mit Gesine Cukrowski: Zwischen Schauspielerei und Gewissen

Berlin - Gesine Cukrowski hatte noch nicht einmal ihre erste Rolle gespielt, als sie bereits eine Lektion über ihren künftigen Beruf erhielt. Es war bei der Berufsberatung. Cukrowski, Schülerin auf dem katholischen St. Marien-Gymnasium in Berlin, wurde gefragt, wofür sie sich denn so interessiere. Pflege oder Soziales, sagte sie, genau, wie man das von einer guten Katholikin erwartet.

Der Berufsberater breitete Prospekte aus, schlug Berufe und Ausbildungswege vor. Dann fragte die Schülerin: Was denn mit Schauspielerei sei, dafür interessiere sie sich auch. Der Berufsberater sah sie an, sammelte die Prospekte wieder ein und erklärte: Schauspieler sei ein egoistischer Beruf, soziale Tätigkeiten kämen für sie nicht in Frage.

Es ist mehr als 30 Jahre her, aber Gesine Cukrowski erinnert sich noch genau daran. „Schlüsselerlebnis“ nennt sie die Begegnung mit dem Berufsberater. Weil es das erste Mal, war, dass ihr jemand das Vorurteil über Schauspieler so direkt ins Gesicht schleuderte. Weil sie versucht, das Gegenteil zu beweisen.

Gesine Cukrowski, 48 Jahre alt, ist eine Schauspielerin, die gerne Gutes tut. Sie sammelt Spenden für die Welthungerhilfe, ist Vorsitzende der Stiftung „Projekt Findelbaby“ und hat immer schon wieder ein neues Projekt im Kopf.

Gerade war sie bei Heiko Maas

Gerade kommt sie von Heiko Maas, dem Bundesjustizminister. Sie braucht seine Unterstützung. Wofür, darüber will sie noch nicht reden, nur dass sie Maas beim Bundesfilmpreis angesprochen hat, das kann sie erzählen. „Ich war einfach frech“, sagt sie. „Alle haben gefeiert und getrunken und ich habe ihn gefragt, ob er sich mal mein Anliegen anhören kann.“ Er hat zugestimmt und sie nicht mehr lockergelassen, bis sie den Termin hatte.

Sie ist immer noch ein bisschen aufgekratzt, jetzt, eine Stunde später, läuft durch die Lobby des Hotel Marriott am Potsdamer Platz, setzt sich an einen Tisch und bestellt einen Ingwertee mit Honig. Sie ist ungeschminkt, trägt ein blaues Kleid mit weißen Punkten, eine Strickjacke und flache Schuhe. So war sie auch beim Minister. Nicht als Filmstar, sondern als Frau, die sich für andere einsetzt.

Gutes Tun fürs Image ist in Mode

Das hat sie mit vielen anderen, die den gleichen Beruf ausüben, gemein. Angelina Jolie ist Sondergesandte für die UN-Flüchtlingsorganisation, Leonardo DiCaprio spendete 15 Millionen Dollar für den Umweltschutz, Veronica Ferres hilft Opfern sexueller Gewalt, Anja Kling und Natalia Wörner sind Botschafterinnen der Kindernothilfe.

Es scheint fast wie eine Gesetzmäßigkeit zu sein: Prominenz und hohe Gagen wecken offenbar das Bedürfnis, sich sozial zu engagieren. Es gibt inzwischen sogar Agenturen, die Schauspielern soziale Projekte vermitteln, weil das gut für deren Gewissen ist, aber auch fürs Image. Dann gehen Bilder um die Welt, die die Stars einmal nicht in Abendrobe auf dem roten Teppich zeigen, sondern in Safari-Shorts in Afrika oder im Flüchtlingslager in Jordanien.

Von Gesine Cukrowski gibt es ein Video aus Uganda. Eine blonde Frau im Shirt der Welthungerhilfe zwischen schwarzen Frauen in bunten Tüchern. Sie kriecht in eine Strohhütte, spricht mit Bewohnern, streichelt Ziegen, besichtigt einen Brunnen und eine Schule und sagt in die Kamera, dass „wir in der Pflicht sind, solange Menschen woanders noch hungern“.