Er nennt sich der Mann mit der Mütze. Die ist sein Markenzeichen. „Ich bin Berliner, Aktivist und Glasknochenbesitzer“, stellt sich Raul Krauthausen vor. Außerdem ist er Buchautor, Sozialunternehmer und regelmäßiger Talkshowgast. Der 34-Jährige ist einen Meter groß und schnell. Wer mit seinem Elektrorollstuhl Schritt halten will, muss auf Zack sein. „Der ist getunt“, gibt er zu.

Herr Krauthausen, man betitelt Sie gern als einen der „prominentesten Deutschen auf Rädern“. Wie lebt es sich mit solchen Attributen?

Ich tu mich sehr schwer damit. Ich wollte mein Leben lang nie Berufsbehinderter werden. Es gab genug von denen, bei denen sich alles um die eigene Behinderung drehte. Ich fand die Welt immer so aufregend, dass es mehr gibt als die eigene Behinderung. Eigentlich bin ich in die Rolle und die Medienpräsenz reingestolpert.

Sie wollen nicht über Ihre Behinderung definiert werden und jetzt reden wir doch schon wieder drüber ...

Ja, aber entscheidend ist der andere Dreh. Ich bin Aktivist. Mit unserem Verein Sozialhelden e. V. machen wir keine Projekte von Behinderten für Behinderte. Wir wollen vielmehr die Mehrheit dazu bringen, über Behinderung nachzudenken und sie für das Thema zu öffnen. Und zwar, ohne zu jammern.

Onlinekarte für rollstuhlgerechte Orte

So wie mit der Wheelmap.org, der Online-Karte für rollstuhlgerechte Orte ...

Ja das ist unser erfolgreichstes Projekt: Wir haben Menschen befähigt, über ihr Smartphone, Orte zu bewerten – Restaurants, Cafés, Kulturstätten. Niedrigschwellig, sozusagen im Vorbeigehen. Inzwischen gibt es fast 500000 Orte auf der als App verfügbaren Online-Karte und damit ist es das weltweit größte Projekt zum Thema Rollstuhlgerechtigkeit. Das ist die Idee der Sozialhelden, dass wir andere befähigen, Gutes zu tun und soziales Handeln mit Spaß verbinden.

Welche Berufsträume hatten Sie als Kind?

Ich wollte immer Pilot werden. Ich kann mich erinnern, dass meine Mutter mich fragte, wie stellst du dir das vor? Und ich hab gesagt, naja wie immer, du trägst mich halt rein und wieder raus. Meine Mutter hat das so stehen lassen und nicht gesagt, das geht aber nicht. Jedes Kind will schließlich irgendwann Astronautin oder Feuerwehrmann oder Polizistin werden. Egal, ob behindert oder nicht: Man sollte es seine Träume träumen lassen.

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie anders sind und bestimmte Dinge für Sie nicht gehen werden?

Das Interessante ist, dass ich schon immer wusste, dass ich anders bin. Ich hatte als Einziger in meiner Klasse einen Rollstuhl. Das war meine Normalität, die ich nie hinterfragt habe. Ich hatte nie den Wunsch, laufen zu können, es sei denn, ich hatte eine Treppe vor mir. Es war nie so, dass ich weinend aufwachte und mich fragte, warum bin ich bloß behindert. Es ist eine Fantasie von Nicht-Behinderten, dass ich darunter leiden würde. Trotzdem gab es einen Punkt, wo ich merkte, das ist jetzt wirklich anders.

Probleme im Sportunterricht

Wann war das?

Es war in der 5. Klasse, als der Sportunterricht leistungsdifferenziert wurde. Davor gab es ein bisschen Ballspiele, plötzlich gab es Punkte und Noten. Da merkte ich: Bisher war ich dabei, jetzt nicht mehr. Plötzlich geht es um Schnelligkeit und nicht mehr ums Mitmachen. Ich war immer öfter im Nebenraum und machte Krankengymnastik. Das hat mich sehr verletzt, weil ich nicht krank war, sondern einer von den anderen. Meine Eltern haben mich immer machen lassen und nie gesagt, das kannst du nicht.

Ziemlich mutig. Bei einem Kind mit Glasknochen und Knochenbrüchen in Serie.

Meine Mutter hat immer gesagt, ich bin ein Stehaufmännchen. Da schwang immer mit, dann brichst du dir halt was. Ähnlich sehe ich das auch. Na dann brech’ ich mir halt was. Es sollte kein Grund sein, nicht das Haus zu verlassen.

Wie oft ist Ihnen das schon passiert?

Hunderte Male. Ich habe aufgehört zu zählen. Aber meine Mutter ist Ärztin, die konnte mich zu Hause eingipsen. Und die Erfahrung von Hunderten von Knochenbrüchen ist: Die erste Woche ist kacke und dann geht’s wieder aufwärts.

Mit Humor die Stimmung lockern

Wie erleben Sie den Umgang mit Behinderung. Lösen Sie bei Ihrem Gegenüber Unsicherheit aus?

Sobald die Leute das Wort Glasknochen hören, haben sie Respekt und denken, ich breche mir den Arm, wenn sie mir die Hand geben. Wenn ich solche Unsicherheit spüre, versuche ich, durch Humor die Stimmung zu lockern.

Das stelle ich mir anstrengend vor ...

Das war eine Strategie, andere dafür zu belohnen, dass sie mir helfen, dadurch dass ich witzig bin. Gute Stimmung um mich herum zu verbreiten, damit die Leute gern bei mir sind. Inzwischen sehe ich das kritischer. Ich merke, dass viele von mir erwarten, dass ich witzig bin.

Fühlen Sie sich instrumentalisiert?

Ja, es gibt diese positive Form der Diskriminierung. Viele Menschen mit Behinderung werden instrumentalisiert, um andere Menschen zu inspirieren. Facebook oder Twitter sind voll von Bildern von Arm- oder Beinamputierten, die trotzdem Surfen. Motto: Jeder kann es schaffen, wenn er an sich glaubt. Wenn Nicht-Behinderte Behinderte sehen, sind sie oft erleichtert, dass sie keine Behinderung haben, sehen ihr Schicksal relativiert. So wie RTL mit Schicksalen von Hartz-IV-Empfängern und Ehestreit vor Gericht. Und der Zuschauer denkt, dir geht’s ja gar nicht so schlecht.