Seit Greta Gerwig durch den bittersüßen New-York-Film „Frances Ha“ vor drei Jahren zum Star des Independent-Kinos wurde, geraten Kollegen bei ihr ins Schwärmen. Quentin Tarantino hält sie für eine der „sinnlichsten Schauspielerinnen auf diesem Planeten“, Ben Stiller für „ein Naturtalent und Ereignis auf der Kinoleinwand“ und ein US-Kritiker gar für „eine moderne, junge Catherine Deneuve“. „Das ist natürlich ein riesengroßes Kompliment“, meint sie lachend, „aber die Schuhe von Catherine Deneuve sind mir eindeutig zu groß.“

Ihren neuen Film „Mistress America“, ab Donnerstag im Kino, hat sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten, dem US-Regisseur Noah Baumbach, geschrieben. Sie spielt darin auch die Hauptrolle, nämlich Brooke, eine charmante, aber taffe New Yorkerin, die beim Versuch, ihren Lebenstraum zu verwirklichen, große Probleme bekommt.

Beim Interview im Londoner Soho-Hotel fallen sofort Greta Gerwigs vitale Unbefangenheit auf und ihre extrem positive Ausstrahlung. Sie lacht viel und gern, spricht mal honigsüß, mal übersprudelnd laut und unterstreicht viele ihrer Sätze mit ausladenden Gesten. Sie trägt ein schwarzes Minikleid und hat sich, mit untergeschlagenen Beinen, sehr effektvoll in einer Sofaecke niedergelassen. Vor dem Sofa stehen Louboutin-Pumps – und Birkenstock-Sandalen.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

Vielen Dank. Heute bin ich 32 geworden. Jetzt muss ich mich langsam beeilen.

Beeilen? Womit denn?

Ich will noch so viel erreichen in meinem Leben. Und wie wir alle wissen, wurde Jesus mit 33 Jahren ans Kreuz geschlagen. Also gilt es, keine Zeit zu verschwenden.

Sie befürchten ein ähnliches Schicksal?

Nein, natürlich nicht. Ich will mich auch nicht mit Jesus vergleichen. Das grenzte ja an Blasphemie. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur anführen, dass ich in einer streng katholischen Schule erzogen wurde. Das prägt einen fürs Leben. Deshalb denke ich gerade in der letzten Zeit sehr oft an Jesus. Mit 29 hat er herausgekriegt, dass er Gottes Sohn ist – und mit 33 wurde er von den Römern gekreuzigt. 33 ist wohl deshalb eine magische Marke für mich.

Haben Sie schon eine Prioritäten-Liste für dieses so wichtige Jahr?

Oh ja, ich habe tatsächlich eine Liste von Dingen, die ich unbedingt machen will.

Verraten Sie mir, was da an erster Stelle steht?

Weiter gute Filme machen, schreiben, lesen, tanzen, intensiv leben. Mich öffnen. Neue Menschen in mein Leben lassen. Ich kann vom Leben gar nicht genug kriegen. Ich war schon als Kind lebenshungrig.

Sie meinen also hyperaktiv?

Nein, obwohl mich meine Mutter oft bremsen musste. Denn wenn ich mal anfing, etwas zu machen, habe ich mich meistens richtig darin verbissen und wollte immer die Beste sein. Als Teenager war ich zum Beispiel eine sehr ambitionierte Fechterin. Vor allem bei Wettkämpfen war ich mega-aggressiv und extrem laut, ich habe gern geschrien. Doch dann habe ich das Fechten aufgegeben.

Und warum?

Weil mein rechter Arm und mein rechtes Bein durch die Belastung beim Fechten immer dicker wurden und ich schließlich nicht mehr in meine Jeans passte. Es hat eine Weile gedauert, bis beide Beine wieder gleichförmig waren. Auf dem College war dann alles wieder okay.

Sie haben auf dem College Philosophie und englische Literatur studiert.

Ja, ich war regelrecht besessen davon.

Dann stammt der Satz in Ihrem neuen Film „Mistress America“ wohl von Ihnen: „Das College hat mir das Denken beigebracht und das Schreiben.“

Ja, allerdings sage nicht ich das im Film, sondern meine Kollegin Lola Kirke, die eine Studentin spielt. Aber für mich war das College wirklich eine Offenbarung. Ich hatte zwar auch auf der katholischen Schule eine gute Zeit, aber die Erziehung dort war doch ziemlich limitiert. Sie machten das nach dem Motto „drill and kill!“. Das bedeutete: Wenn man Wissen nicht nachprüfen konnte, war es nichts wert. Kreativität war dort nicht gerade en vogue. Als ich dann aufs College kam und anfing zu studieren, tat sich plötzlich ein ganz neues Universum auf. All diese neuen Ideen und Gedanken, dieses überwältigende Wissen.

Wer oder was genau hat Sie denn so begeistert?

In der Literatur war es vor allem – auch wenn es banal klingt – Shakespeare. Und John Milton. Ich konnte Miltons „Das verlorene Paradies“ fast auswendig. Und bei den Philosophen hatte ich sehr intensive Phasen: Platon, Aristoteles, Kant, Descartes, Nietzsche…

Wer ist Ihr Lieblingsphilosoph?

Am meisten beeindruckt hat mich Montaigne. Seine Gedanken sind so wunderbar frei und unabhängig. Bei ihm gab es diesen fundamentalen Humanismus und diese tiefen Einsichten, wie Menschen tagtäglich leben. Und er war zum Glück nicht so mathematisch wie die Philosophen des 20. Jahrhunderts. Auch mit denen habe ich mich natürlich auseinandergesetzt. Wie viele lange Nächte habe ich wohl über Wittgenstein-Büchern gebrütet? Aber diese streng mathematisch formulierten Sprachgebilde haben mich sehr eingeschüchtert. Und Poststrukturalismus – ein Albtraum! Am schlimmsten war Lacan mit seinen Tabellen. Was habe ich mir Mühe gegeben, die zu verstehen. Es war zum Haareraufen. Okay, ich gebe zu: Intellektuell habe ich das meiste davon sehr genossen. Aber emotional haben mich diese großen Denker total kalt gelassen.

Bei einem philosophisch so aufgeladenen Background verwundert es, dass Ihre Drehbücher zu „Frances Ha“ oder „Mistress America“ überhaupt nicht verkopft wirken, sondern eher sinnlich und sehr emotional.

Da sprechen Sie einen sehr wunden Punkt bei mir an. Ich dachte nämlich lange, es wäre eine intellektuelle Schwäche, dass ich den emotionalen Bezug zu einem Text brauche. Denn nur so konnte ich mich damit auseinandersetzen und versuchen, ihn zu begreifen. Ich dachte oft, ich müsste viel strenger mit mir selbst sein, mich rigoros von meiner emotionalen Bindung abtrennen. Aber irgendwann fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich hatte eine regelrechte Erleuchtung: Nein, ich musste das überhaupt nicht! Das war für mich von entscheidender Bedeutung für mein Leben. Ich durfte emotional sein – und es war gut so!

Ist das nicht das Dilemma vieler Intellektueller? Sie wollen gleichzeitig tanzen und verstehen, warum sie tanzen?
Ein schönes Bild. Das werde ich mir merken. Aber ich habe schon lange aufgehört, darüber nachzudenken, warum ich tanze. Wenn ich tanze, dann tanze ich.

Wann fing diese „Erziehung des Herzens“ denn an?

Das ist ja das Verrückte: Eigentlich schon sehr früh. Denn ich habe immer schon auf mein Bauchgefühl gehört und meinen Intuitionen vertraut. Bis sich irgendwann etwas in mir verklemmt hat und ich mir selbst nicht mehr traute. Das hatte vielleicht auch damit zu tun, dass ich in den ersten drei Jahren nach dem College für meinen Lebensunterhalt kellnern musste und große Existenzängste hatte. Da versuchte ich eben, sehr viel zu rationalisieren. Für mich ging es als Künstlerin erst so Mitte 20 los. Und das hat mir sicher dabei geholfen, wieder mehr zu meinem emotionalen Ich zu finden.

Können Sie mit dem Begriff „emotionale Intelligenz“ etwas anfangen?

Oh ja, sehr viel sogar. „Das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht kennt!“ – Pascal, auch ein ganz Großer. Heute ist mein Denken sehr gefühlsbetont, ja sogar überschwänglich. Ich muss nicht mehr unbedingt alles haarklein analysiert und bewiesen haben. Denn was ist letztlich schon wirklich beweisbar? Und ich hoffe auch sehr, dass diese „Erziehung des Herzens“, von der Sie sprachen, mein ganzes Leben lang nie aufhört. Sie ist wie ein unterirdisch fließender, großer Strom, auf dem ich treibe. Und dabei hoffentlich immer mehr lerne, lebensklüger werde, reifer und tiefer. Denn genau das versuche ich ja, auch als Schauspielerin und Autorin künstlerisch auszudrücken.

Das Drehbuch zu „American Mistress“, wie auch schon das zu „Frances Ha“, haben Sie zusammen mit dem US-Independent-Regisseur Noah Baumbach geschrieben, der auch Ihr Lebensgefährte ist. Beschreiben Sie doch bitte mal, wie Sie das machten.

Seit wir zusammenwohnen, ist das viel einfacher geworden. Wir saßen in unserem Wohnzimmer und warfen uns zuerst einmal Ideen, Dialog- oder Szenen-Vorschläge zu. Daraus versuchten wir, eine fortlaufende Handlung zu machen mit interessanten Charakteren, die sich die krudesten Sachen an den Kopf werfen und sich mitunter fürchterliche Dinge antun. Es ist nicht so, dass ich die Rolle von Brooke, die ich spiele, oder die der anderen Frauen geschrieben hätte und Noah die der Männer. Wir haben alle Figuren gemeinsam entwickelt. Nur wenn wir absolut nicht weiterkamen, haben wir getrennt gearbeitet. Und später die einzelnen Stücke zusammengefügt.

Sie sagten mal, dass Noah eher der minimalistische Typ ist, der sehr viel Text eindampft und streicht – und Sie eher die ausufernde Vielschreiberin. Wie ging denn das zusammen?

Das war schon manchmal ein kleines Problem. Aber ich habe mich im Laufe der Jahre hoffentlich etwas gebessert und komme jetzt schneller auf den Punkt. Und da Noah als Regisseur ja den großen Blick auf den ganzen Film hat, haben mir seine Änderungen schnell eingeleuchtet. Da gab es keinen Stress. Wir redigieren uns eigentlich ständig gegenseitig. Denn wir schreiben sehr viele Drehbuchversionen.

Die Filme, die Sie zusammen mit Noah machen, wirken sehr persönlich. Sind Sie auch autobiografisch?

Was mich betrifft, kann ich sagen, dass nichts, was Frances oder Brooke im Film passiert, mir genauso im Leben selbst passiert ist. Allerdings nutze ich schon Details aus meinem Leben, die ich teils selbst erfahren oder beobachtet habe. Oder Sätze, die jemand gesagt hat. Aber natürlich fiktionalisiere ich das dann.

Ist das nicht ein schmaler Grat, auf dem Sie sich da bewegen?

Es ist ein schmaler Grat, da gebe ich Ihnen recht. Nachdem „Frances Ha“ im Kino gezeigt wurde, habe ich erfahren, dass ich wohl einige Menschen sehr verletzt habe mit dem, was ich über sie geschrieben habe. Sie haben sich anscheinend – trotz starker Verfremdung – im Film wiedergefunden. Aber ich kann doch immer nur meine Erfahrungen als Grundlage fürs Schreiben nehmen. Für mich sind Integrität und Authentizität bei meiner Arbeit sehr wichtig. Aber natürlich will ich keinem zu nahe treten.

Sie könnten vorher um Erlaubnis fragen.

Könnte ich. Mache ich aber nicht. Aus dieser Unsicherheit heraus ein Drehbuch zu schreiben, ist für mich interessanter, als wenn ich alles wasserdicht abgeklopft hätte.

+++ Lesen sie im nächsten Abschnitt, warum Greta Gerwig hofft, zu den Verlierern zu zählen +++