Christof Johann (Hanns) Zischler, geboren am 18. Juni 1947 in Nürnberg, versucht sich in mehreren Metiers. Er hat in Filmen gespielt und einige wenige Filme gedreht, er arbeitet als Sprecher, als Fotograf, Essayist und Erzähler. Er hat zusammen mit Hans-Jörg Rheinberger Derrida übersetzt und jüngst sein 1996 erschienenes Buch „Kafka geht ins Kino“ in einer erweiterten Fassung mitsamt DVD neu herausgegeben. Hanns Zischler hat auch einen kleinen Verlag, Alpheus, in dem unter anderem „Eine Naturgeschichte für das 21. Jahrhundert“ erschien, eine Festschrift für HJ Rheinberger, herausgegeben vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Wir treffen ihn in seinem Büro in Berlin-Charlottenburg.

Seit wann heißen Sie Hanns?

Mit zwei N?

Ja.

Seit der Schulzeit.

War das schon ein Entwurf? Für ein besonderes Selbst?

Nein. Christof Johann – das war zu viel. Das Doppel-N war einfach eine unhörbare, aber lesbare Korrektur von Hans. Aber es gibt mit dem Namen, außer dem S, das an ein Z stößt noch andere, schlimme Kollisionen. Zum Beispiel bei „Tschüs Herr ***“

Wenn man sich vorstellt, merkt der andere sich den Namen gerade wegen des kleinen Stolpersteins besser?

Im Gegenteil, man verballhornt den Nachnamen. In Berlin ganz besonders, da ja der Berliner, sofern er das Berlinische, wie Agathe Lasch uns gezeigt hat, noch beherrscht, keinen Vokal und fast keinen Konsonanten einigermaßen richtig aussprechen kann ...Thüschla. (mit englischem th)

Es gibt einen Grund, warum ich Sie seit langem sprechen möchte: Als ich 12, 13 Jahre alt war und Ägyptologie studieren wollte, erklärte mir meine Mutter, ich solle einen Brotberuf studieren, ihn ausüben und daneben meinen Neigungen nachgehen. Seit Jahren werde ich den Verdacht nicht los, dass Sie dem Rat meiner Mutter gefolgt sind.

Ich höre den Rat Ihrer Mutter heute zum ersten Mal. Und ich glaube, niemand kommt auf die Idee, die Schauspielerei als einen sicheren Brotberuf zu betrachten, der es einem erlaubt, Hobbys zu frönen. Ich habe nur in einem sehr eingeschränkten Sinn studiert. Ich habe an Universitäten in München und Berlin gehört. Den Plan eines abzuschließenden Studiums habe ich niemals gehabt, einfach weil ich das Studium für unabschließbar halte. Auch im Geheimen nicht. Ich hörte die Sachen, die mich interessierten, vor allem aber bei den Leuten, die mich interessierten.

Ihnen ging es ums Hören?

Ich wollte aufnehmen. Den an der Freien Universität in Berlin lehrenden Klaus Heinrich zu hören und als peripatetischen Redner zu erleben, war ein bis heute begeisterndes Ereignis. Man nahm von ihm so viel auf, so viel mit – man konnte lange davon zehren. Das Hören war das Hören wert – bei dem leicht entrückt und sanft vortragenden Philologen Peter Szondi und dem turbulenten Philosophen Jacob Taubes.

Wen hörten Sie in der Musik?

Die ist wie immer eine Ausnahme. Sie kommt ja vom Himmel. Eigentlich hatte ich Musik studieren wollen. In München. Dafür hätte ich zwei Instrumente spielen müssen. Klavier allein reichte nicht. Aber in München habe ich noch für Thrasybulos Georgiades zu dessen Emeritierung Heinrich Schütz’ Nicäisches Glaubensbekenntnis aus den Zwölf Geistlichen Gesängen einstudiert. Zweimal vier Stimmlagen. Das war mein Musikstudium. Aber diese Anstrengung, ganz ungeübt doch etwas zustande zu bringen, hat sich gelohnt. Das lag natürlich vor allem an Georgiades.

Gesangstunden haben Sie nie genommen?

Doch, in der Schule. Schubert, Schumann. Herr Azereoth, eine liebenswerte Gestalt wie aus Dr. Faustus. Na ja. Dilettierend. Wie es zu Schumanns und Schuberts Zeiten überall gemacht wurde. Wir hatten daneben noch eine kleine Band, die nur Bob Dylan spielte.

Dylan fanden Sie nie schrecklich?

Nein. Wie könnte man! Seit 1964 spielten wir Dylan – wir hatten die Noten – rauf und runter. Wir mochten auch diese Art, amerikanisch zu lernen. Das war ganz anders als im Unterricht. Es war auch ein ganz anderes Englisch.

Sie sprechen, wie Sie spielen. Sie dimmen die Gefühle runter.

Ich bin ja kein Bühnenschauspieler. Die müssen nach vorne gehen. Sie tun das dann auch. Mit entschlossenem Schritt. Da fällt mir gerade eine Unart, eine Art Blindheit auf, die sehr um sich gegriffen hat in den letzten Jahren: Viele Menschen kennen ihre eigene Stimme nicht. Das ist ein Mangel. Umso mehr, als man ihn leicht beheben könnte, sofern man der eigenen Stimme etwas zutraut. Es ließen sich groteske Hilfsmittel vermeiden.

Zum Beispiel?

Das Kratzen in der Luft mit den Fingern, um Anführungszeichen anzudeuten. Die Stimme kann Anführungszeichen andeuten.

Wie geht das?

Einfach durch Hebung.

Interessant war, dass Sie nicht nur die Stimme, sondern auch die Augenbrauen gehoben haben. Der Mensch ist ein Gesamtkörper.

Natürlich. Aber deswegen muss man doch nicht mit den Fingern in der Luft kratzen. Es ist doch so leicht durch ein Anheben der Stimme die entsprechende Stelle als etwas Abgehobenes hervorzuheben. Das, glaube ich, war 1988 Philipp Jenningers Fehler bei seiner seltsamen Rede am 50. Jahrestag der Reichspogromnacht. Er wusste das einfach nicht. So waren Zitate und eigene Meinung nicht voneinander zu unterscheiden.