Als Harald Welzer 2012 in Berlin mit „Futur zwei“ eine gemeinnützige Stiftung gründete, die sich für eine „andere, zukunftsfähige Kultur des Lebens und Wirtschaftens“ engagieren wollte, bestimmten die Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten des Nahen Ostens noch nicht unsere politische Agenda.

Mit der Diskussionsreihe „Welches Land wollen wir sein?“ geht Welzer jetzt auf Tournee, um in Theatern, Rathäusern und Stadthallen mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen, mit Helfern wie mit Zweiflern. Ziel ist die Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements. Eine erste Diskussion fand bereits in Frankfurt am Main statt. Berlin und Potsdam gehören zu den nächsten Stationen.

Professor Welzer, welche Notwendigkeit sehen Sie für eine Selbstverständigung der Gesellschaft? Wird darüber denn nicht schon genug debattiert?

Ganz konkret geht mir das Gerede über eine „Spaltung der Gesellschaft“ furchtbar auf die Nerven. Da werden dann ein paar Tausend Pegida-Demonstranten Millionen von ehrenamtlichen Helfern gegenübergestellt. Hier stimmen einfach die Verhältnisse nicht mehr. Außerdem glaube ich nicht, dass die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, bisher wirklich so klar und so direkt gestellt wird. Sie spielt in vielen Diskussionen über Flüchtlinge und Terrorgefahr eine Rolle, gewiss. Aber nur unterschwellig. Wir holen sie auf die offene Bühne.

700 Leute zum Auftakt in Frankfurt

Unterschätzen Sie womöglich die anwachsende Skepsis und die Sorgen vieler Bürger?

Was mich persönlich, aber auch professionell als Sozialpsychologe fasziniert, sind Phänomene wie in Flensburg, wo es unter 80.000 Einwohnern 10.000 eingetragene Flüchtlingshelfer gibt. Das ist doch der Wahnsinn! Aber im Fernsehen und in den Zeitungen heißt es, „die Stimmung kippt“. Auch das passt so einfach nicht zusammen, sondern ist hochgradig irrational.

Welche Erfahrungen machen Sie bisher mit Ihrer Debatte?

Der Auftakt in Frankfurt war schier unglaublich: 700 Leute in einer kontroversen, aber um Argumente wie um praktische Konsequenzen bemühten Diskussion – und zwar einer analogen Diskussion. Von wegen, „im Internet kann man viel besser debattieren“! Falsch! Das lebendige Gegenüber führt zu einer ganz anderen Ernsthaftigkeit im Umgang miteinander.

Welches Land wollen wir sein, fragen Sie. Was antworten Sie selbst darauf?

Ich bin ein überzeugter Verfechter der offenen, freien Gesellschaft – nicht zuletzt weil freie Gesellschaften auch die sichersten sind.

Wie kommen Sie denn darauf?

Weil größtmögliche Freiheit den besten Schutz vor illegitimen Übergriffen durch den Staat oder andere Akteure bietet. Und das ist kein bloßes sozialphilosophisches Postulat, sondern lässt sich in der Geschichte insbesondere des 19. und 20. Jahrhunderts empirisch nachweisen. Auch die USA haben nach 9/11 mit Einschränkungen der bürgerlichen Freiheiten keineswegs ein Mehr an Sicherheit gewonnen. Im Gegenteil.

Gilt diese Korrelation von Freiheit und Sicherheit auch angesichts terroristischer Bedrohung?

Ganz klar! Natürlich schließt die offene Gesellschaft den Irrsinn nicht aus. Deshalb gibt es auch keine absolute Sicherheit. Aber wir müssen in all den Diskussionen über Terrorgefahren doch auch festhalten: Das Risiko, Opfer eines Attentats zu werden, ist verschwindend gering und steht in keinem Verhältnis etwa zur Gefahr eines Verkehrsunfalls.

Wie soll es denn nach Ihrer Vorstellung mit der Aktion weitergehen?

Die große Zustimmung und spontane Bereitschaft zum Mitmachen bei allen, die ich frage, zeigt mir schon mal: Die Debatte ist dran. Da ist eine unglaubliche Dynamik drin. Ich kann ohne Übertreibung sagen, dass fast täglich ein neuer Veranstaltungstermin dazukommt. Ich fände es fantastisch, wenn wir die Plattformen erweitern – von den klassisch-bürgerlichen Orten wie Theatern hinein in die Betriebe oder Sportheime oder die Räume von Caritas und Diakonie. Und natürlich wollen wir die Debatte auf unserer Internet-Seite dokumentieren, damit die Gespräche nicht einfach verpuffen. Am Ende kann daraus so etwas wie eine „Plattform für eine lebendige Demokratie“ werden.