Die Wahl des Ortes für das Gespräch war nicht schwer. Es ist das Café Hackescher Hof, denn das preist Irina Liebmanns jüngstes Buch „Das Lied vom Hackeschen Markt“: „Für sowas sind wir nach Prag gefahren, früher!“ Das titelgebende der drei Poeme ist schon in den Neunzigerjahren entstanden, wurde aber bisher nie gedruckt. Da sitzt die Dichterin und beobachtet die Stadt und die Leute, und ihr Blick geht auch in die Vergangenheit.

Wenn Sie jetzt hier sitzen, fällt Ihnen gleich ins Auge, wie sich der Platz weiter verändert hat?

Baulich nicht. Außer, dass hinter dem Bahnhof Hackescher Markt die beiden Neubauten stehen. Hier gegenüber ist jetzt ein anderes Lokal, bei mir heißt es noch Vini e Salumi, jetzt liest man da Chicken Döner und Trattoria.

Es gibt noch ein Buch von Ihnen, das hier spielt, sogar mit Fotos von vor dem Mauerfall: „Stille Mitte von Berlin“. Was zieht Sie immer wieder an diesen Platz?

Es ist nicht der Platz, es ist die Gegend. Ich habe Anfang der Achtzigerjahre hier fotografiert und die alten Frauen befragt, die noch alles wussten, wo der Fleischer war, der Bäcker und der Sargladen. Das war nach „Berliner Mietshaus“.

Sie meinen Ihr erstes Buch, den Porträtband, der so deutlich zeigte, dass jeder Mensch seine Geschichte hat. Sie hatten einfach an jeder Tür geklingelt. Das war in der DDR ein ungewöhnlicher Ansatz.

Ja. Damals hatte ich aber auch jedem Porträtierten seinen Text zum Lesen gegeben, man weiß ja nie, was man so anrichtet. Überhaupt sollte das Haus nicht erkennbar sein. Ich wollte dann freier sein im Schreiben, nicht mehr fürchten müssen, dass ich jemandem zu nahe trete. Also fing ich an, weitläufiger zu recherchieren, dachte: Wenn es kein einzelnes Haus ist, sind die Zuordnungen auch nicht mehr so einfach.

Und was wurde daraus?

Das Material wuchs. Ich habe Kisten und Kisten voll. Das waren nicht nur meine Gespräche, nicht nur die Fotos, auch die Recherchen in den Adressbüchern zu den Geschichten der Häuser. Aber das Buch, das ich damals wollte, konnte ich nicht schreiben.

Wieso? War da doch Angst, jemandem zu schaden?

Nein, das waren gar keine äußeren Zwänge. Ich konnte es einfach nicht. Zu viel Material, und der Ort ist wie ein Sumpf, historischer Sumpf. Die Recherchen kommen in verschiedenen Büchern vor, „Stille Mitte“ haben Sie schon genannt, auch im Roman „In Berlin“, auch in „Die freien Frauen“. Hier fing so vieles an. Ich war immer überzeugt davon, dass dies hier die schönste Gegend Berlins werden könnte: Es war das einzige geschlossene Viertel, das noch stand. Das fand ich spannend und unglaublich lebendig.

Ach. Ihre Fotos zeigen kein lebendiges Viertel.

Lebendig durch die Menschen. Die waren alle da. Die kannten sich auch, die Kneipenwirte, die Ladenbesitzer. Jedes Haus sah anders aus: Die Höfe, die Fahrstühle, die Schilder. Und überall ein Hinterzimmer, wo ich bald willkommen war. Der Unterschied zwischen Drinnen und Draußen war ja im Sozialismus ganz stark.

Ihre Texte aber sind immer lebendiger geworden. „Das Lied vom Hackeschen Markt“ verleitet schon beim Lesen zum Mitsummen.

Ja? Schön!

Was bringt Ihre Worte zum Schwingen, wenn Sie von Plätzen wie diesen schreiben?

Das ist die reine Liebe. Ja, Poesie ist auch Liebe. Wenn man sich freut und Schönheit erkennt oder Verbundenheit, dann kann es auch passieren, dass man abhebt. Es muss ja nicht alles nur furchtbar sein! Wir haben diese wunderbare Lebenszeit, dass wir mitansehen konnten, wie das hier auflebt.

Aber wie kommt nun die Stadt in das Gedicht?

Durch das Laufen, bei mir ist das so. Ich laufe, laufe, laufe durch die Stadt, wie eine Nähmaschine. Ich kenne Berlin, sagen wir mal: innerhalb des S-Bahnrings, vor allem zu Fuß. Das macht mir Freude. Man kann stehenbleiben, zurückgehen, auch umkehren, man kann etwas anfassen, nachfragen. Das Laufen rhythmisiert die Wahrnehmung. Und dann kommt dazu das Berlinische, finden Sie nicht auch?

Das Berlinische in seinem ganzen Spektrum: das Zugewandte, Direkte, zuweilen Mürrische.

Ah, Sie sehen das inhaltlich! Ich meine die Diktion, den Ton.

Das melodische Sprechen, das die alten Berliner noch haben?

Ja, aber auch das widerständige Sprechen. Das meint der Thierse doch hoffentlich, wenn er sagt: Die Schrippe soll nicht verschwinden. Er macht das an diesem Wort fest. Was mir fehlt, wenn das Berlinische verschwindet, das ist der widerständige Geist. Das war immer der Blick von unten. Das ist schon in den Revolutionen entstanden, im Vormärz, auch 1848. Der Eckensteher Nante war eine politische Figur. Sogar in der DDR hatte der Berliner den kritischen Blick.

Die drei Poeme in dem neuen Buch sind schon einige Jahre alt. Schreiben Sie denn bis heute Gedichte, wenn Sie etwas interessiert?

Natürlich, aber die will ja keiner haben. Inzwischen sind wir an dem Punkt angelangt, da es heißt: Literatur ist Roman. Jede Form, die davon abweicht, ist ganz gefährlich. Da werden die Marktsegmente gesucht und nicht gefunden. Da sehen Sie die Verarmung der Warengesellschaft.

Ihr biografischer Roman über Ihren Vater „Wäre es schön? Es wäre schön!“ war doch sehr erfolgreich, eher ein Sachbuch. Ist Ihr Buch „Drei Schritte nach Russland“, das im März erscheint, so ähnlich?

Das passt auch nirgends so gut rein, nicht Roman, nicht Sachbuch. Ich nenne es jetzt Erzählung. Man könnte auch von Reisebildern sprechen, auch wenn es eher innere Bilder sind.

Sie sind ja 1988 aus der DDR ausgereist und nach Westberlin gegangen. Wo wohnen Sie jetzt?

In Mitte.

Kehren Sie auch schreibend wieder zu diesem Platz zurück?

Tatsächlich will ich immer noch dieses eine Buch schreiben, für das ich so viel Material gesammelt habe. Dafür suche ich noch die richtige Form. Ich möchte nicht wie Kempowski im „Echolot“ nur die Stimmen und Dokumente aneinanderreihen.

Ist die Entscheidung für die Form die Voraussetzung für Ihr Schreiben?

Ja, die bestimmt dann auch die Sprache. Wenn man die Sprache nicht gefunden hat, kann man auch nicht schreiben. Der Kunstgriff, den man gefunden hat für das Erzählen, enthält in der Anlage den ganzen poetischen Einfall. Und darin liegt eine tiefere Wahrheit, die eigentliche Entdeckung, die man aber so schnell gar nicht begreifen kann.

Das Gespräch führte Cornelia Geißler

Buchpremiere Do (24..1.), 20 Uhr, Volksbühne, Tel. 24 06 57 77