Ystader Straße, Nordisches Viertel. Nur ein kleines Schild weist darauf hin, dass sich hier das Studio von Jazzanova befindet. Die Tür öffnet Axel Reinemer, der das Musikerkollektiv einst ins Leben rief. In der in das Studio integrierten Küche sitzt Stefan Leisering, der andere der beiden Gründerväter.

1995 haben sich die zwei Soundtüftler aus Oberschöneweide mit den DJs Alexander Barck, Jürgen von Knoblauch und Claas Brieler zusammengetan. Brieler wird später auch noch zum Gespräch dazustoßen; der Rest ist in der Welt verteilt.

Es gibt eisgekühlten Espresso, und schnell wird klar: Jazzanova machen hier nicht nur Musik, sie sind hier zu Hause. Allerdings sind seit ihrem letzten Album zehn Jahre vergangen. Im Pop ist das eine Unendlichkeit. Seit Freitag ist „The Pool“ im Laden.

Ihr letztes Album erschien vor einem Jahrzehnt. Da ist viel passiert, auch bei Ihnen: eigenes Label, eigene Radioshow, Welttournee. Waren es gute Jahre?

AXEL REINEMER: Sie waren eine riesige Bereicherung und haben eine Menge verändert. Speziell das Reisen war für mich und Stefan eine neue Erfahrung. Die DJs sind ja schon vorher viel rumgekommen. Stefan und ich wollten auch mal aus dem Studio raus. Mit unserem letzten Album „Of All The Things“ hatten wir uns dafür entschieden, die Musik live in der Welt zu präsentieren. Es war natürlich spannend zu sehen, wie die Leute darauf reagieren, und zu erleben, wie unterschiedlich das in verschiedenen Ländern ist. Man hat gelernt, lockerer mit Sachen umzugehen, die Perspektive ändert sich. All das findet sich jetzt auch in der Musik wieder.

Sie meinen auf Ihrem neuen Album „The Pool“?

STEFAN LEISERING: Ja, die Songs sind eine Sammlung der Zeit. Es war uns wichtig, mit den Vokalisten über die Inhalte der Songs zu sprechen. In den letzten Jahren war es eher so, dass eine Art Jetset-Leben besungen wurde. Der Sänger kommt her, ist in Berlin, macht Party. Jetzt wollten wir aber keine Partyhits.

Welche Musik haben Sie in Ihrer Kindheit gehört?

LEISERING: In den 80er-Jahren war es definitiv HipHop. Oder irgendwelche Platten aus der Sammlung meiner Eltern. Hot Chocolate habe ich zum Beispiel ganz cool gefunden.

REINEMER: Ja, HipHop war immer unser Ding. So jazzy HipHop, Latin, Brazil.

Wollten Sie schon immer Musiker werden?

REINEMER: Spielerisch mit Sounds umzugehen, das gefiel uns schon immer. Stefan und ich kennen einander ja schon seit unserer Kindheit. Wir sind beide im Osten in Oberschöneweide groß geworden. Schon damals hat es uns immer einen Heidenspaß gemacht, Sounds mit Technik zu verbinden.

Wie haben Sie das gemacht?

REINEMER: Zum Spaß haben wir uns unsere eigene Radioshow ausgedacht. Die haben wir dann nur für uns aufgenommen.

Wie alt waren Sie da?

REINEMER: So 12, 13. Wir haben gerne herumexperimentiert. Das hat Bock gemacht. Dann ist die Mauer gefallen, und man konnte sich auch mal ein Keyboard oder einen Drumcomputer kaufen und damit rumhantieren. Davor habe ich eine Lehre als Elektroniker gemacht. Als dann plötzlich zwei Stücke von uns im Radio gespielt wurden, wurde es auf einmal spannend.

LEISERING: Wir haben uns einfach für HipHop interessiert. Dabei ging es eher um das Aktiv-Sein, das In-der-Szene-Sein, vielleicht auch mal ein bisschen Geld mit einem Liveauftritt verdienen. Dann ging das so Schritt für Schritt. Wir haben die DJs kennengelernt, wurden Jazzanova und dann mit zwei Songs relativ überraschend erfolgreich. Vorher habe ich Germanistik studiert.

Wie haben Sie einander denn kennengelernt?

LEISERING: Die DJs, also Alex, Jürgen und Claas, hatten 1995 öfter im Delicious Doughnuts in der Rosenthaler Straße aufgelegt. Das war unser Lieblingsclub. Wir hatten die gleichen Interessen und haben schnell festgestellt, dass das gemeinsame Musikmachen gut funktioniert.

Das Delicious Doughnuts musste 2012 schließen. Clubsterben ist noch immer ein sehr aktuelles Phänomen.

REINEMER: Ja, das war damals auch sehr schade. Aber Berlin ist noch nicht verloren. Ich höre auch davon, dass hier und da neue Clubs eröffnen.

CLAAS BRIELER: Ich finde auch, dass es noch etliche gute Clubs gibt oder ständig neue Orte gefunden werden. Letztens war ich zum Beispiel in Neukölln in der Schrippe Hawaii, das hat mir gut gefallen.

Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an die Nachwendezeit denken?

BRIELER: An nicht renovierte Häuser, Wohnungen mit Kohleöfen, weniger Straßenbeleuchtung. Alles war quasi über Jahre unverändert geblieben, irgendwie konserviert; jede Menge freie Flächen, viele Ruinen, Orte, die keine bessere Bestimmung hatten, als irgendwo zwischen Ost und West vergessen worden zu sein. All das wollte auch keiner ändern, aber alle waren sich bewusst, dass es nicht ewig gehen würde. Insbesondere der Osten der Stadt, Mitte, Prenzlauer Berg – der hat sich sehr verändert. Dort sind fast alle Clubs verdrängt worden, und das war eine Entscheidung der Stadt.

Ärgert Sie das?

BRIELER: Ich finde es schade, wenn Orte, an denen alles stimmt, wo jeder sich wohlfühlt, wenn die verschwinden, weil an ihrer Stelle einfach nur mehr Geld verdient werden kann. Ich habe Freunde, die für ihre Studios, ihre Werkstätten, ihre Ateliers keine Alternativen mehr finden und ziemlich weit raus müssen. Dadurch können sie aber Ihre Arbeit nicht mehr machen wie vorher. Der ganze Organismus und auch das, was diese Stadt so besonders macht, wird dadurch verändert.

Viele Künstler halten es in Berlin nicht mehr aus. Der Sänger von Travis zum Beispiel.

LEISERING: Wir schon. Wir sind hier geboren und groß geworden. Ich finde Berlin sogar relativ ruhig. Ich wohne in einer Straße und denke immer: Wahnsinn, wie ruhig es hier ist. Ich finde das total super.

Und Ihre Familie? Darf ich fragen, ob Sie Kinder haben?

BRIELER: Nö, hab’ ich nicht.

REINEMER (ruft laut): Claas ist noch auf dem Markt. Mein Sohn ist jetzt zweieinhalb Jahre alt.

Interessiert er sich schon für Papas Musik?

REINEMER: Und wie. Er tanzt und findet Beats gut. Ein Song vom Album hat es ihm besonders angetan. Er heißt „Heatwave“.

Finden Sie, dass im Radio zu wenig Clubmusik läuft?

REINEMER: Es gibt so Spezial-Sendungen. Da kommt so eine Musik zu einer Uhrzeit, wenn man sich für d en Club fertigmacht ...

... wie die Kaleidoskop-Clubnacht von Jazzanova am Sonnabend auf Radioeins.

REINEMER: Ja, und als Kiss FM da war, hat auch R’n’B mehr eine Rolle gespielt, und jetzt ist es richtig groß. Hat alles seine Berechtigung. Unsere Musik muss auch nicht unbedingt ins Radio. Sie findet auch anders ihre Wege. Youtube und Spotify ersetzen ja für viele das Radio.

Wie finden Sie sich eigentlich unter ihren Tausenden von Platten zurecht?

BRIELER: Das geht schon. Es kommt natürlich vor, dass ich mal eine Platte nicht finde, und dann bin ich total blockiert, weil ich mich frage: Wo habe ich sie verloren, sind noch mehr Platten weg? Mir ist das mehrfach passiert, dass mir Platten auf Gigs geklaut wurden. Ich werde da echt nervös. Bei der letzten Suche sind also fünf Stunden draufgegangen, am Schluss habe ich sie doch noch gefunden, ganz woanders, und ich war heilfroh.

Wie ordnen Sie Ihre Platten denn?

BRIELER: Das sind meist so formale Ordnungssysteme – nach Stilen oder Labels.

Nicht emotional?

BRIELER: Auch emotional. Und gerade bei emotional gibt es viele Unterordner. Zum Beispiel gibt es Platten, die möchte ich gerade als DJ spielen, weil sie mir frisch vorkommen, obwohl sie alt und von 1993 sind. Aber auch LPs aus unterschiedlichen Genres stehen bei mir zusammen, weil sie für mich einen ähnlichen Spirit haben, und so geht das dann immer weiter.

Haben Sie in Berlin einen Lieblingsplattenladen?

BRIELER: Auf jeden Fall Oye Records in der Oderberger Straße. Gute Leute, viele Musikrichtungen und jede Menge spezielle Sachen. Jeder Musikstil hat auch seine Orte. Für Electronica gehe ich zu Hard Wax am Paul-Lincke-Ufer oder zur Spacehall in der Zossener Straße. Institutionen wie Mr Dead & Mrs Free sind ja leider verschwunden.

Stöbern Sie auch noch im Mauerpark nach Vinyl?

BRIELER: Ja, unbedingt, und ich hab in letzter Zeit sogar ganz tolle Dinge gefunden. Ich bin jetzt nicht mehr so viel wie damals unterwegs. Früher war ich wirklich regelmäßig und viel auf jedem Flohmarkt auf Plattensuche. Und noch lange vor der Zeit habe ich überall geguckt, wo Vinyl hätte sein können. Das war ja auch im Buchladen oder sonst wo. Heutzutage nicht mehr, weil es schon so durchgesiebt ist. Ich gucke jetzt auch im Internet.

Haben Sie eine Lieblingsplatte?

BRIELER: Mehrere. Aber mit einer LP verbinde ich eine lustige Geschichte. Sie ist von dem indischen Musiker Charanjit Singh und heißt „Synthesizing: Ten Ragas To A Disco Beat“. Ich habe sie in New Delhi gefunden. Vorher musste der Hausherr aber noch die Affen vertreiben, die im oberen Stockwerk lebten, sozusagen auf den Platten.

Von wann ist die?

BRIELER: Von 1982. Und es war mutmaßlich die erste Platte, auf der der Synthesizer TB 303 und die Drum Machine TR 808 eingesetzt wurden. Damit wurde später Acid House erfunden.

Beschäftigen Sie sich eigentlich nur mit alten Sachen oder interessieren Sie sich auch fürs Jetzt?

BRIELER: Ja, schon. Hauptsächlich verbringe ich Zeit mit einer Generation, die zehn Jahre jünger ist, und dann noch mit einer, die zwanzig Jahre jünger ist. Die zeigen mir dann moderne Platten, und das hält mich an der Sache. Natürlich kaufe ich mir noch Platten, die ich früher auch schon auf dem Kieker hatte. Aber ein Großteil der Platten, die ich jetzt habe, sind ganz anders im Sound. Die Klänge haben sich völlig verändert.

Können Sie das näher beschreiben?

BRIELER: Ja. Von den 80ern reden wir immer alle lange. Aber jetzt ist es auch so digital im Afro-Sound und im Reggae-Sound. Die Leute spielen im Moment wahnsinnig gerne diesen Digi Sug, Digi Reggae, mit Covern gespickt, die wir als Rare Groove gespielt haben. Heute ist alles frischer. Gestern Abend habe ich einen Mix gemacht, der mit meiner Vergangenheit zu tun hat und den ich vorher nicht gemacht hätte. Da sind Titel drin, die erst jetzt für mich besonders geworden sind.

Also bleiben Sie die Alten, nur mit neuen Grooves?

REINEMER: So kann man es wohl sagen.