Adam und Eve sind Vampire und seit Jahrhunderten ein Liebespaar. Sie führten bislang eine Fernbeziehung: Der Musiker Adam hat sich in ein verlassenes Haus in Detroit zurückgezogen, während Eve in der Kasbah von Tanger lebt. Die beiden Helden des neuen, bisweilen hypnotischen Films von Jim Jarmusch, „Only Lovers Left Alive“, sind seit Beginn der Menschheit sowohl Inspiratoren als auch Hüter der schönen Künste. Doch die Welt, in der sie heute existieren, ist von Verfall geprägt: Die Umwelt ist vergiftet, die Menschen sind ungebildet und hirngewaschen durch multimedialen Unterhaltungsterror. Deswegen will Adam Suizid begehen. Eve muss dringend handeln.

Mr. Jarmusch, Sind Sie ein nostalgischer Mensch?

Nein. Ich mag viele Dinge aus der Vergangenheit, und ich lerne auch gern aus der Vergangenheit. Aber ich blicke nicht zurück und denke: Damals war alles besser oder interessanter. Ich halte mich also nicht für einen nostalgischen Menschen.

Adam und Eve, die beiden Vampire in Ihrem Film, haben unendlich viel Zeit, um zu lernen und zu studieren. Sie sind unabhängig von Moden und Trends. Sie speichern Kultur und Bildung. Verkörpern die beiden für Sie eine Art Utopie?

Die beiden leben seit Jahrhunderten. Auf der einen Seite sind sie hochgebildete, hochkultivierte Wesen: Sie kennen sich in der Geschichte aus, wissen Bescheid über Naturphänomene, sind bewandert in den Wissenschaften und allen erdenklichen kulturellen Ausdrucksformen. Aber ich glaube, dass jede halbwegs intelligente oder interessierte Person, die 500 oder tausend Jahre am Leben wäre, diese breite Bildung hätte. Ich sehe „Only Lovers Left Alive“ als Charakterstudie dieser beiden Wesen. Und sie sind zunächst einmal sehr besondere Wesen, die über die Zeiten hinweg eine Menge Wissen akkumuliert haben.

Das Problem unserer Sterblichkeit ist ein wichtiger Impuls für den menschlichen Drang, Kunst zu erschaffen. Vampire kennen dieses Problem aber nicht. Wie verändert die Unsterblichkeit deren Einstellung zur Kunst, zur Liebe?

Alles dauert länger! (Lacht) Adam und Eve haben einen Überblick über die Menschheitsgeschichte. Sie folgen den Dingen über viel längere Zeiträume als wir. Wenn die Geschichte von „Only Lovers Left Alive“ beginnt, sind Adam und Eve nicht beieinander. Er lebt in Detroit und sie in Tanger. Wie lange waren die beiden getrennt? Ich weiß es nicht. Ein Jahr ist für sie vielleicht so wie ein Wochenende für uns. Ihr Zeitgefühl ist völlig anders, gedehnter. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu uns.

Sind Adam und Eve überhaupt verwandt mit Christopher Lee und seinen klassischen Vampirgestalten in der Kinogeschichte?

Unser Film ist kein Horrorfilm. Er will keinen Schrecken verbreiten. Er ist ein Porträt dieser Figuren und eine Art Liebesgeschichte. Christopher Lee (u.a. „Dracula“) ist nur eine mögliche Verkörperung eines Vampirs. Aber es gibt im Kino noch Hunderte andere. Viele interessieren mich. Und viele nicht. Mir gefallen eher die ungewöhnlicheren, weniger vorhersagbaren, weniger formalisierten Vampirfilme. Ich mag Filme, die ein Genre nutzen und dann die Erwartungen an dieses Genre zu unterlaufen. Das hat mich immer interessiert, ob ich nun einen Western wie „Dead Man“ mit Johnny Depp gemacht habe oder „Down by Law“ über einen Gefängnisausbruch. All diese Filme lösen sich von den Erwartungen des Genres. Und bei den Vampirfilmen gefallen mir eben auch die, die sich von den Vorgaben des Genres lösen.

In „Only Lovers Left Alive“ tauchen Referenzen an Zombie-Filme auf. Meist wird der Begriff „Zombie“ von den Vampiren als Schimpfwort verwendet. Wer sind hier die Zombies?

Die Menschen. Die nicht vampiristischen Menschen. Wir müssen uns darüber klar sein, dass Vampire menschliche Wesen sind. Zombies sind das nicht. Sie sind gestorben und wurden dann zu Untoten. Vampire sind nicht gestorben. All das ist natürlich eine Mythologie, die man abwandeln kann. Aber Vampire sind menschliche Wesen, die in Kreaturen verwandelt wurden, die von Blut abhängig sind. In meinem Film gibt es da einen gewissen Widerspruch: Die Vampire sind nämlich Snobs, die sich ständig gestört fühlen durch die Dummheiten der Menschen. Durch den Zustand der Welt, durch all das, was die Menschen anders hätten machen können, wenn man auf die Geschichte blickt. Und aus dieser Enttäuschung heraus nennen sie die Menschen Zombies.

Sie drehen gern in Städten, die schon bessere Zeiten gesehen haben? Was hat Sie an Detroit interessiert? Am Niedergang? An der Guerilla-Existenz, die die Vampire dort führen?

Meine persönliche Meinung über Detroit weicht ab vom Film. In „Only Lovers Left Alive“ sieht man nur wenige Bewohner von Detroit, es ist eine sehr desolate Stadt. Tatsächlich leben dort aber immer noch erstaunliche Menschen. Der Film zeigt ein reduziertes Bild: Detroit als verlassenen Ort, der er größtenteils auch ist. Ein Ort, an dem sich Adam verstecken und seine avantgardistische Musik machen kann. Die musikalische Kultur ist immer prägend für diese Stadt gewesen: Was auch ökonomisch mit Detroit geschieht – es wird diese starke Strömung nicht aufhalten, die dort alles unterspült. Es begann mit Swing aus Detroit. Der Blues-Musiker John Lee Hooker lebte in Detroit. Motown kam aus Detroit. Die Widerauferstehung des Rock ’n’ Roll begann in Detroit, mit den White Stripes, The Dirtbombs. Elektronische Musik und House Music sind ohne Detroit nicht denkbar.

Das Museum von Detroit ist dabei, seine Kunstwerke zu verscherbeln, weil die Stadt pleite ist.

Das ist sehr traurig. Und das sagt sehr viel über den Zustand des amerikanischen Imperiums, das sich nicht mehr um seine Kultur kümmert. Denken Sie daran, was nach dem Hurrikan Katrina in New Orleans geschehen ist. Oder besser nicht geschehen ist. Und wenn wir von Städten sprechen, die ich liebe: New Orleans war eine der fantastischsten Städte Nordamerikas. Sogar der Welt! Nach Katrina wurden die armen Leute aus der Stadt entfernt, es wurden Reichen-Viertel und Casinos errichtet. Oder denken Sie an die Leute in Long Island, deren Häuser beim Hurrikan Sandy zerstört wurden. An Obamas Gesundheitsreform und an das, was daraus geworden ist. Warum ist das angeblich reichste Land der Welt nicht in der Lage, seine Bürger gesundheitlich zu versorgen? Oder Brücken und Unterkünfte zu bauen? Amerika ist im Niedergang. Ein untergehendes Imperium in der Hand der Konzerne.

Detroit verkörpert diesen Niedergang. Ist Adams avantgardistische Rockmusik, die er auf analogen Tonbändern aufnimmt, der gegenwärtige Soundtrack von Detroit?

Adams Rockmusik ist für mich die perfekte Fortsetzung der Musikgeschichte von Detroit. Es geht aber weniger um die Feier des Analogen als darum, offen zu sein für die verschiedensten Technologien in der Geschichte. Die Technik, die Adam benutzt, stammt zum Teil aus den 1950er-Jahren. Sie kommt uns alt vor, dabei ist das gar nicht so lange her. In den vergangenen 50 Jahren hat sich die Technologie zwar rasant entwickelt, aber diesen gar nicht so alten Tonbandgeräten wohnt eine große Schönheit inne. Die jüngere Generation sucht wieder nach Schallplatten; es gibt ein Revival von Musikkassetten. Die analoge Aufnahmetechnik produziert einen besonderen, warmen Sound, an dem viele Leute heute wieder sehr interessiert sind. Das bedeutet nicht, dass die digitale Technik weniger interessant wäre. Als ich Schwarzweiß-Filme drehte, fragten mich Leute: „Warum drehst Du in Schwarzweiß ? Es gibt doch Farbfilm!“ Das hat mich immer erstaunt. Genauso gut könnte man fragen: „Warum malst Du ein Bild – es gibt doch Fotografien!“ Warum benutzt man nicht die Techniken, nach denen einem gerade zumute ist – sie sind doch alle da! Das ist meine Haltung zur Technologie. Die digitale Technik hat viele Vorteile, und dieser Film ist der erste, den ich digital gedreht habe. Ich bin nicht gegen Neuerungen, aber ich möchte die Schönheit der anderen Technologie nicht verlieren. Meine Drehbücher schreibe ich mit der Hand, nicht mit einem Laptop. Wahrscheinlich bin ich einfach alt.

Manchmal scheint es, dass Sie Bilder für eine Stimmung suchen, statt eine Stimmung für ein Bild.

Für mich ist das eins. Ein Film funktioniert letztlich wie ein Musikstück. Er bewegt sich vorwärts wie Musik, anders als wenn man ein Bild anschaut. Oder ein Theaterstück sieht. Ein Film bewegt sich und kann dabei schneller und langsamer werden. Die Musik, die Kamera-Bewegungen, das Licht, die Kostüme, die Maske – all das verbindet sich zu einer Stimmung und wird Teil der Atmosphäre des Films. Und für mich ist es nicht leicht, die Farbe des Himmels vom Timbre einer Schauspielerin zu trennen. Alles trägt zu allem bei und ergänzt sich.

Wären Sie selbst gern Vampir? Dann könnten Sie bis in alle Ewigkeit Filme drehen und Musik machen…

Ewig zu leben, wäre für mich ein erschreckender Gedanke. Ich bin glücklich mit dem menschlichen Lebenszyklus, der uns gegeben ist. Es wäre natürlich schön, und in der Zukunft wird es vielleicht möglich sein, viel länger zu leben. Das könnte interessant sein. Aber der Tod ist Teil unser psychischen Disposition als Menschen. Der Tod hat seinen Schrecken. Aber gar kein Tod – das wäre für mich noch erschreckender.

Das Gespräch führte Anke Leweke.

Only Lovers Left Alive USA 2013. Drehbuch & Regie: Jim Jarmusch, Kamera: Yorick Le Saux, Darsteller: Tom Hiddleston, Tilda Swinton, Mia Wasikowska u.a.; 123 Minuten, Farbe. FSK ab 12.

Ab 25. Dezember im Kino.