Die Akademie der Künste zeigt mit „Was der Körper erinnert. Zur Aktualität des Tanzerbes“ ihr bislang umfangreichstes Programm zur Tanzgeschichte. Die große Ausstellung „Das Jahrhundert des Tanzes“, für die alle großen Tanzarchive Deutschlands kooperierten, wird von vielen prominenten Gastspielen umrahmt. Unter anderem sind Arbeiten von Anne Teresa de Keersmaeker, Stephen Petronio, Padmini Chettur und Dominique Bagouet zu sehen. Überlegungen zu den Methoden des lebendigen Bewahrens können gerade im Bezug auf diese flüchtigste aller Kunstformen exemplarisch sein für Erinnerungskultur allgemein und ein Bewusstsein schaffen für die Dynamik der Vergangenheit. Wir sprachen mit Johannes Odenthal, dem Programmleiter.

Herr Odenthal, vor 25 Jahren hat die Akademie der Künste mit „Jeder Mensch ist ein Tänzer“ die erste große Ausstellung in Deutschland zur Tanzgeschichte ausgerichtet. Hat sich das Thema inzwischen etabliert?

Wenn Künstler, oder überhaupt Interessierte, sich mit Tanzgeschichte befassen wollen, dann sind sie auf unsystematische Plattformen im Netz angewiesen. Es gibt nach wie vor kein Museum und kein offenes Archiv, in dem ich fundiert etwas über die großen Aufbrüche im frühen 20. Jahrhundert oder über die Tanz-Revolutionen der 1970er- und 80er-Jahre erfahren kann.

Aber es gibt doch Förderungen – oder war alles umsonst?

Nein. Das Projekt Tanzfonds Erbe, das sich diesem Thema durch die Förderung der Kulturstiftung des Bundes acht Jahre lang widmen konnte, war wichtig. Mit seiner Initiative für Rekonstruktionen und Reenactments hat Tanzfonds Erbe einen wichtigen und notwendigen Prozess in Gang gesetzt. Die Akademie hat das mit ihren Tanzarchiven begleitet. Mit der Ausstellung „Das Jahrhundert des Tanzes“ und dem großen Programm wollen wir jetzt, zum Abschluss von Tanzfonds Erbe, noch einmal den Bogen sehr weit schlagen und die Erinnerungskultur im Tanz weiter fortschreiben.

Was sind dabei Ihre Fragen?

Man muss sich damit auseinandersetzen, wie sich die Tanzgeschichte in der Arbeitsweise von Choreografen und Tänzern niederschlägt. Wie gehen sie mit dem Tanzerbe um? Woran wird sich erinnert? Warum erinnert man sich an was? Welche Strategien der Erinnerung gibt es? Ist ein Tanzarchiv, in dem Gegenstände liegen, die richtige Methode, um an Tanz zu erinnern? Bräuchten wir ein Tanz- und Tanzfilmmuseum? Bei einer Kunst wie dem Tanz, wo die Körperlichkeit so an die gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Erfahrungen der jeweiligen Zeit gebunden ist, bedeutet Erinnerung auch immer Vergegenwärtigung.

Ist das Ganze für jemanden jenseits von Expertenkreisen interessant?

Tanz hat ein unglaublich innovatives Potenzial, was grundsätzliche Fragen zum Umgang mit Geschichte betrifft. Die Tänze von Mary Wigman etwa oder von Valeska Gert sind nicht mehr eins zu eins aufführbar. Die Auseinandersetzung mit dem Erbe, die wir in unserem Programm zeigen, sind Aneignungsprozesse, in denen immer auch die sozialen Veränderungshintergründe mit thematisiert und sichtbar werden. Wir sehen gleichzeitig unterschiedliche Entwürfe davon, wie man mit Geschichte umgehen kann. Vergangenheit ist nicht statisch. Aber das Zementieren und Festfrieren, das In-Stein-Meißeln von Vergangenheit, wie exemplarisch mit der Schlossfassade, versucht, Vergangenheit statisch zu definieren. Der Tanz zeigt uns eine Möglichkeit, mit Vergangenheit umzugehen in der das Gedächtnis als eine lebendige, transformatorische Kraft begriffen wird.

Wie lässt sich Tanzgeschichte überhaupt in eine Ausstellung bannen?

Wir haben ungefähr 75 Objekte aus den vier nationalen Tanzarchiven in Köln, Leipzig, Bremen und Berlin in Verbindung zu 100 Fotografien und Videos gestellt, die sich auf dieses Material beziehen. Es gibt jeweils die Objekte mit ihrer Aura als Ausgangspunkt, die Hexentanz-Maske von Mary Wigman zum Beispiel, die Masken von Jean Weidt oder das Werkbuch von Dore Hoyer bis hin zur Röntgenaufnahme ihres zerstörten Knies. Der Befund war sicherlich ausschlaggebend für ihren Freitod.

Auf dem Aufführungsprogramm stehen verschiedene Reenactments von Dore Hoyers „Afectos Humanos“, die sich dem legendären Stück vermutlich jeweils aus ganz anderer Perspektive nähern.

Ja, das ist die Idee. Die Sozialisierungsprozesse, denen wir als Individuum ausgesetzt sind und die uns ausmachen, hängen mit kulturellen, mit historischen Entwicklungen zusammen. Das wird deutlich sichtbar, etwa wenn in den drei Interpretationen − von Niels Freyer, Pol Pi und Renate Graziadei − das historische Material mit eher gegenwartsbezogenen Genderfragen verwoben ist. Der zeitgenössische Tanz war am Anfang des 20. Jahrhunderts für die Emanzipation von tradierten Frauenbildern sehr wichtig. Ästhetische Formen, etwa in der künstlerischen Auseinandersetzung mit sozialer Ungerechtigkeit, wurden radikal infrage gestellt. Das hatte eine Triebkraft, die uns heute kaum noch gegenwärtig ist.

Vielleicht setzen sich auch deshalb immer mehr Choreografen explizit mit historischem Material auseinander. Teilen Sie diese Beobachtung?

Ja, und das ist nicht nur in Deutschland oder Frankreich so. Die Fragen der Rekonstruktion und des Fortschreibens von Tanztraditionen, die Fragen nach körperlichen Erinnerungen und der direkten Weitergabe von Tänzerin zu Tänzerin, auch Fragen zu Notation und Formen der Dokumentation, sind im Tanz weltweit in den letzten zwanzig Jahren ein Thema geworden. Wir sprechen von einem Archival Turn. Choreografen begreifen künstlerische Produktion und Archivbildung zunehmend als einen gemeinsamen Prozess. Und spätestens in diesem Moment wird es lebendig.

Was der Körper erinnert 24. 8. bis 21. 9., Programm und Karten: www.adk.de