John Lydon hat einst mit den Sex Pistols den Punkrock erfunden. Nach deren Auflösung widmete sich mit seiner Formation Public Image Ltd. dem musikalischen Experiment. Nach 20 Jahren Pause haben sich PiL 2012 wiedervereint und nun eine neue LP aufgenommen.

Ihr neues Album heißt „What the World needs now …“ Bei Bacharach & David setzte sich diese Phrase berühmterweise mit den Worten „… is love, sweet love“ fort.

Ja, Hal David, das war schon ein toller Songwriter. Aber diesen Zusammenhang hätte ich nicht hergestellt.

Bei Ihnen dagegen heißt es, was die Welt brauche, sei „another fuck off“.

Also, der Titel unseres Albums ist ja ein offener Satz, den man fertigstellen kann, wie immer man will. Aber der Song namens „Shoom“, auf dessen Text Sie sich hier beziehen, ist wieder was anderes. Die darin vorkommende Zeile „What the world needs now is another fuck off“ handelt von meinem Vater. Ich vermisse ihn sehr. Er starb zwei Jahre, bevor wir diese Platte machten, und ich wollte seinen Sinn für Komik und Ironie festhalten. So sprach mein Vater, wenn man mit ihm im Pub zusammensaß. Das ist eine Hommage an ihn, beinahe ein Requiem.

Sie haben auch einen neuen Song namens „Corporate“ auf der Platte, in dem Sie von den Mördern in den Konzernen singen. Zwischendurch kommt die sarkastische Zeile „Welcome to iCloud“ vor. Da geht es wohl um das Dilemma, dass wir die Computer der mörderischen Konzerne brauchen, um in dieser Welt zu kommunizieren.

Ja, wir zahlen für das Privileg, dass die unsere privaten Informationen missbrauchen. Und mit dieser Gier der Konzerne habe ich ein Problem. In dem Song sind aber auch ein paar Referenzen an die sehr großen Plattenfirmen drin, die ich ertragen musste. Sie müssen wissen, dass ich fast zwei Jahrzehnte nicht als Musiker arbeiten konnte, weil meine Plattenfirmen mich durch meine Schulden in Geiselhaft hielten. Ich musste mich aus der Welt der Musik hinausbewegen, um mich von diesen Labels freikaufen zu können.

Und jetzt, wo die alte Ordnung der Plattenfirmen implodiert, haben wir es stattdessen mit Konzernen wie Apple Music zu tun.

Genau. Eine ebenso unerfreuliche Ausbeutung der Künstler. Wir sind grundsätzlich ungeschützt da draußen. Egal, wie schlau unsere Anwälte sind, man kann uns immer ausnehmen. Und Apple ist genauso ein übler Konzern wie alle anderen.

Es war ja Ihre kontroverse Werbekampagne für britische Butter, die das Comeback von Public Image Limited finanziell ermöglichte.

Ja, das war, was uns aus dem Sumpf herauszog. Da haben Sie’s wieder: Ich musste das Musikgeschäft verlassen, um Unterstützung zu kriegen. Diese Leute behandelten mich mit dem äußersten Respekt, und wir machten aus diesen Butter-Werbungen 30-Sekunden-Filme höchster Komödienkunst, die für die britische Molkereiwirtschaft Wunder wirkten. Und dann haben sie mich erst recht bemogelt, als sie den Vertrag nicht bis zum Ende laufen ließen. Ich kriegte also nicht wirklich das große Geld, aber ich kriegte genug. Heute sind wir unabhängig. Bei PiL spielten immer schon Leute, die die Musikindustrie nicht mag, weil wir dieses Superstar-Spiel nicht mitmachen. Als die Rock’n’Roll Hall of Fame den Sex Pistols ihren dummen Preis verleihen wollte, hab ich abgelehnt. Das war dieselbe Plattenindustrie, die mich existenziell stranguliert hatte. Es kam nicht in Frage, dass ich mich als deren neuestes Haustier adoptieren lassen würde. Niemals!

Im ersten Song Ihres neuen Albums beschweren Sie sich darüber, dass Ihre Frau Ihnen wieder einmal aufträgt, die Toilette zu reparieren.

Ja, und das ist auch ein würdiges Thema für einen Song. Denn das ist die Wirklichkeit, und ich lebe in der Wirklichkeit. Das Resultat war, dass unsere Toilette repariert wurde.

Von Ihnen selbst?

Nein, ich holte den Klempner! Es war nicht meine Berufung im Leben, Toiletten zu reparieren. Ich versuche zu singen.

Sie gehören immerhin zu einer Generation, in der Sprösslinge der britischen Working Class noch in die Pop-Welt vordringen konnten. Jetzt scheint die ganze junge Pop-Prominenz aus Privatschulen zu kommen.

Ja, die Tür ist verschlossen. Aber ich werde vom Establishment auch nie akzeptiert. Und ich bin froh darüber. Ich bin ein geborener Rebell, genauso wie meine Eltern und deren Eltern, und wir werden das noch in 200 Jahren so pflegen, wenn die Welt sich immer noch nicht verändert hat. Dieser Kampf geht weiter, aber er braucht keine Fahne zum Herumwedeln. Ich bin der König der Punks, das kann niemand leugnen. Ich habe mir diesen Rang verdient, und ich werde ihn auch nicht so leicht wieder aufgeben. Ich gebe ein gutes Beispiel für die jungen Leute ab: Du kannst das Scheiß-System schlagen, aber du brauchst dafür viel Geduld und Ausdauer.

Aber Rockmusik wird wohl nie wieder so eine große gesellschaftliche Relevanz besitzen wie die Sex Pistols zu Zeiten des Punk.

Das Schlechte am Zusammenbruch der Plattenfirmen ist, dass dabei auch die Stimme der Rebellion in der Musik zerstreut wurde. Das ist keine schöne Aussicht. Aber man kann auch nicht da sitzen und warten, dass einem Geld auf die Hand fällt. Man muss sich aufrichten und was tun. Und wir können übrigens auch nicht alle Sänger sein. Ich war ja selber nie ein Sänger. Ich weiß nicht, was ich tue, ich mach Stimmgeräusche aus dem Herzen. Ich hätte genauso gut Klempner werden können, das ist mittlerweile offensichtlich.

Was halten Sie davon, was aus Ihrer Heimatstadt London geworden ist?

Es ist abscheulich, alles wird gentrifiziert. Langsam aber sicher wird die örtliche Bevölkerung raus in die Vorstadt gedrängt. Dabei war die Vorstadt früher der Ort, wo die Reichen lebten. Am Ende werden sie all diese Innenstädte in sehr leere Gegenden verwandeln. Das ist solch ein Verlust, solch eine Schande. Wir brauchen diese Fokuspunkte, unser West End, unser Soho. Da kommt der Sinn von Gemeinschaft her.

Das Londoner Zentrum war zur Zeit des Punk allerdings ein vergleichsweise düsterer Ort.

Aber es war unser Ort! Was da jetzt passiert, ist eine Ghettoisierung. Eine sehr kleine Minderheit von Millionären macht sich zu Milliardären, auf Kosten der Kultur. Die Kreativität wird dem großen Geld geopfert.

Sie schreiben in Ihrer neuen Autobiografie ja auch viel über Ihre Erfahrungen in Berlin, dort passiert schon seit einiger Zeit Ähnliches.

Berlin war früher eine 24-Stunden-Stadt, für mich der interessanteste Ort Europas. Es gab immer großartige Musik in den Clubs. Alles war großartig. Als dann die Mauer fiel, war Amerika nicht mehr so interessiert daran, die Russen zu ärgern. Also ist Westberlin jetzt mehr wie Ostberlin geworden als umgekehrt. Alles wurde auf den kleinsten gemeinsamen Nenner heruntergeschraubt. An sich sind ja alle politischen Parteien wie kopflose Hühner, weil sie keine Art von Vorausblick kennen. Aber sie lassen uns im Nachhinein die Konsequenzen ausbaden. Uns bleibt nichts, als weiter die Botschaft zu verbreiten, dass das, was sie tun, uns langsam aber sicher zerstört. Viva la Revolución, möge sie eine passive sein.

Das Gespräch führte Robert Rotifer.