Die 2001 in Hamburg gegründete Indie-Rockband Kettcar gehört zu jenen, deren Textzeilen man sich am liebsten aufs Kopfkissen sticken möchte. Ihr neues, viertes Album heißt „Zwischen den Runden“ (Grand Hotel Van Cleef/ Indigo) und präsentiert nachdenkliche Wohlfühlmusik mit schönen Melodien. Im Interview erzählt Sänger und Texter Marcus Wiebusch, warum er nicht verweichlicht ist und was das mit Sabberfäden zu tun hat.

Herr Wiebusch, Glückwunsch zum neuen Kettcar-Album. Aber sagen Sie mal, wo ist denn der Rapper?

Der Rapper? Ach so, Sie meinen, weil Kollege Thees Uhlmann einen Rapper auf seiner Platte hatte?

Ja, und Casper und Kraftklub mit Indie-Rap riesige Erfolge feiern!

Ach nee, wir ziehen unser Ding durch. Selbst wenn nur noch Elec-troclash, HipHop oder Rap auf deutschsprachigen Alben angesagt ist, wird es immer noch Kettcar geben, die diese Art von Songs schreiben. Tatsächlich habe ich aber eine große Affinität zum HipHop. Ich finde HipHop toll. Und ich finde auch Casper und Kraftklub toll. Ich gönne denen jeden Erfolg, aber ich muss da nicht mitmischen oder die ins Boot holen.

Im Song „Schrilles, buntes Hamburg“ rappen Sie ja auch selbst ein bisschen!

Als Rap würde ich das noch nicht bezeichnen. Es ist nur schnell gesprochen! Aber okay, wenn das Wort Rap hilft, dann ist es jetzt Rap.

Derzeit ist viel vom Phänomen der verweichlichten Männer die Rede: Die sind über 30, tragen Bärte, nehmen die Gitarre in die Hand und singen melancholisch-poetisch über die Liebe und das Leben.

Na, da seht ihr Frauen mal, was ihr mit eurem Feminismus angerichtet habt!

Aber gehören Kettcar auch in diese Kategorie Mann?

Hm, wir können auch wieder über Fußball und Krieg singen, wenn euch das lieber ist. Ganz wie ihr möchtet, ihr Frauen! Ich bin Songwriter, ich kann Fußballsongs schreiben, ich kann darüber schreiben, wie ich in den Krieg ziehe oder auf Jagd gehe und fette Beute mit nach Hause bringe. So ganz männliches Zeug halt.

Aber da sind schon eine ganze Menge Liebeslieder auf der neuen Platte!

Mehr als je zuvor! Auf unserem letzten Album „Sylt“ gab es keinen einzigen positiven Song. Es war unheimlich düster und zerrissen, es hat sich viel mit neoliberalen Zumutungen auseinandergesetzt, wie ich es nenne. Diesmal war mir danach, positivere Songs zu schreiben. Lieder, die strahlen. Die haben immer noch diese dunklen Momente wie in „R.I.P.“ oder „Zurück aus Ohlsdorf“, die sehr traurig sind. Aber demgegenüber steht ein Stück wie „Schwebend“, das nach meiner Einschätzung das positivste Lied ist, das ich jemals geschrieben habe!

Von einem verweichlichten Mann?

Wenn du über Liebe schreibst, gerade aus der Sicht eines Mannes, wird es natürlich gefühlsbetont und emotional. Dass das vielleicht Frauen eher anspricht als Männer, dieser Tatsache bin ich mir natürlich bewusst. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass auf unseren Konzerten diese geschlechtsspezifische Zuordnung – nur Männer finden den einen Song gut, nur Frauen den anderen – nicht greift. Ich wehre mich auch dagegen, dass ich Mädchensongs schreibe.

Gut. Frauen stehen sowieso eher auf echte Kerle.

Wenn Sie das sagen! Deshalb habe ich euch „Rettung“ geschrieben, wo die kotzende Frau von ihrem Freund mit nach Hause geschleppt wird. Es ist ein Typ, der sich der Sache stellt und genau weiß, warum er ihr die Kotzebrocken aus dem Haar pult und die Sabberfäden vom Mund wischt – und sich eben nicht gefühlsbetont verweichlicht zurückzieht! Egal, wie bitter, würdelos und traurig die Situation ist, er ist einfach für sie da. So gesehen habe ich also in allen Kategorien alles richtig gemacht.

„Liebe ist das, was man tut“, singen Sie in dem Stück. Sind Sie selbst denn auch ein Mann der Taten?

Ich bin schon sehr, sehr lange mit meiner jetzigen Frau zusammen. Wir gehen in unser elftes Jahr. Und da bin ich durch Alltag und zwei Kinder natürlich nicht frei davon, dass das einschläft, was man so Liebe nennt. Aber in Extremsituationen weiß meine Frau, dass sie sich darauf verlassen kann, dass ich agieren werde und für sie da bin. Das ist die Botschaft des Songs. Denn das ist Liebe.

Da ist das Lied, in dem der Mann nicht so oft „Ich liebe dich“ sagt, wie die Partnerin sich das wünscht. Sprechen Sie da aus eigener Erfahrung?

In Ansätzen bin ich dieser Typ. Aber ich ertappe mich auch dabei, wo ich es einfach so raushaue. Diese drei Wörter klingen durch Billigromane und romantische Hollywood-Komödien abgeschmackt. Und deswegen hat der Protagonist des Songs Probleme damit, sie auszusprechen. Das ist ein Impuls, den ich sehr gut nachvollziehen kann. Ich denke, diese Situation kennen viele Männer. Ich bilde mir das auf jeden Fall ein.

Vielleicht ja auch Frauen?

Vielleicht auch die! Aber ich habe den Song doch ein bisschen aus männlicher Sicht geschrieben. Wahrscheinlich, weil ich ein Mann bin.

Gibt es eigentlich eine interne Rivalität zwischen Kettcar und Ihrem Label-Kollegen Thees Uhlmann, der nun als Solokünstler Erfolge feiert?

Ganz im Gegenteil! Unser Erfolg ist Thees’ Erfolg, und Thees’ Erfolg ist unser Erfolg! Mit jeder Platte, die Thees verkauft, sind wir sozusagen unmittelbar beteiligt – und andersherum. Wir haben vor sieben Jahren mit dem gemeinsamen Label Grand Hotel van Cleef angefangen, damit wir in solchen Kategorien wie „Der eine hat mehr Erfolg als der andere“ überhaupt nicht mehr denken müssen.

Aber Erfolg schadet jetzt auch nicht, oder?

Oh, nein! Als Thees gesagt hat, er macht sein Album, haben wir damit gerechnet, dass er vielleicht die Tomte-Verkäufe halbiert. Denn wenn man als Solokünstler noch mal von vorne anfängt, dann ist das schwierig. Sein grenzenloser Erfolg war dann auch für Kettcar wahnsinnig entlastend. Wir konnten noch freier an die Songs herangehen, weil wir wussten, da ist immer noch Thees. Aber wir sind eh eine Albumband, wir werden immer Alben verkaufen. Da sind wir uns ganz sicher.

Und das mit dem Rapper wollen Sie sich für die nächste Platte wirklich nicht noch mal überlegen?

Sie wollen das aber genau wissen, oder? Nein! Das kommt für uns nicht in Frage.

Das Gespräch führte Katja Schwemmers.Kettcar: So (11. 3.) 20 Uhr, Columbiahalle