Kristin Feireiss ist eine schlanke Frau mit wehenden, roten Locken. Unermüdlich kämpft sie für die Jungen und Neuen in der Architektur. Auf der zum Klönen und Arbeiten perfekten Frühstückstheke in ihrer hellen Dachgeschosswohnung – moderne Kunst, offene Räume – liegen zwei Kataloge im legendären, quadratischen Aedes-Format. Lautlos fallen Blätter aus einer Pfingstrose.

Ein halbes Leben Schlossdebatte liegt hinter uns. Am Freitag wird Richtfest gefeiert. Ein guter Tag?

Sicher ein wichtiger Tag in der Geschichte Berlins. Für mich und viele andere ist er aber auch einer des Nachdenkens über eine vertane Vision und fehlenden Mut zum Aufbruch. Wieso haben wir es in den 1990ern nicht geschafft, die Gesellschaft davon zu überzeugen, dass Besseres möglich gewesen wäre? Jetzt stehen wir vor den Fakten, diesem Mix aus biederem Bürohaus der Achtzigerjahre und nachgebauter Schlossfassade ist sicher für niemanden das Gelbe vom Ei. Aber immerhin, hier ist der erste Bauabschnitt eines Berliner Großprojekts im gegebenen Zeit- und Kostenrahmen fertig geworden. Und ich kann diejenigen um Wilhelm von Boddien, die über zwei Jahrzehnte für diese Schlossidee fochten, nur beglückwünschen.

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Auch zur Wahl des Architekten Franco Stella?

Ich kenne und schätze Franco Stella seit Jahrzehnten als überaus ernsthaften Architekten, als guten Lehrer. Wir haben oft in seiner wunderbaren Wohnung in Venedig zur Architekturbiennale übernachten dürfen. Aber bei den allseits bekannten Vorgaben – Schlossfassade, Schlossumfang, Schlosshöfe – konnte er nicht anders als scheitern. Gute Architektur ist doch mehr, als eine Fassade mit einem Bau zu füllen. Die müssen zusammen stimmen, Funktionen ästhetische Kraft verleihen können und vor allem dem entsprechen, was Karl Friedrich Schinkel einmal sagte: Architektur ist Ausdruck unserer Zeit.

1993 haben Sie sich mit einer eigenen Ausstellung in das Geschehen eingemischt. Der Katalog mit dem Foto der Schlosskulisse ist inzwischen ein gesuchtes Rarissimum.

Ich bin überzeugte Gegnerin des sogenannten Wiederaufbaus. Es ist doch gar keiner, auch keine Rekonstruktion, allenfalls ein Fassadennachbau. Aber das wurde und wird immer wieder verschleiert. Anfang der Neunzigerjahre habe ich also die Architekten David Chipperfield, Hans Kollhoff, Ben van Berkel, Josep Luis Mateo und Axel Schultes, Teo Brenner, Bolles/Wilson und Yves Lion gebeten, diesen historisch so zentralen Ort durch ein zeitgenössisches Gebäude neu zu denken. Es sollte ein Symbol für den Aufbruch Berlins in das 21. Jahrhundert werden. Und dann habe ich Wilhelm von Boddien gefragt, ob wir nicht beide Ausstellungen zusammenlegen wollen. Er hat sofort einen der Säle frei gemacht, die in die Schlosskulisse eingebaut waren, und gesagt: Sollen die Modernen doch mit Schlüter konkurrieren. Tatsächlich wurden die Entwürfe damals genau so wie die Schlossattrappe international intensiv diskutiert.

Aber durchgesetzt haben sich die Anhänger einer heutigen Architektursprache nicht. Warum?

Die Entscheidung für den Fassadennachbau war nur das letzte Glied in einer komplexen Kette von Argumentationen, in der es letztlich gar nicht um die Architektur ging. Nicht weil das Schlüter-Schloss schön war, sollte es wieder aufgebaut werden. Nicht weil es hässlich war, sollte sein Wiederaufbau verhindert werden. An diesem Ort wurden politische und gesellschaftliche Prozesse der Wiedervereinigung ausgetragen. Im Ost- wie im Westteil der Stadt gab es eine große und auch berechtigte Verunsicherung bis hin zur schieren Existenzangst. Der Wunsch nach berechenbaren Werten und vertrauten Traditionen wurde immer größer. Insofern waren die Wahlerfolge der PDS in Ost-Berlin das Spiegelbild der Schlossattrappe. Und für die damals in Berlin herrschende CDU war diese Sehnsucht nach Stabilität eine Steilvorlage, den Wiederaufbau des Schlosses zu betreiben. Zumal damit der ungeliebte Palast der Republik als das Symbol der DDR schlechthin weichen musste.

Aber es gab das Asbestproblem, selbst nach DDR-Recht hätte der Palast schon lange vor 1990 geschlossen werden müssen.

Das Asbestproblem war zu keinem Zeitpunkt ein wirklicher Grund für den Abriss. Man hat in Berlin zum Beispiel an der Architekturfakultät der TU gezeigt, dass man ein für erhaltenswert befundenes Gebäude auch von Asbest befreien und danach wiederherstellen kann.

Also eine verlorene Schlacht?

Die Antwort ist ein klares Ja. Leider. Allen Gegner des Stadtschlosses, und dazu gehörte die geistige, kulturelle und architektonische Elite dieser Stadt und Deutschlands, ist es nicht gelungen, mit klugen, differenzierten Argumenten politische und populistische Parolen zu entkräften und nach dem Fall der Mauer eine tragfähige, eben auch Sicherheit versprechende Vision für die Stadt von Morgen zu entwickeln.

Sie haben nicht aufgegeben. Ich sehe da den Katalog der Ausstellung von 2001 mit dem Vorschlag eines Central Park für Berlin vor uns liegen.

Christoph Ingenhoven hat den gemacht. Das wäre meine Wunschalternative gewesen. Der Abriss des Palasts war ja beschlossene Sache. Aber Berlin hätte mit einem großen grünen Garten nach dem hektischen, Wiederaufbau der 1990er-Jahre mitten im Zentrum der Stadt Raum zum Luft holen, zum Entschleunigen erhalten. Wir hätten Zeit bekommen, unsere Mitte zu finden und kommenden Generationen eine Chance gegeben, die Stadt neu zu definieren. Jetzt haben die alten Männer und Frauen mit ihren Nachkriegstraumata gesiegt, der Sehnsucht nach einer angeblich besseren alten Zeit.

Immerhin soll eine überaus moderne Nutzung in die Schlosskulisse einziehen, ein Zentrum für Weltkultur.

Abgesehen einmal davon, dass ich die Zentrierung von Kultur und Kunst eigentlich nicht für einen stadtverträglichen Weg halte, so liegt hier wohl die einzige Chance für eine kulturell erfolgreiche Zukunft des „Schlosses“. Dass der chinesische Architekt Wang Schu, mit dem wir 2001 die erste Ausstellung bei Aedes hatten und der durch seine minimalistischen Bauten wie durch den sensiblen Umgang mit historischer Architektur und Kunst bekannt ist, einen Saal in der chinesischen Abteilung gestaltet, ist eine sehr kluge Entscheidung.

Ist das nicht Ethnozentrismus: Ein Chinese gestaltet einen Raum über chinesische Geschichte?

Mit Ethnozentrismus hat das gar nichts zu tun. Wang Shu ist einfach ein sehr, sehr guter Architekt, der sich selbstverständlich mit der Geschichte und Kunst seines Landes besonders intensiv beschäftigt hat.

Die übrigen Abteilungen werden bisher von dem New Yorker Büro Applebaum konzipiert. Ist das Modell Wang Shu auch für andere Ausstellungen tragfähig?

Es macht für mich überhaupt nur einen Sinn, wenn es nicht allein bleibt, sondern Teil eines übergreifenden Gestaltungskonzepts wird. Es gibt hervorragende Architekten in Süd- und Mittelamerika, Afrika, Asien, Indien, die man für das Humboldt-Forum fragen sollte. Noch ist ja nur der Rohbau fertig.

Wie wird eigentlich das Projekt international in der Architektenschaft wahrgenommen?

Skeptisch. Ratlos. Mit freundlichem Spott. Trotz allem Kult um das hippe Berlin scheint die Stadt hier doch provinziell zu sein. Am Wochenende hatten wir zur Eröffnung der Medellin-Ausstellung viele Gäste aus Lateinamerika oder Hongkong, die den Nachbau einfach nur seltsam fanden. In diesen Ländern hat man derzeit viel eher den Mut, trotz großer Unsicherheit mit qualitätvoller zeitgenössischer Architektur neue Impulse zu setzen.

Würde heute die Schlossdebatte anders ausgehen?

Ganz sicher. Das Zwitter-Schloss ist kein Zeichen für eine Vision, keines für das Berlin, wie es heute ist, für seine Dynamik, seine Kreativität, seine Vielfalt. Es ist das in Stein gehauene – genauer gesagt in Beton gegossene – Symbol für eine Stadt im harten Umbruch. Aber den haben wir überwiegend bewältigt. Das sogenannte Schloss ist schon am Tage seines Richtfestes deswegen nur noch Geschichte.

Die Fragen stellte Nikolaus Bernau.