Das Timing könnte besser nicht sein. Während in Berlin ein handfester Theaterstreit tobt, hatte sich Kulturstaatsministerin Monika Grütters, der gern eine zu große Berlin-Nähe nachgesagt wird, zu einer Fahrt in den Westen der Republik aufgemacht, um sich auch dort, von einigen Journalisten begleitet, über die Lage der Theater zu informieren.

Obwohl gerade zum Weltkulturerbe erhoben, wird die deutsche Theaterlandschaft an vielen Orten von klammen Kommunen zusammengestutzt. Spätabends, kurz vor dem Ende der Fahrt, zwischen Mannheim und Bonn, nahm sich die CDU-Politikerin Zeit für ein Gespräch über Relevanz oder Bedeutungsverlust der Stadttheater.

In Berlin fürchten viele Kulturschaffende, dass der Kultursenat die prominente Volksbühne in ein beliebiges Performancezentrum ummodelt, in Mecklenburg-Vorpommern wird die Theaterlandschaft rasiert, während in Bonn wiederum Wutbürger die Schließung ihres Hauses fordern. Ist das Ensembletheater eine gefährdete Kunstform?

Ich denke, die Theater sind mit den Museen die stabilsten Kulturinstitutionen in unserer Kulturnation Deutschland. Sie sind die „Häfen“, um die sich anderes Kulturengagement in Städten und Regionen gruppiert. Aber die Häuser befinden sich in einer Umbruchphase, in der es spannende Entwicklungen gibt, aber auch Gefährdungen. Wenn man in Rostock sieht, wie sich Bürger gegen den Angriff auf ihr Theater wehren, und gleichzeitig in Bonn an der Spitze der Bewegung ein Oberbürgermeister steht, der eine Oper schließen will, dann sind das beides erstaunliche Prozesse.

Und in Berlin?

In Berlin gibt es durch das hohe finanzielle Engagement des Bundes eine andere Situation. Hier sollte die Kulturpolitik der Stadt keine neuen Parallelangebote schaffen, zusätzlich zu denen…

…wie dem Haus der Berliner Festspiele…

…die der Bund in der Stadt schon betreibt. Sie haben es ja selbst auf unserer Theaterreise miterlebt, dass die Berliner Haltung in den Regionen, die um die Existenz ihrer Theater massiv kämpfen, nicht vermittelbar ist.

Sehen Sie ebenfalls die Gefahr, dass Theater zu „Eventbuden“ verkommen, wie das nicht nur der Intendant des Berliner Ensembles befürchtet? Zu Häusern also, die nicht auf ein stehendes Team, ihr Ensemble, zurückgreifen, sondern temporär kreative Leistung einkaufen oder gleich Räume vermieten müssen?

Das eine muss ja das andere nicht ausschließen. Ich halte Sprechtheater für wichtig, auch eines, das experimentiert. Es darf nur nicht beliebig sein und ohne Profil. Nicht zuletzt feste Ensembles prägen den Stil eines Hauses. Im Vordergrund müssen immer der künstlerische Anspruch und die Relevanz stehen, das ist der Auftrag. Und das, bitte schön, nicht auf Kosten der Künstler.

In vielen Kommunen sehen Haushälter die Theater vor allem als Einsparposten und stoßen damit oft auch auf Zustimmung.

Theater sind tatsächlich die größten Posten in jedem Kulturetat. Wenn es den Kommunen, also klassischen Trägern der Theater, schlecht geht, wird natürlich zuerst bei den größten Kostenblöcken geschaut, also bei den Theatern und Opernhäusern – was die Sache erklärt, sie kulturpolitisch aber noch lange nicht rechtfertigt.

Das ist nur ein formales Argument. Warum aber halten Bürgermeister ihre Theater für verzichtbar?

Tatsächlich sind manche Theater nicht mehr richtig in ihrer Stadtgesellschaft verortet, der Dialog mit den Bürgern fordert heute ein neues Miteinander. Allerdings ist die Mehrheit der Häuser schon seit Längerem von ihrem behäbigen Habitus des immer Gleichen abgewichen – das trägt jetzt erste Früchte. Ich habe den Eindruck, dass es sehr viele zuversichtlich stimmende Trends gibt.

Wie zum Beispiel?

Etwa die Zusammenarbeit der Theater mit freien Gruppen. Während man sich früher eifersüchtig voneinander abgegrenzt hat, ist Kooperation heute die Regel. Damit wird auch ein Publikum angesprochen, das vorher vielleicht noch nicht ins Theater gegangen ist. Das Angebot reicht vom Kinder- und Jugendtheater bis hin zu Vorstellungen für Senioren oder auch zu fantasievollen Aktionen mit migrantischen Milieus und für diese. Es gibt viele Ansätze, die zuversichtlich stimmen, dass die Gattung Theater eben nicht am Ende ist. Diese Entwicklung hat allerdings relativ spät eingesetzt, und noch nicht überall haben die Theater den Anschluss an aktuelle Bedürfnisse geschafft.

Die deutsche Theaterlandschaft ist Weltkulturerbe geworden. Trägt das nicht eher zu einer Musealisierung als zur Erneuerung bei?

Oder ist es nicht der passende Versuch, einmal mehr darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig unsere Theater sind und was für eine Sonderstellung die vielfältige Theaterlandschaft Deutschlands im internationalen Vergleich einnimmt? Wir sind das Land mit der höchsten Theaterdichte der Welt. Umso schlimmer ist es, wenn jetzt, da es Deutschland im europäischen Vergleich so gut geht, einzelne Häuser gefährdet zu sein scheinen.

Sollte der Bund den Kommunen stärker unter die Arme greifen?

Das kann er gar nicht. In der Verfassung ist festgeschrieben, dass die Kultur von den Bundesländern verantwortet wird. Ein solcher Appell müsste also an die Länder gehen. Der Bund kann finanziell immer nur einzelne Modellprojekte – zeitlich begrenzt – und zusätzlich zu den Trägern unterstützen. Er kann nicht da Reparaturbetrieb sein, wo Kommunen und Länder daran sparen. Unsere Möglichkeiten bestehen eher darin, auf Probleme aufmerksam zu machen – aber auch auf Chancen und gelungene Experimente.

Zu diesem Zweck haben Sie einen Theaterpreis für eine Million Euro ausgelobt. Kann das mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein sein?

Es geht darum, Theater zu stärken, gerade auch die kleinen und mittleren, die sich mit wichtigen Themen befassen. Echtes Engagement über das Vereinbarte und Erwartbare hinaus soll gewürdigt werden. So eine Art Preis-Gütesiegel kann den Träger, das Land und die Kommune, zu einem höheren Engagement ermutigen. Wir haben gute Erfahrungen mit vergleichbaren Preisen gemacht.

Auch ein Preis wird nichts daran ändern, dass in einigen Theatern mittlerweile mehr Menschen unter öffentlich-rechtlichen Bedingungen in Verwaltung und Technik beschäftigt sind als Schauspieler oder Regisseure, deren Zeitverträge als erste den Sparrunden geopfert werden.

Der Bund versucht, über die Rahmenbedingungen die soziale Absicherung der Künstler zu verbessern. Das geht von Regelungen des Urheberrechts über die Künstlersozialkasse oder eine gerade für Schauspieler verträgliche ALG-I-Regelung bis hin zur Arbeitsstättenverordnung, die künstlerischen Anforderungen Rechnung tragen muss.

Das Ungleichgewicht zwischen Künstlern und administrativ-technischem Personal aber bleibt.

Eines ist klar: Auf Kosten der Kreativen kann man unsere Stadttheater nicht erhalten. Da muss die Politik vor Ort auch den Entwicklungen im Tarifgefüge folgen und die Theater so ausstatten, dass sie ihren Auftrag erfüllen können. Und man kann ja auch neue Strukturen finden. Bislang bleiben jenseits der Fixkosten oft nur noch 20 Prozent für die eigentliche künstlerische Produktion übrig. Das können die Künstler nicht ausgleichen, ohne in unzumutbaren Arbeitsbedingungen zu landen.

Also sind doch neue Strukturen notwendig?

Wenn man radikal denkt, muss man sich Versuche, wie sie an der Volksbühne in Berlin oder am Theater in Jena gemacht werden, näher ansehen. Da ist, anders als bislang üblich, nicht die technische Infrastruktur, sondern der künstlerische Corpus das Grundmuster. Technisches Personal und Bühnengewerke werden nach Bedarf von außen eingekauft. Eine andere Möglichkeit wäre die Umwandlung in eine GmbH, wie es das Berliner Ensemble vorgemacht hat. So wird ein Haus unabhängiger vom öffentlichen Tarif- und Dienstrecht und kann Stellen- und Haushaltspläne flexibler gestalten. Es gibt aber keine Patentrezepte. Vielmehr muss man regionale Besonderheiten beobachten. Aber dass so wahnsinnig viel versucht wird, stimmt mich zuversichtlich. Bonn und Rostock sind zum Glück Ausnahmefälle.

Das Gespräch führte Kerstin Krupp.