Interview mit Maik Klokow: Kein Theater ist mir fremd

Es kommt Bewegung ins deutsche Musical-Geschäft. Immer gab es nur einen einzelnen, mächtigen Marktführer in diesem Bereich, in den Neunzigerjahren war das die Stella unter Rolf Deyhle, seit den Nuller-Jahren ist das die deutsche Stage Entertainment mit Sitz in Hamburg, die zum Imperium des Holländers Joop van den Ende gehört. Das Deutschland-Geschäft hat Maik Klokow aufgebaut, der schon in verschiedenen Berufen Erfolg hatte. Er stammt aus Mecklenburg, war Boxer, Bühnenmeister und Theaterleiter. Die Kombination klang wohl nach besonderer Durchsetzungskraft, sodass ihn van den Ende 2000 für sein Deutschlandprojekt engagierte.

Klokow begann bei null. Als er 2008 hinschmiss, hinterließ er eine Firma mit zehn Theatern, 2 400 Angestellten und 382 Millionen Euro Umsatz. Dann gründete er sein eigenes Unternehmen („Mehr! Entertainment“) in Düsseldorf, betreibt nun sechs Theater, darunter den Berliner Admiralspalast, das Capitol in Düsseldorf, den Musicaldome in Köln, das Theater in Bremen und den Starlight-Express in Bochum. Die erste Eigenproduktion „Kein Pardon“ von Hape Kerkeling in Düsseldorf im letzten Herbst ist sehr erfolgreich angelaufen. Die 650 Mitarbeiter in Klokows Firma machen indessen einen Umsatz von 63 Millionen Euro.

Herr Klokow, Ihre Spielstätten sind umzingelt von Theatern, die ihre Eintrittspreise durch Subventionen künstlich niedrig halten. Warum versuchen Sie ausgerechnet in einem Bereich Geld zu verdienen, in dem andere Steuergeld verbrauchen?

Das ist das Los eines Produzenten. Ein bisschen schwieriger als am Staatstheater, es gibt hohe Risiken, aber auch wahnsinnige Möglichkeiten. Ich bin ja ein großer Befürworter von Staatstheatern, die sollen kein Geld verdienen. Das ist nicht vergleichbar mit dem, was ich mache, wenn ich einen Stoff suche, der möglichst viele Leute begeistert. Natürlich sind die Strukturen fraglich, natürlich kann man fragen, ob das Berliner Revuetheater Friedrichstadt-Palast auch privat laufen würde – ich glaube schon. Aber die Frage steht nicht und das Haus ist auf einem guten Weg. Wenn wir nebenan im Admiralspalast existieren können als Private, macht das auch stolz. Und ich habe größere Freiheiten.

Aber Sie haben doch gerade keine Freiheit, sondern sind gezwungen, bei Strafe Ihres Untergangs den totalen Massengeschmack zu treffen. Schon kleine Risiken sind ruinös: Ihr Vorgänger im Admiralspalast scheiterte unter anderem, weil eine großartige deutsche Erstaufführung wie „Producers“ mit Zigtausenden Zuschauern nicht genug Geld einspielte. Ähnlich ging es dem Theater Bremen mit „Marie Antoinette“. Fördermittel stehen nur der „guten“ Kunst zu, der subventionierten, eingesetzt für die 789. Inszenierung von „My Fair Lady“ am Stadttheater oder für „Kiss me, Kate“ an der Komischen Oper in Berlin.

Sicher, so sind deutsche Förderstrukturen, die werde ich wohl nicht ändern. Wien gibt Subventionen für Musicals aus. Ich habe nur die Freiheit zu entscheiden, „Producers“ zu bringen oder nicht. Und es geht nicht danach, was mir am besten gefällt, sondern danach, was einträglich ist und was ich mir leisten kann.

Sie setzen auf Eigenproduktionen. Weil der internationale Stückemarkt eng und die Importe teuer sind?

In der Stage haben wir schon 2004 umgesteuert – man kann nicht deutschlandweit zehn Theater permanent mit Importen betreiben. Es musste Eigenes entwickelt werden, um unabhängiger zu werden. Das ist bei Stage mit Dynamik passiert, das kann unsere Firma in diesem Tempo nicht leisten. Das Kapital und die Ressourcen müssen wir erst erarbeiten. Wir werden alle zwei Jahre ein neues Stück bringen, das ist riskant genug. „Kein Pardon“ war also eine bewusste Entscheidung, wir hatten viele Angebote für Revivals. 2013 kommt die zweite eigene Show.

Also nicht schon in diesem Herbst, wie es eigentlich für den Admiralspalast angekündigt war, den Sie im Sommer nach dem Konkurs des Vormieters übernommen haben. Dort hört man jetzt Klagen über gestiegene Mieten.

In Berlin wird vorerst kein Open-End-Stück etabliert, das Haus ist gut gebucht, läuft aber noch nicht rentabel. Daher auch andere Mietkonditionen, um überhaupt Deckungsbeiträge zu erwirtschaften.

10 000 Euro Tagesmiete plus Nebenkosten klingt viel für Berlin.

Wir haben noch laufende Investitionen zu tätigen – auch als Mieter. Die versuchen wir auf die Miete umzulegen. Der Mietpreis ist günstiger als in Köln, aber höher als in Düsseldorf. Das ist für die Berliner Friedrichstraße ein fairer Preis.

Der vorige Betreiber Falk Walter wollte hier ein Theater mit Anspruch und Profil etablieren, an die glamouröse Zeit des Amüsierbetriebs anknüpfen, keinesfalls Mittelmaß zulassen. Das Haus sollte reingehalten werden von abgespielten Gastspielen wie „Grease“. Wie halten Sie das?

Die Vision ist lobenswert. Ich würde mich auch gern so zitieren lassen, aber ich habe 650 Angestellte. Wir versuchen schon, einen gewissen Anspruch zu erfüllen, insbesondere bei Eigenproduktionen. Aber wenn es nichts anderes gibt, bringen wir auch Abgespieltes. Als Vermieter brauchen wir die Miete.

Berlin gilt als übersättigt und schwierig, Musical-Unternehmer haben hier viel Geld verloren.

Es kommt auf das Produkt an, Blue Man Group läuft seit sieben Jahren in Berlin. Man ist nicht so schnell mit einer Entscheidung für Berlin wie in anderen Städten. Für „Kein Pardon“ mit Hape Kerkeling in Düsseldorf, hätte ich in Berlin vielleicht nicht als Auftakt gewählt, da brauchte ich das starke Netzwerk in Nordrhein-Westfalen. Als Produzent hat man immer ein Risiko von 50:50. Erst eine Woche nach der Premiere weiß man, auf welcher Seite der 50 Prozent man liegt.

Sie haben ja die Stage 2008 von einem Tag auf den anderen verlassen nach – nach acht erfolgreichen Jahren. Welche Fehler würden Sie nicht wiederholen?

Die Stage ist ein grundsätzlich anderes Unternehmen, spielt in eigenen Theatern selbst kontrollierte Stücke mit offenem Ende, vermietet nicht. Wir sind offener, verstehen uns als Produzent und Spielstättenbetreiber mit kleinen und großen, eigenen und fremden Stücken. Eine wesentliche Unternehmenssäule ist das Ticketsystem, da sind wir einer der wenigen Unabhängigen am Markt. Die Stage hat ihr Ticketing letztes Jahr profitabel verkauft an die CTS-Gruppe, das halte ich für einen Fehler. Bei der Stage ist das deutsche Management teils fremdbestimmt aus Amsterdam, bei uns ist der Eigner auch der Produzent.

Das war ein Streitpunkt bei Ihrem Abgang, der holländische Chef hatte kurz vor einer Premiere den Regisseur ausgetauscht. Wie halten Sie es mit der künstlerischen Freiheit?

Der Produzent wird immer entscheiden, weil er bezahlt, ganz einfach. Es ist eine Gratwanderung, sich einzubringen ohne bestimmend zu sein. Ich versuche zuzuhören, meine Ideen in den Pool zu werfen und erwarte, dass darauf reagiert wird, mehr nicht. Bei „Kein Pardon“ ist das bestens gelungen.

Die Stage war auch ein exzellenter Lehrmeister: In Berlin werden alle Unterhaltungsbühnen von Stage-Leuten oder Ehemaligen geleitet, der Friedrichstadt-Palast, der Admiralspalast, das Theater des Westens, das Theater am Potsdamer Platz.

Na gut, die Stage hat sich als Motor der kommerziellen Entertainment-Industrie verstanden. Sie betreibt nicht nur viele Theater mit großen Stücken, sondern musste auch Leute für die Positionen Marketing, Vertrieb, Produktions-Know-How ausbilden. Die funktionieren auch im nichtkommerziellen Bereich, wie Berndt Schmidt im Friedrichstadt-Palast zeigt. Ich habe vor allem gelernt, wie das Gesamtkonstrukt kommerziell funktioniert – also wer verdient eigentlich womit Geld, mit welcher Idee, welcher Konstruktion, welchem Vertrag. Das lernt man auf keiner Schule. Ich hatte das Metropol-Theater ja schon mal gekauft und musste es gegen meine Überzeugung wieder verkaufen, bevor ich es jetzt als Mieter übernahm. Mir ist kein Geschäft fremd, ich habe alles gemacht, private, verschuldete Häuser übernommen, und ein Staatstheater. Nur deshalb konnten wir schnell zu einer sichtbaren Größe werden, mit fünf Theatern und dem Cats-Zelt.

Jeder fragt sich: Mit welchem Geld hat Maik Klokow das eigentlich angestellt? Bei der Stage stand ein Multimillionär im Hintergrund.

Je weniger Geld man hat, umso kreativer muss man sein.

Man braucht einen Haufen Geld.

Braucht man nicht. Ich bin Mieter. Nur das Theater in Bremen musste habe ich zur Hälfte gekauft. Und das nur, weil es billiger war als es zu mieten. Der Einstieg, also die Übernahme der funktionierenden Düsseldorfer Firma mit zwei Theatern, war kreditfinanziert.

Das Unternehmen Stella, das in den Neunzigern der Marktführer mit sechs bis acht Theatern war, ging zwei Mal in Konkurs, erst unter Rolf Deyhle, dann unter Peter Schwenkow. Das Musical-Theater Bremen, der Admiralspalast, alle haben Pleiten hingelegt. Die Risiken sind doch gewaltig.

Nein, sind sie nicht, nicht in dieser Mischung, in der ich arbeite. Wir produziere nicht überall selbst, gehen nur mit wenigen eigenen Produktionen ins Risiko. Alle anderen Theater werden fremdvermietet.

Sie wollen acht Standorte.

Auf jeden Fall noch ein Theater in Hamburg.

Dann stehen dort bald fünf, das ist doch zu viel.Wir werden sehen, welches Konzept eher funktioniert, das der Stage mit eigenen Shows oder mein offenes Theaterkonzept.

Musicals laufen an fünf Häusern in Hamburg, an nicht einem in München, wie erklärt sich das?

München hat ein Gastspielhaus, das ist ein anderer Markt, es gibt dort ein anderes Ausgehverhalten. Lange Jahre hat August Everding laut gegen das Genre Musical agitiert, das wirkt nach in der Stadt mit ihrem Hochkulturcharakter. München ist ein Risiko, kein Selbstläufer. Ich würde dort nicht investieren.

Sie haben nach Ihrem Bruch mit der Stage ein Leben mit neuer Familie begonnen, kleinem Kind und neuen Vorsätzen – Viertagewoche als Unternehmer statt 70- bis 80-Stundenwoche als Manager. Halten Sie das durch?

Ja, ich arbeite von Montag bis Donnerstag, bin freitags nicht im Büro. Ich muss nicht alles allein machen und versuche, die Arbeit zu verteilen.