Marcia Pally beobachtet und kommentiert seit Jahren die US-amerikanische Politik, besonders die verschiedenen Strömungen des Konservatismus inner- und außerhalb der Republikanischen Partei. Darum ist sie eine hervorragende Gesprächspartnerin, wenn es um die Einschätzung des künftigen Präsidenten geht.

Haben Sie erwartet, dass Trump gewinnt?

Ich war jedenfalls nicht überrascht. Denn ich bin mir der alten, tief in der amerikanischen Kultur verwurzelten Befindlichkeiten bewusst, die er angesprochen hat.

Welche sind das?

Es gibt eine Tradition, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht, bis zu den allerersten englischen Kolonisten – und das ist die Tradition des Anti-Autoritarismus und Anti-Zentralismus. Viele der ersten Siedler gehörten ja religiösen Splittergruppen an und waren vor klerikaler oder politischer Verfolgung in Europa geflohen. Darum suchten sie nach einem Ort fernab staatlicher oder kirchlicher Kontrolle, wo sie die Bibel so auslegen durften, wie sie wollten – und wo sie sich als Gemeinschaft jenseits zentraler Autoritäten konstituieren konnten. Das steckt bis heute ebenso in der amerikanischen DNS wie das Erbe der harten Lebensbedingungen an der Frontier  – wo es schlicht keine Zentralregierung gab, auf deren Unterstützung man vertrauen konnte; darum sind Eigenverantwortung und die Konzentration aufs Lokale bis heute so wichtig.

Schon Ronald Reagan sagte: „Die Regierung ist nicht die Lösung unserer Probleme, sie ist das Problem.“

Genau, und das hatte er nicht erfunden. So ist die Reaktion immer, wenn es in den USA Probleme gibt. Dann heißt es: Wir müssen die Steuern senken, die Regierung verkleinern, das Geld und die Macht an das Volk zurückgeben und an die lokalen Autoritäten. Diese Haltung hat Trump sich zunutze gemacht, indem er in seinem Wahlkampf vor allem gegen das Establishment in Washington polemisierte.

Glauben Sie, das Bernie Sanders als demokratischer Kandidat bessere  Chancen gehabt hätte? Er verkörperte ja auch diese Anti-Establishment-Haltung, als Außenseiter seiner Partei.

Das ist ein sehr guter Punkt. Denn auch Obama gewann die Wahlen 2008 zu wesentlichen Teilen deswegen, weil er als Außenseiter wahrgenommen wurde. Dieser Aspekt überstrahlte sogar die rassistischen Vorbehalte gegen ihn – er gewann in denselben Staaten und in denselben Bevölkerungsgruppen, in denen diesmal die Stimmen an Trump gingen. In dieser Hinsicht hätte Bernie Sanders einen Vorteil gegenüber Hillary Clinton gehabt. Auf der anderen Seite bot er mit seinen ökonomischen Vorstellungen zu viel Angriffsfläche für die Großkonzerne und ihre Lobbyisten bei den Republikanern. Von denen wurde Sanders nicht nur als Sozialist angegangen, sondern als Kommunist. Was in den USA das Schlimmste ist, das man sich vorstellen kann.

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Drohen die Republikaner durch die feindliche Übernahme Donald Trumps zerrissen zu werden?

Ich glaube nicht. Um das zu verstehen, müssen wir uns die Partei etwas genauer ansehen. In der „New Right Coalition“ der Sechzigerjahre fanden drei wesentliche Gruppen zusammen: die konservativen Christen, die Populisten und die Rockefeller-Republikaner, die bessere Bedingungen für die Wirtschaft, insbesondere weniger Steuern verlangten. Zwischen diesen drei Strömungen war das verbindende Glied wiederum die Ideologie des „small government“.

Warum bröckelte diese Koalition?

Die konservativen Christen begannen, sich während der zweiten Amtszeit von George W. Bush abzuspalten, weil sein außenpolitisches Vorgehen etwa im Irakkrieg und die von ihm gutgeheißene Folter mit ihren moralischen Grundsätzen nicht vereinbar war; und auch der populistische Flügel und der Wirtschaftsflügel entfernten sich in dieser Zeit voneinander. Die letzteren beiden hat Trump nun wieder zueinander gebracht. Er hat die einfachen Leute davon überzeugt, dass er auf ihrer Seite steht, und zugleich ein Steuerprogramm aufgelegt, dass den Konzernen Milliarden und Abermilliarden von Dollars in die Kassen spülen wird. Für die Arbeiterklasse und die Mittelschicht wird dabei nicht viel herausspringen – aber das ist deren Angehörigen offensichtlich egal.